Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 540 ff.

Tropenkrankheiten (s. farbige Tafeln Erreger der Tropenkrankheiten I/II). Die gewöhnlich als T. bezeichneten Krankheitsformen beschränken sich in ihrem Vorkommen durchaus nicht auf den Tropengürtel, sehr viele davon und mit die wichtigsten, greifen weit darüber hinaus. Manche Autoren, z.B. Scheube, haben deshalb diese Bezeichnung ganz aufgegeben und sprechen nur von "Krankheiten der warmen Länder". Aber auch das hat seine Schwierigkeiten. Abgesehen davon, daß man über den Umfang des Gebietes, das man zu den "warmen Ländern" rechnen soll, sehr verschiedener Ansicht sein kann, würden Zweifel darüber bestehen bleiben, ob man zu den "Krankheiten der warmen Länder" nur solche zählen soll, die ihrer Natur nach nur in wärmeren Ländern heimisch sein oder wenigstens nur dort größeren Umfang annehmen oder sonst größere Bedeutung erlangen können oder ob man noch die Krankheiten hinzurechnen soll, die zwar augenblicklich in den wärmeren Ländern besonders verbreitet sind, dies aber nicht inneren, unmittelbaren oder mittelbaren, ursächlichen Beziehungen zu dem wärmeren Klima, sondern mehr den augenblicklichen Kulturverhältnissen in jenen Ländern verdanken und bei ähnlichen, hygienisch ungünstigen Kulturverhältnissen auch in kälteren Breiten dieselbe Ausbreitung erlangen können, wie in den "wärmeren Ländern". Die meisten Autoren rechnen augenblicklich auch diese Krankheiten noch zu den T. oder zu den Krankheiten der wärmeren Länder. Wir wollen dem folgen und diese Krankheiten als

1. Gruppe der "Tropenkrankheiten" unterscheiden. Hierher gehören u. a. Pest (s. d.), Cholera (s. d.) und Aussatz (Lepra, s. d.). Das Nähere über diese ist in den betreffenden Kapiteln zu finden, die Erreger sind auf der farbigen Tafel Erreger der Tropenkrankheiten II Abb. 10, 11 und 12 abgebildet. Ihre Verbreitung ist an kein Klima gebunden, sie haben früher in Deutschland und noch nördlicher schwere Verheerungen angerichtet; der Aussatz herrscht noch in endemischer, wenn auch nicht beträchtlicher Verbreitung in Norwegen und Rußland. Die mandschurische Pest ist noch in aller Gedächtnis. Aber im ganzen genommen überwiegen diese Krankheiten jetzt in den wärmeren Ländern, weil sie dort durch die Kulturverhältnisse mehr begünstigt werden als in den höher entwickelten Kulturländern der kälteren Breiten. Dies gilt im ganzen und großen auch für eine andere Gruppe von Krankheiten, die nicht zu diesen Infektionskrankheiten gehören, sondern durch gewisse Mängel in der Ernährung bedingt sind. Diese Mängel haben ihren Grund in Volksgewohnheiten und in den sonstigen Kulturverhältnissen. Gemeint ist die Gruppe der Beriberikrankheiten (s. Beriberi). Die echte Beriberikrankheit ist bei den Reis essenden Völkern Ostasiens heimisch, sie wandert aber mit den Chinesen, Japanern usw. über die Erde in beliebige Gebiete, sofern die Einwanderer ihre unzweckmäßige Gewohnheit, sich ganz überwiegend und ohne genügende Ergänzung durch andere Beikost mit Reis zu ernähren, beibehalten. Die Krankheit tritt auch bei anderen Völkern, sogar auch bei nicht Reis essenden Europäern, bei einseitiger Ernährung mit unzweckmäßigen Nahrungsmitteln auf als reine Beriberi oder mit mehr oder minder abweichenden Erscheinungen, häufig in Verbindung mit Skorbut (s.d.), der ebenfalls zu dieser Gruppe von Ernährungskrankheiten gehört. Ferner gehören zu der ersten Gruppe der Krankheiten der wärmeren Länder noch gewisse, durch Eingeweidewürmer (s. Eingeweidewürmer des Menschen) bedingte Krankheiten des Darmes und der damit zusammenhängenden Organe. Diese Parasiten schmarotzen außer im Menschen noch in Tieren, großen und kleinen, und gelangen durch den Genuß von rohem Fleisch, rohen Fischen u. dgl. in den Menschen. Wo das Essen solch roher Nahrungsmittel Volkssitte ist, wie das z. B. in Japan mit dem Genuß von rohen Fischen der Fall ist, herrschen diese Krankheiten in starker, endemischer Verbreitung. -

