Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 703

Wertzuwachssteuer. Auch in alten Ländern besteht das Problem, wie die Wertsteigerung des Grundbesitzes, die durch die allgemeine politische und wirtschaftliche Entwicklung entsteht, für die Gesamtheit in Anspruch genommen werden kann. Erst recht ist das der Fall in Neuländern, in denen anfänglich der Wert des Grund und Bodens ganz unbedeutend ist. Bei landwirtschaftlich genutztem Besitze wird die Wertsteigerung allerdings in erster Linie durch die Arbeit und die Kapitalverwendungen des Kolonisten verursacht, soweit nicht durch Verkehrsverbesserungen (Eisenbahnen!) eine Wertsteigerung erfolgt. In städtischen Siedelungen dagegen kann durch den Vorzug der Lage, ohne Zutun des Eigentümers, eine ganz bedeutende Wertsteigerung entstehen, die steuerlich in Anspruch genommen werden kann. Bei der Ordnung der Grundbesitzverhältnisse von Tsingtau (V. betr. Landerwerb vom 2. Sept. 1898) ist bestimmt worden, daß bei Weiterveräußerung von Grundbesitz ein Drittel des Reingewinns erhoben wird, was durch das Vorkaufsrecht des Fiskus gesichert ist. Bei Berechnung des Reingewinnes wird der Wert der an dem Grundstück vorgenommenen Verbesserungen nebst Zins von 6% vom Preise abgezogen. Konstruiert ist diese Abgabe nicht als Steuer, sondern als vom Käufer übernommene, ins Grundbuch eingetragene Verpflichtung. - Bei Grundstücken, die innerhalb 25 Jahren den Eigentümer durch freiwilligen Verkauf nicht gewechselt haben, behält sich das Gouvernement die Auflage einer besonderen einmaligen Abgabe vor, welche den obigen Gewinnanteil nicht übersteigen darf. Einen ähnlichen Zweck, wenn auch äußerlich nicht in der Form einer Steuer, verfolgt die Bestimmung des § 4g des Gesetzes von 1908 über die Schutzgebietsanleihen. Danach sind Grundeigentümer, soweit Anleihen zu Verkehrsanlagen u. dgl. Verwendung finden, zu einer ihren Interessen entsprechenden Leistung heranzuziehen. Hierher gehört auch der 1910 aufgestellte Grundsatz, Grundstücke an wichtigen Verkehrsplätzen (Bonaberi, Edea) nur zu verpachten.

Rathgen.