Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 463

Technik der Eingeborenen (s. Tafel 190). 1. Werkzeuge. 2. Steinbearbeitung. 3. Töpferei. 4. Verarbeitung tierischer Rohstoffe. 5. Verarbeitung pflanzlicher Rohstoffe; Holzschnitzerei, Rindenstoffe. 6. Flechterei, Weberei.

Rohstoffe, die die Natur bietet, versteht der Mensch nach seinen besonderen Zwecken und Absichten zu formen. Die Arbeitsverfahren sind in dem Rohmaterial begründet, stellen aber auch eine Leistung des menschlichen Geistes dar. Das letztere Element, das eine Generation der anderen übermittelt, nennt man T. Sie kann ausgebaut werden durch Verfeinerung der Methoden, durch Anpassung an neue Rohstoffe, aber auch abnehmen und zerstört werden, wenn neue Arbeitsweisen die alten ersetzen oder die heimischen Erzeugnisse durch eingeführte abgelöst werden. Insbesondere vernichtet die Einfuhr europäischer Erzeugnisse überall die alten Techniken, doch wird dadurch nicht allein eine aus anderen Gründen vielleicht erwünschte Entlastung der Arbeitenden erzielt, die bisher ihre Kraft auf durchweg mühsame und zeitraubende T. verwenden mußten, sondern es geht gleichzeitig ein Erziehungsmittel verloren, und die Kultur verarmt vor allem nach der künstlerischen Seite hin, denn jede T. bietet dem Individuum reichlich Gelegenheit zur Entfaltung seiner Geschicklichkeit und seines Geschmackes. Dieses individuelle Moment spielt eine um so größere Rolle, als der Eingeborene die Mechanisierung der Arbeit, wie sie die Maschine bietet, ursprünglich nicht kennt und erst neuerdings annimmt.

1. Werkzeuge. Seine wichtigsten Werkzeuge sind seine eigenen Glieder, die er in außerordentlich geschickter Weise verwendet, indem er z. B. die Schnur zwischen den Zehen beider Füße ausspannt, um dann mittels der Hände die mit den Zähnen hergerichteten Bänder an sie zu knüpfen, wenn er einen Schurz herstellen will. Die Mehrzahl der technischen Arbeiten wird im Hocken oder Sitzen ausgeführt, um den Boden als Arbeitsfläche benutzen zu können, die Geräte, die als Hilfsmittel dienen, sind einfachster Art und erweisen sich fast alle als Projektionen der Organe des menschlichen Körpers. Körperfremdes Material, von dem die Entwicklung der Werkzeuge ausgeht, ist zunächst der Stein, den die Hand faßt, um zu zertrümmern, zu zerreiben und zu stampfen. Er vertritt zum Teil noch heute in Afrika den Hammer des Schmieds. Steinsplitter mit scharfen Kanten führen zum Schaber und zum Messer; der der Härte nach dem Stein verwandte Haizahn dient zum Bohren und Sägen, der scharfe Rand einer Muschel zum Schneiden und Schaben. Dem Messer (s.d.) verwandt ist der Meißel; setzt man Steinsplitter oder Haizähne nebeneinander in einen Holzgriff, so erhält man die Säge, die Raspeln und Feilen, die dagegen in Ozeanien aus Korallenstücken oder Rochen- und Haihaut bestehen. Ein Knieholz ergibt die Hacke; bildet ein zugeschärftes Stück Stein oder Muschel den kurzen Schenkel, so erhält man die Axt (s.d.). Diese einfachen Werkzeuge sind zum Teil heute noch bei Naturvölkern in Gebrauch, andere können auf sie zurückgeführt werden, obgleich die Metalltechnik einen großen Formenreichtum hervorrief, der die Anpassung z.B. des Messers an die verschiedensten Zwecke ermöglichte und u.a. die Schere ergab. Wenn auch nicht anzunehmen ist, daß alle T. jedes größeren Gebiets selbständig erfunden wurden, da manche Verfahren einander mitunter völlig gleichen (Flechterei), so ist doch ihre Wanderung im einzelnen bisher kaum nachzuweisen. Erschwerend wirkt hierbei der Umstand, daß eine Reihe von T. an das Vorkommen bestimmter Rohstoffe anknüpft, wie die Metallindustrie (s.d.), die Töpferei oder die Verwertung von größeren Säugerfellen, daß ferner engverwandte T. verschiedene Rohstoffe behandeln, wie Stein und Muschel. Eine Übersicht über die wichtigsten T. geht daher am besten von den Rohstoffen aus.

