Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 729 f.

Würger, Laniidae, Singvögel mit kräftigem Schnabel, dessen Spitze in einen Haken abwärts gebogen ist und der hinter diesem Haken eine zahnartige Auskerbung hat. Von den zehn Handschwingen ist die erste stets wohl entwickelt. Die W. verbreiten sich über die ganze östliche Erdhälfte, einige Arten kommen auch in Nordamerika vor, und etwas abweichende Formen, die nur unter Vorbehalt der Gruppe der W. zugezählt werden können, in Südamerika. Sie bewohnen weniger den Urwald als Waldränder und Triften, die von kleinen Gehölzen durchsetzt sind. Hier sitzen sie auf hervorragenden Baum- und Buschwipfeln und stoßen von diesen Warten aus auf vorüberfliegende Insekten, die sie im Fluge erhaschen, oder nehmen ihre Beute von der Erde auf. Die größeren stellen. kleinen Wirbeltieren, Reptilien, Mäusen und jungen Vögeln nach. Einzelne Arten pflegen auch nach Art der Falken sich rüttelnd auf einer Stelle in der Luft zu halten, um Beute zu erspähen, die sie dann durch plötzliches Niederstoßen fassen. Die Nester werden in Büschen und auf Bäumen angelegt. Es sind dickrandige, aber nicht besonders feste und noch weniger künstlerisch ausgeführte napfförmige Baue aus Reisern und Grashalmen, oft mit Moos gedichtet. Die Eier sind auf weißlichem, bräunlichem oder grünlichem Grunde braun oder rötlich gefleckt. Die meisten W. haben eine wohlklingende melodische Stimme und verstehen meisterhaft, die Strophen anderer Vögel nachzuahmen und mit dem eigenen Gesange zu verschmelzen. In Afrika trifft man neben Vertretern der eigentlichen W., Gattung Lanius, einige recht auffallende Formen. Zu diesen gehören zunächst die Buschwürger, Laniarius, schwarz oder schwarz und weiß gefärbte Vögel, mehrere Arten auch mit gelber oder roter Unterseite, die meisten aber- mit halbverdeckten runden weißen Flecken auf dem Bürzel. Die Buschwürger fallen durch ihre schöne flötende Stimme und durch die Eigenschaft auf, daß beim Gesange die beiden Gatten eines Paares im Duett zusammenwirken, indem das Weibchen der Strophe des Männchens einen Schlußakkord mit solchem Geschick anhängt, daß der Uneingeweihte die Stimme eines einzelnen Vogels zu hören vermeint. Meister in dieser Hinsicht ist namentlich der in Ostafrika heimische Flötenwürger, Laniarius aethiopicus. Gleich ihm schwarz und weiß gefärbt ist der in Ost- und Westafrika vorkommende L. maior. L. leucorhynchus in Westafrika ist einfarbig schwarz und hat im Alter zur Fortpflanzungszeit einen weißen Schnabel. Der in Ostafrika sehr häufige L. funebris ist schiefergrau. L. atrococcineus in Südwestafrika ist oberseits schwarz, unterseits rot. - Der Gattung Laniarius ist die Form Dryoscopus sehr ähnlich, bei der aber der Bürzel nicht mit runden weißen Flecken gezeichnet, sondern eintönig weiß oder grau ist. - Die Gattungen Chlorophoneus und Malaconotus fallen durch grün und gelbes Gefieder auf, das bei Chlorophoneus vielfach noch durch brennend rote Töne gehoben wird, jene durch kleinen schwachen, diese durch starken Schnabel gekennzeichnet. - Die Brillenwürger, Prionops, haben ihren Namen von den gelben oder roten, oft breiten und lappigen Augenlidern, die Stirnfedern sind borstenartig aufwärts gerichtet und bilden eine Art Helm, oder die Scheitelfedern sind zum Schopf verlängert. In Westafrika P. plumata, in Ostafrika P. poliocephala. - Auf Neuguinea und den Bismarckinseln finden sich Vertreter der über die ganze australische Region in zahlreichen Arten verbreiteten Dickkopf Würger, Pachycephala, kleinere Vögel von der Größe unseres Neuntöters, vielfach mit gelblichem oder grünlichem Gefieder, schwarzem Kopf und schwarzer Umsäumung der Kehle. - Der Insel Neuguinea und den zugehörenden Inseln eigentümlich ist die Gattung Rhectes, Vögel von der Größe unserer Grauwürger mit gestreckterem Schnabel, im Gefieder Rotbraun und Schwarz vorherrschend. Ebenfalls rein australisch ist die Gattung Krähenwürger, Cracticus, größere Vögel von fast Dohlengröße mit starkem Schnabel, dessen Firste breit abgerundet ist und der schlitzförmige Nasenlöcher hat. Das Gefieder ist schwarz oder schwarz und weiß. C. cassicus von Neuguinea ist schwarz und weiß gezeichnet und hat perIgrauen Schnabel. - Auf Samoa lebt eine diesen Inseln eigentümliche Pachycephala, P. flavifrons, auf den Palauinseln der ebenfalls dort endemische Rhectes tenebrosus. - Kiautschou wird von echten, unserem Neuntöter sehr ähnlichen Würgern, Lanius luzionensis und L. tigrinus, bewohnt.

Reichenow.