2. Als 2. Hauptgruppe der Tropenkrankheiten können wir die echten Klimakrankheiten unterscheiden, die unmittelbar durch das Klima, z. B. durch Sonnenwirkung, durch die tropische Hitze in Verbindung mit der tropischen Feuchtigkeit bedingt werden. Hierher gehören der Sonnenstich (s.d.), der Hitzschlag (s. Sonnenstich) als akute, klimatische Schädigungen, während Schlaflosigkeit, Nervosität, Herzschwäche, Verdauungsstörungen u. a. m. sich erst nach längerem Aufenthalt als chronische Klimawirkungen einzustellen pflegen (s. Nervenkrankheiten). Dazu gehören auch einige nicht infektiöse, tropische Hautkrankheiten (s.d.), wie der "Rote Hund" (s.d.) der Tropen u. a. m. Diese klimatischen Krankheiten im engeren Sinne äußern sich in sehr verschiedener Stärke je nach der Disposition der Befallenen, der individuellen sowie der Rassendisposition. Es gibt Tropenpathologen, die behaupten, daß die dunkelhaarigen Europäer und von den blonden diejenigen, die leicht und intensiv von der Sonne gebräunt werden, die klimatischen Einwirkungen der Tropen leichter ertragen als die ganz hellblonden, zarthäutigen. Jedoch würden erst ausgedehntere Untersuchungen über diese interessante Frage Klarheit schaffen können; die bisherigen Feststellungen genügen dazu nicht. Übrigens ist die Zahl dieser unmittelbar durch das tropische Klima bedingten Krankheiten in den letzten Jahrzehnten erheblich eingeschränkt worden, weil viele Leiden, die man früher unmittelbar durch Klimawirkungen erklären zu müssen glaubte, auf Grund neuerer Forschungen auf infektiöse Einflüsse zurückgeführt worden sind. Das gilt u. a. auch von der tropischen Blutarmut (s. d.), die man früher mit dem verhältnismäßig geringeren Sauerstoffgehalt, der Luft in den Tropen und mit anderen klimatischen Verhältnissen in Verbindung bringen zu müssen glaubte, während wir jetzt wissen, daß die Blutarmut der Tropen immer infektiösen Ursprungs ist und durch chronische Blutinfektionskrankheiten (Malaria s.d.) oder Darminfektionen u. dgl. (s. Dysenterie) bedingt wird. -