2. Steinbearbeitung. Ihr Gebiet ist heute vor allem die Südsee, wo sie indessen vor dem eingeführten Eisen ebenso zurückgeht, wie sie in Afrika schon weit früher der Eisentechnik Platz machte. Werkstücke bietet das Geröll der Wasserläufe und Küsten, seltener anstehendes Gestein, das man erst zertrümmern muß. Das Geröll ist handlich, muß aber oft noch zerkleinert werden. Durch Einschleifen von Rinnen zeichnet man die Stücke vor, in die ein Block brechen soll, wenn er zerschlagen wird; wiederum durch Schleifen erhält das Stück seine endgültige Gestalt, nachdem zunächst durch Abschlagen von Splittern die Umrisse hergestellt sind. Zum Schleifen verwendet man ein härteres Gestein oder Holz- und Bambusstücke in Verbindung mit hartem Sand; ebenso verfährt man mit Muscheln (Tridacna). Spaltbares Gestein, wie Obsidian, kann man durch Druck oder Schlag in Späne zerlegen, die dann weiter bearbeitet werden zu Speerspitzen, Messern u. dgl. oder unmittelbar zum Schneiden dienen. Zum Bohren von Stein oder Muschel dienen mit Spitzen aus gleichem Material versehene Stäbe, die man in den Händen quirlt oder in der Form des Pumpenbohrers verwendet; auch hier setzt man Sand hinzu als eigentliches Bohrmaterial, wenn das Werkstück nicht wesentlich weicher als das Werkzeug ist. Indessen werden die kostbaren Armringe (Neumecklenburg) aus der Schale der Tridacna oder Angelhaken aus Perlmutter in noch mühsamerer Weise durchbohrt, indem man das glatte Werkstück in der Mitte von beiden Flächen her mittels eines Lavastückes so lange reibt, bis ein Loch entsteht, das man dann mit einem durchgesteckten Lavastück erweitert, bis der Ring gebildet ist. Zum Schluß wird das Werkstück mit Sand auf Stein geglättet, so daß eine leichte Politur entsteht. Auch weiche Steine wie Bimsstein, Korallenkalk, werden verwendet, freilich nicht zur Herstellung von Gerät und Werkzeug, sondern um Figuren (s. Ingiet) zu gewinnen; man bearbeitet sie mit Messern und glättet mit Raspeln.

3. Töpferei (s. Tafel 10, 30). Die Töpferei geht von dem Ton aus, der durch Zusatz von Wasser knetbar gemacht ist. Vorgeschichtliche Funde und moderne Stücke, die den Abdruck von Flechtwerk oder ein entsprechendes Ornament zeigen, lassen wenigstens einen Weg erkennen, auf dem die T. wahrscheinlich entstand: man bestrich Körbe mit Lehm und brannte sie, wobei das organische Material zerstört wurde und das Gefäß übrig blieb, das man dann bald ohne Hilfe der geflochtenen Form herzustellen lernte. Die verbreitetsten Verfahren sind folgende: Die Frau arbeitet aus einem Tonklumpen, der in der Mitte vertieft wird, unter gleichzeitiger Heraufziehung des dabei entstehenden Randes, das Gefäß heraus oder sie stellt eine Anzahl von Rollen ("Wülsten") aus Ton her, die in Kreis- oder Schneckenform übereinander gelegt und verstrichen werden. Seltener fertigt sie aus dem Ton lappenartige Stücke, die an- und übereinander gesetzt das Gefäß ergeben. Bei der ersteren Methode sind wiederum verschiedene Arbeitsweisen üblich. In Neuguinea z.B. und in anderen ozeanischen Gebieten, die vorwiegend kugelförmige Gefäße besitzen, formt man zunächst die spätere Unterhälfte, dann die andere, die eine berandete Öffnung erhält. Beide Hälften werden aufeinander gepaßt, die Ränder verstrichen. Darauf