Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 604

Vererbung. Die Tatsache, daß Rassen- und persönliche Merkmale der Eltern und Voreltern bei den Nachkommen wiederkehren, ferner das Zustandekommen dieser Erscheinung bezeichnet man als V. Bekannt ist die V. körperlicher Merkmale, wie Größe, Statur, Augen- oder Haarfarbe, selbst unbedeutender Einzelheiten, wie der Muttermale; ein beliebtes Beispiel der V. bildet der durch 6 Jahrhunderte verfolgbare Habsburger Familientypus, der eine stark entwickelte Unterlippe bei vorstehendem Kinn u.a. zeigt. Auch Anomalien wie der Albinismus (s.d.), die Farbenblindheit, die Bluterkrankheit unterliegender V. Schließlich sind zahlreiche Beispiele für die V. geistiger Eigenschaften und Anlagen bekannt, wie sie die Musikerfamilie Bach, die Naturforscherfamilie Darwin u.a. darstellen, oder Besonderheiten des Charakters, des. Temperaments usw., die der Historiker verfolgt. Die Forschung hat die Frage der V. von verschiedenen Seiten her angefaßt; die eine stellt das Studium der materiellen Grundlagen dar. Als solche erscheinen die Geschlechtszellen, die wie andere Zellen aus Zelleib und Zellkern bestehen und unter verschiedenen Veränderungen Reifungsprozesse durchlaufen, die das mütterliche Ei und die väterliche Samenzelle ergeben. Bei der Befruchtung dringt der Kern der Samenzelle in das Ei ein und verbindet sich mit dessen Kern. Da nun der aus dem Ei entstehende kindliche Organismus auch väterliche Eigenschaften besitzt, so können sie nur durch den Samenkern in das Ei übertragen worden sein. Es liegt nun nahe, den Eltern als Träger der mütterlichen Eigenschaften anzusehen und die Bedeutung der Befruchtung in der Mischung der väterlichen und mütterlichen Merkmale zu suchen. Wenn auch über eine Anzahl von Einzelheiten des Vorganges nichts Sicheres bekannt ist, so bietet diese Beobachtung doch die Grundlage für das Verständnis der Tatsache, daß die Eigenschaften der Art und der Rasse von den Eltern auf die Kinder, Enkel usw. übergehen. Anders steht es mit der Vererbung von Eigenschaften, die individuell erworben sind, und die große Wichtigkeit dieser Frage für den Pflanzen- oder Tierzüchter hat eine sehr umfangreiche experimentelle Forschung hervorgerufen. Die Ergebnisse der einzelnen Arbeiten haben jedoch allgemein anerkannte Deutungen nicht gefunden. Zunächst liegt keine V. erworbener Eigenschaften vor, wenn Infektionskrankheiten bei Eltern und Kindern auftreten, die auf pränataler Infektion des Kindes beruhen; findet die Erkrankung des Kindes nach der Geburt statt, so kann es zwar die Disposition zur Erkrankung, nicht aber die Krankheit selbst ererbt haben. Wohl aber handelt es sich um V. erworbener Eigenschaften überall da, wo eine auf der Wirkung der Umwelt (s.d.) beruhende Modifikation der elterlichen Organismen auf die Kinder übertragen wurde. Hier tritt die V. nur ein, wenn die Wirkung der Umwelt nicht nur den Körper, sondern vor allem auch die Geschlechtszellen betroffen hat. Erkrankt der Trinker an Katarrhen, Leberzirrhose, Delirium, so zeigen sich die Wirkungen in seinen Nachkommen in allgemeiner Schwäche, geringem Widerstand gegen Krankheiten und der Neigung zu Psychosen. Besonders wichtige Einblicke in die Art, wie die V. erfolgt, ergeben sich aus den Mendelschen Regeln (s.d.) und der darauf weiterbauenden Erforschung der Bastarde (s. Mischlinge). Sie zeigt, daß durch die Kombination von Merkmalen neue Formen erscheinen, ohne daß etwas wirklich Neues entsteht. - Die bisherigen Forschungen würden die Behauptung, daß die Nachkommen der nach Nordamerika, Südafrika usw. ausgewanderten Europäer andere und neue äußere Merkmale gegenüber den in Europa verbliebenen aufzuweisen haben, verständlich machen und entsprechende Änderungen auch in anderen Gebieten erwarten lassen. Allein sie reichen nicht aus, um etwa eine Voraussage über die Akklimatisation (s.d.) der weißen Rassen in den Tropen zu gestatten.

Literatur: V. Häcker, Allgem. Vererbungslehre, Braunschw. 1912. - C. Kronacher, Grundzüge der Züchtungsbiologie, Berl. 1912.

Thilenius.