3. Im Gegensatz zu dieser zweiten Gruppe hat die Bedeutung der 3. Hauptgruppe und der Umfang der dazu zu rechnenden tropischen Krankheiten gerade in den letzten Jahren mit wachsender Erkenntnis mehr und mehr zugenommen. Es sind die wichtigsten und am weitesten verbreiteten Tropenkrankheiten, nämlich das Heer derjenigen tropischen Infektionskrankheiten, die zwar nicht unumgänglich an das Tropenklima gebunden sind, die aber durch das wärmere Klima indirekt begünstigt werden. Sie werden durch Insekten übertragen, die entweder nur in den Tropen gedeihen, wie z.B. die Schlafkrankheitsfliege (s. Tsetsefliegen und Schlafkrankheit), oder wenigstens in ihrer Verbreitung, sowie darin vom tropischen Klima begünstigt werden, daß die Entwicklung, die die Krankheitserreger in diesen Insekten durchmachen müssen, damit die Krankheit auf Menschen übertragen werden kann, durch die höhere Temperatur der Tropen erheblich beschleunigt und auch sonst befördert wird. Meist handelt es sich um Blutinfektionskrankheiten, die durch blutsaugende Insekten übertragen werden. Hierher gehören die Malaria (s.d.), das Gelbfieber (s.d.), einige Filarienkrankheiten (s. Filarien), die durch Mücken übertragen werden, das Hundsfieber, das Denguefieber (s.d.), die ebenfalls durch eine Art von Mücken übertragen werden, das Heer der afrikanischen Trypanosomenkrankheiten (s. Trypanosomen) einschließlich der Schlafkrankheit (s.d.), die durch die Tsetsefliege übertragen werden, während dies bei der brasilianischen Trypanose durch eine Wanzenart geschieht. (Das Nähere ist unter den betr. Krankheiten zu finden; die Erreger der Malaria und Schlafkrankheit sind auf der farbigen Tafel Erreger der Tropenkrankheiten 1 Abb. 1 - 6, der Filarienkrankheiten auf farbiger Tafel Erreger der Tropenkrankheiten II Abb. 1 und 2 abgebildet.) Ferner kommen als Überträger von Krankheiten aus dieser Gruppe tropischer Leiden Zecken (s.d.) (afrikanisches Rückfallfieber [s. Rückfallfieber], tropische Tierkrankheiten), Milben (japanische Kedanikrankheit), Läuse (indisches und europäisches Rückfallfieber) in Betracht. Bei einigen tropischen Infektionskrankheiten kennt man das übertragende Insekt noch nicht, man muß aber annehmen, daß auch dabei die Infektion durch den Stich bestimmter Insekten zustande kommt (Orientbeule, Kala - Azar [s.d.] u. a. m. [Näheres bei diesen, die Erreger der Kala - Azar s. Farbige Tafel Erreger der Tropenkrankheiten I Abb. 6]). Ob Insekten bei Übertragung der tropischen (Amöben-) Ruhr (s. Dysenterie) (s.d.; die Erreger s. farbige Tafel Erreger der Tropenkrankheiten II Abb. 3) eine wesentliche Rolle spielen, steht noch nicht fest, es dürfte sich aber dabei um mehr zufällige Verschleppung des Krankheitsstoffes handeln; auf Insekten als Wirtstiere, in denen sie erst eine besondere Entwicklung durchmachen müssen, ehe sie infizieren können, sind die Ruhrerreger nicht angewiesen. Immerhin dürfte das wärmere Klima auch die Übertragung der Ruhr von einem Menschen auf den anderen mit oder ohne Beihilfe von Insekten begünstigen. Auf den Tropengürtel beschränkt ist keine dieser Infektionskrankheiten; manche, wie die Malaria, dringen unter Umständen bis weit in die gemäßigten Zonen hinauf, andere können, wie das gelbe Fieber, nur in heißen Sommern die Tropen und Subtropen überschreiten. Das hängt von der Natur des Infektionsstoffes und der Widerstandsfähigkeit der übertragenden Insekten gegen niedere Temperaturen ab. Jedenfalls finden sich bei allen diesen Krankheiten gerade in den Tropen die bösartigsten Formen. Sie fehlen aber auch in den Tropen trotz günstiger klimatischer Vorbedingungen dort, wo die krankheitsübertragenden Insekten nicht vorkommen oder der Infektionsstoff noch nicht eingeschleppt ist. - Bei dieser wichtigsten Gruppe der tropischen Krankheiten sind glücklicherweise die Aussichten auf erfolgreiche Bekämpfung am größten. Während die Kulturverhältnisse, die die Krankheiten der ersten Hauptgruppe in einigen wärmeren Ländern begünstigen, nur sehr langsam und oft unter dem Widerstand, ja oft nur um den Preis des Rückganges und der Ausrottung der eingeborenen Bevölkerung gebessert werden können und während die unmittelbaren klimatischen Einwirkungen, durch die die Krankheiten der 2. Gruppe bedingt werden, überhaupt durch menschliche Einwirkung nicht geändert, sondern nur in ihrer Wirkung bis zu einem gewissen Grade abgeschwächt werden können, bietet der Kampf gegen die Krankheiten übertragenden Insekten. mit wenigen Ausnahmen günstige Aussichten. Natürlich muß man, um ihn führen zu können, die Lebensbedingungen dieser Insekten aufs genaueste kennen, ehe man mit Erfolg Mittel zu ihrer Vertilgung anwenden kann. Das hat zur Ausbildung einer neuen Teilwissenschaft, der medizinischen Entomologie geführt, die ein theoretisch wie praktisch wichtiges Glied der Tropenhygiene (s. Gesundheitspflege) geworden ist.

Nocht.