stülpt sich die Frau das Gefäß über die linke Hand und verarbeitet die Außenfläche mit einem Stabe. Durch dieses Klopfen wird eine innigere Verbindung der beiden Hälften erreicht, ferner aber dem Gefäß die endgültige Form gegeben, und die ursprünglich 1 - 2 cm dicke Wand auf die Hälfte und wenige verdünnt, wobei das Gefäß auch größer wird. Man bezeichnet diese Form der Töpferei als Treibarbeit, deren Abschluß die Herstellung von Ausgußöffnungen, Rändern, Ornamenten usw. bildet. Zur Erleichterung der Arbeit setzt man das Gefäß auf einen aus Blättern und Schnüren hergestellten Ring, auf dem es während der Bearbeitung in der Art eines Kugelgelenks bewegt wird (Admiralitätsinseln). Wird das Gefäß aus Rollen aufgebaut, so beginnt man mit der -Herstellung des Bodens aus einer Tonscheibe, an die die Rollen angesetzt werden. Die Tonscheibe wird dabei gedreht. Ein verwandtes, in Afrika verbreitetes Verfahren besteht darin, daß man die Arbeit auf einer besonderen Unterlage (etwa einer Matte oder einem alten Topfboden) beginnt, die gedreht wird. Im übrigen ist das Werkzeug der Töpferin ein außerordentlich primitives. Nächst ihren Fingern, dem Rande und der Fläche der Hand verwendet sie kaum mehr als einen Topfscherben, einige Kalebassenstücke, auch wohl eine Tierrippe und einen entkernten Maiskolben zum Verstreichen und Glätten, die Fingernägel, zugeschärfte Stäbchen zur Herstellung der Ornamente. Um so erstaunlicher sind die Ergebnisse; neben rohen und einfachen Gefäßen fertigt die Frau künstlerische, die geübtes Augenmaß, Gefühl für Symmetrie und Schönheitssinn beweisen. Während die Frau die freihändige Töpferei ausführt, als deren Erfinderin sie anzusehen ist, scheint die Verwendung der Töpferscheibe (Nordafrika), die aus Altägypten stammen dürfte, mit der Männerarbeit zusammenzuhängen. An der Grenze der eigentlichen Töpferei steht die Herstellung von Pfeifenköpfen, die Männerarbeit ist. Sie leitet zu der Verwendung des Tons für plastische Arbeiten über, wie sie in Melanesien und dem Sudan in Idolen, nahezu überall in selbstgefertigtem Spielzeug der Kinder vorliegen. Die fertiggeformten Stücke werden an der Luft getrocknet und gelegentlich nachgearbeitet, um Luftrisse zu schließen, dann der Regel nach in offenem Feuer gebrannt. Vorher kann durch Auftragung einer dünnen Schicht eisenhaltigen feinen Tons, die Verwendung von Öl oder Harz usw. eine nach dem Brande rote oder schwarze Färbung des Gefäßes erzielt werden; Ornamente können an dem gebrannten Stück durch Einreiben mit Kalk, Rotholz usw. hervorgehoben werden. Da der Ton gewöhnlich nicht fein geschlämmt, der Brand ungleichmäßig und bei größerer Stärke ungenügend ist, so ist die Keramik der Naturvölker meist wenig haltbar. - Mit der Töpferei verwandt mag die Herstellung von Flaschen sein, die in den Salomoninseln aus einer Kokosnuß, in die ein Bambusrohr eingesetzt ist, dadurch gewonnen werden, daß man das Ganze gleichmäßig mit einer plastischen Masse bekleidet; auch die Verzierung der als Wassergefäße dienenden Kokosnüsse mit solcher Masse in den Admiralitätsinseln dürfte hierher gehören. Diese Verfahren stehen wieder in Zusammenhang mit der Dichtung von Körben, die Flüssigkeiten aufnehmen sollen, durch aufgestrichene Harzmassen oder Ton.

