Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 548 f.

Trypanosomen sind protozoische Parasiten zahlreicher Warm- und Kaltblüter. Der Name T. bedeutet Bohrkörper und ist wegen der Art der Bewegung gewählt worden. Nicht alle Arten sind Krankheitserreger. Es handelt sich um Flagellaten, d.h. geißeltragende Protozoen (s.d.), von schlankem Bau, die hauptsächlich in den flüssigen Geweben ihrer Wirte (Blut, Lymphe, Knochenmark, Gehirn - Rückenmarkflüssigkeit, Herzbeutelflüssigkeit usw.) leben. Sie dringen, im Gegensatz zu anderen parasitisehen Protozoen (z.B. Malariaparasiten, s. Malaria), nur ausnahmsweise in Körperzellen ein und schwimmen meist frei in der Flüssigkeit umher. Hier können sie sich ungeheuer - meist durch Zweiteilung - vermehren; aber sie wirken nicht durch ihre Menge allein krankheitserregend, da wir Arten kennen, die, trotzdem sie oft im Blute zahlreicher sind wie manche Blutzellen, keinerlei Schädigung des Wirtes verursachen, z.B. Ratten - T. (T. lewisi). Die T. die Krankheiten verursachen, müssen daher im Körper Gifte hervorbringen, die wir aber noch nicht näher kennen. Der Nachweis der T., die in der Körperlänge ungefähr dem Durchmesser von 3 - 6 roten Blutkörperchen entsprechen, kann nur durch das Mikroskop erfolgen, entweder im frischen ungefärbten Zustande, wobei sie durch ihre Bewegung kenntlich werden, oder nach Antrocknen und entsprechender Färbung. Die krankheiterregenden Formen sind dabei morphologisch oft kaum zu unterscheiden, und man hat daher bei der Einteilung in besondere Arten das Wesen der Krankheit, die Verbreitung des Vorkommens und auch die Übertragungsweise berücksichtigt. Ein großer Teil ist auf tropische Gebiete beschränkt, was hauptsächlich dadurch erklärt wird, daß sie durch bestimmte Insekten übertragen werden, die nur in den Tropen leben können; nur wenige werden durch direkte Berührung überimpft.

Die wichtigsten krankheitserregenden T. sind:

1. Trypanosoma gambiense, entdeckt 1901 von Dutton, Erreger der menschlichen Trypano. somiasis, der Schlafkrankheit (ausführlicher unter dieser) (s. Farbige Tafel Erreger der Tropenkrankheiten I Abb. 5). Der Überträger. ist Glossina palpalis (s. auch Tsetsefliegen). Eine Varietät von ihm ist wahrscheinlich Trypanosoma rhodesiense, das als Schlafkrankheitserreger entdeckt wurde, in Gegenden, wo Glossina palpalis fehlt und nur morsitans und brevipalpis vorkommen, von denen wohl die erstere der übertrager ist -

2. Trypanosoma brucei, entdeckt 1895 von Bruce, Erreger der Tsetsekrankheit der Haustiere, Nagana, in Afrika (s.d). Überträger sind Gl. morsitans, brevipalpis und ev. andre Glossinen. -

3. Eine Reihe anderer in Afrika vorkommender, für Säugetiere pathogener T., über deren Artverschiedenheit noch nicht allgemeine Übereinstimmung herrscht. Hierher gehören Trypanosoma congolense, dimorphon, pecaudi, pecorum, nanum, vivax, cazalboui, frobeniusi, uniforme, togolense, soudanense, bovis, caprae, suis, somaliense, cellii.

4. Trypanosoma evansi, 1880 von Evans als Erreger der "Surra" (s.d.) der Haustiere Indiens entdeckt. Inzwischen nachgewiesen in Indien, Indochina, HolländischIndien, Philippinen, Austral en, Afrika u.a. Orten. Die Übertragung geschieht durch verschiedene Stechfliegen (Tabanus, Stomoxys) wahrscheinlich rein mechanisch, d. h. ohne daß eine Entwicklung in diesen stattfindet. -

5. Trypanosoma equinum, entdeckt 1901 von Elmassian als Erreger einer nur bei Equiden (Pferden, Maultieren) Südamerikas vorkommenden Seuche, genannt Mal de Caderas. Überträger wahrscheinlich auch Stechfliegen. Die in Mittelamerika gefundenen Trypanosoma hippicum und venezuelense sind wohl nur Varietäten von ihm. -

6. Trypanosoma equiperdum, entdeckt 1894 von Rouget als Erreger der Beschälseuche (Dourine) der Pferde, die in Europa, Asien, Nordafrika und Amerika vorkommt. Es ist das einzige bekannte pathogene T., das regelmäßig ohne Überträger, sondern durch direkten Kontakt, nämlich den Geschlechtsakt, übertragen wird.

7. Trypanosoma theileri, entdeckt 1903 von Theiler, ist ein nur bei Rindern vorkommendes T. von besonderer Größe, das neuerdings bei Rindern der ganzen Welt vorgefunden wurde und meist einen harmlosen Parasiten darstellt. -

8. Schizotrypanum cruzi, entdeckt 1909 von Chagas als Erreger einer im Staate Minas Geraes in Brasilien vorkommenden menschlichen Seuche, die Entwicklungshemmungen, Herzstörungen und allgemeine Blutarmut verursacht und oft tödlich endet. Der Überträger ist eine Wanzenart: Triatoma conorhinus. Dies T. ist wissenschaftlich wegen besonderer Entwicklungsformen im Säugetier und Überträger von höchstem Interesse. Wirksame Heilmittel gegen die T. sind in völlig befriedigender Form noch nicht gefunden; am besten bewährt haben sich bis jetzt einige Arsenikalien (Atoxyl, s.d., Arsenophenylglycin, s.d.), Salvarsan, Tartarus stibiatus, Auripigment und einige Farbstoffe. Eine Gewinnung von spezifischen Immunsera ist bisher in praxi auch noch nicht gelungen, wenn auch bei Laboratoriumsversuchen einige Erfolge erreicht wurden.

Literatur: Laveran und Mesnil, Trypanosomes et Trypanosomiases. Paris 1912. - Z. Mayer, Pathog. Trypanosomen: v. Prowazeks Handbuch d. pathog. Protozoen, Leipzig 1912. M. Mayer, Trypanosomen als Krankheitserreger in Kolle- Wasserm. Handbuch d. pathog. Mikroorganismen, Jena 1912.

Martin Mayer.