4. Verarbeitung tierischer Rohstoffe. Unter dem tierischen Rohmaterial steht das Fell in erster Linie, das als solches verwendet oder zu Leder verarbeitet wird. Das frische Fell wird auf der Fleischseite mit Messern Schabern usw. gereinigt; will man auch die Haare entfernen, so läßt man es zusammengerollt einige Tage faulen und zupft sie dann aus oder stößt sie mit Schneiden aus Knochen, Holz usw. ab. Um der Haut Geschmeidigkeit zu geben, wird sie gewalkt, mitunter auch mit Dickmilch, Hirn, Fett usw. behandelt, so daß sie sämischgar wird; die Gerberei ist anscheinend eingeführt, im Sudan wohl durch Araber (s. Lederindustrie). Als Binde- und Nähmaterial dienen die Sehnen, die zu Fäden zerrissen werden. Wertvoll sind ferner größere Knochen, die zu Spateln und Dolchen (Melanesien), zu Schmuckteilen und Amuletten verarbeitet werden, Zähne liefern Ring- und Behangschmuck, kleines Gerät, aber auch Tuthörner; kleine Knochen, z.B. aus dem Flügel der Fledermaus werden an Speerspitzen (Salomoninseln) angebracht. Technisch ist die Behandlung (Schleifen, Schärfen, Durchbohren) gleich der des Steins und der Muschel. Von den inneren Organen werden Magen oder Blase als Wasserbehälter (Buschmänner) benutzt, anscheinend ohne besondere Bearbeitung.

5. Verarbeitung pflanzlicher Rohstoffe; Holzschnitzerei, Rindenstoffe. Pflanzliches Rohmaterial wird in sehr großem Umfang verwendet. Aus Holz werden Haus- und andere Geräte, Waffen und Waffenteile, Idole, Haus und Boot gefertigt. Technisch handelt es sich dabei um das Herausarbeiten der gewünschten Form aus dem größeren Holzstück, was mit Messern (s.d.) und Äxten (s.d.) geschieht. Für Holzstücke (z.B. Milchgefäße) sind im Gebiet der Eisentechnik besonders gekrümmte Messer in Gebrauch. Die Bearbeitung des Holzes ist wesentlich Holzschnitzerei der Männer. Die Verbindung der vorbereiteten Balken und Bretter für Häuser und Boote geschieht durch Nähte oder Bindungen mittels geflochtener Schnüre. Eine Vereinigung durch Dübel, Zapfen, Federn usw. ist kaum bekannt, und, wo sie vorkommt (Aua im Bismarckarchipel, zum Teil Sudan, auch Deutsch-Ostafrika), wahrscheinlich eingeführt. Daher wird zerbrochenes oder gesprungenes Holzgerät durch Bindung mit nachfolgender Harzdichtung wieder hergestellt, für Neuarbeiten stets ein Holzstück gewählt, das größer ist als der geplante Gegenstand. Daß hierbei, zumal bei sperrigen Formen, unnötig Material und Arbeit aufgewandt wird, liegt auf der Hand; anderseits wird aber auch die Form des Gegenstandes durch die des Rohholzes bestimmt (z.B. bei Idolen), da man Bindungen vermeiden will, und nur Aststücke bieten eine gewisse Freiheit der Formgebung. Als Werkzeuge dienen Axt und Messer, für die Fertigstellung Feilen, Raspeln usw. - Der Baum liefert außer dem Holz auch die Rinde. Sie wird gleich dem Fell zu flächenhaften Stoffen verarbeitet, und die Rindenstoffe sind überall in Ozeanien verbreitet, während sie in Afrika an die Gebiete der Fellbearbeitung grenzen, aber auch schon vor der allgemeinen Kolonisation vor Baumwollstoffen zurückwichen; in beiden Gebieten wird die einheimische T. jetzt von eingeführten Stoffen verdrängt. Die Herstellung beginnt mit dem Ablösen eines Rindenstückes von einem Baum oder abgehauenen Ast. Ein oberer und unterer Ringschnitt begrenzen das Rindenstück, das man entweder als Rindenplatte ablöst, nachdem die Ringschnitte durch einen Längsschnitt verbunden sind, oder das ohne diesen durch Klopfen vom Holz gelöst und als Schlauch von ihm abgeschoben wird. Demnächst muß die Schicht des Innenbastes von der äußeren harten Schicht getrennt werden, was durch Mazeration mit Wasser und Klopfen mit kurzen Knüppeln erreicht wird. Das soweit vorbereitete Stück soll geschmeidig und haltbar werden. Beides. ist das Ergebnis einer lange fortgesetzten Behandlung, bei der das angefeuchtete Stück auf einem Baumabschnitt oder Brett mit einem Klöppel aus Holz oder Elfenbein (Afrika) in der Form eines Stabes oder eines Hammers geklopft oder gewalkt wird. Man erreicht dadurch die Verfilzung der freigelegten Bastfasern und die Entfernung des Pflanzensaftes. Je nach der Baumart, von der man die Rinde nimmt, erhält man gröbere oder feinere Stoffe. Die fertiggestellten Stücke können durch Klebstoff zu größeren verbunden werden. Zur Verzierung dient zunächst das Muster, das die Schlagfläche des Klöppels trägt und dem Stoffe mitteilt, ferner einfache Bemalungen in Strichen usw. (Afrika); Farbige mit der Hand hergestellte Musterungen kennt man in Ozeanien, wo in Samoa außerdem Muster oder Vorzeichnungen für die Bemalung dadurch erzielt werden, daß man den Stoff auf eine mit dem erhabenen Muster versehene Holzplatte legt und die freie Stofffläche mit einem Erdfarbstoff reibt, wobei das Muster hervortritt.

6. Flechterei, Weberei (s. Tafel 111). Eine Fülle von Verwendungsarten hat die Flechterei, zu der technisch auch das Knoten und Knüpfen gehören. Sie liefert Palisaden, Fischzäune, Tierfallen, Netze, Säcke, Taschen, Körbe, Flaschen, Siebe, Mützen, Maskenanzüge, Schmuck, Kleidung, Schurze, Matten, Decken, Bänder, Schnüre usw. usw., Teile der Waffen, Geräte, Häuser, Boote usw. usw. Zahlreich sind die Pflanzen, die das Material liefern (auch Tierstoffe, wie Sehnen, Lederstreifen, Haare werden geflochten), und die bisher unterschiedenen rund 100 Geflechtarten umfassen längst noch nicht alle Formen. Das Gebiet der Flechterei ist noch wenig bearbeitet worden, doch läßt sich erkennen, daß kein Volk auf nur eine Flechtart beschränkt ist, während umgekehrt einzelne eine große Zahl kennen, so die Anwohner des Kaiserin - Augustaflusses. Manche Flechtarten sind auf wenige Gebiete beschränkt, so bildet z.B. Australien mit Neuguinea und Neupommern ein Verbreitungsgebiet bestimmter Formen, Indonesien m it den Karolinen ein anderes, während viele weit verbreitet sind. Als Flechten bezeichnet man im allgemeinen eine Arbeit, bei der aus einem schmalen und langen Material durch Verschränkung ein breiteres oder längeres und festeres hergestellt wird. Die Arbeit wird dabei lediglich mit den Händen ausgeführt oder mit Hilfe eines Werkzeugs, das zur Verschränkung dient; die Herstellung des Flechtmaterials geschieht durch Spaltung von Zweigen, Rinden, Blättern usw. zu Streifen, oder man verwendet geflochtene Schnüre u.ä. zu anderen Flechtereien. Durch Verarbeitung verschieden gefärbter Flechtstreifen oder durch sekundäre Einflechtung gefärbter lassen sich Muster erzielen. Bei der Mehrzahl der Geflechte kreuzen sich die Flechtstreifen schiefwinklig. Indessen kann man auch rechtwinklige Kreuzung erzielen, wenn man eine Anzahl von Streifen parallel nebeneinander an einem Rahmen befestigt und sie mit anderen Streifen durchflicht. Verwendet man weiterhin statt mehr oder weniger starrer Streifen weiche oder biegsame und sehr schmale Streifen, so ergeben sich die Übergänge vom Flechten zum Weben, das sich vor allem zur Herstellung weicher, schmiegsamer Stoffe eignet. Ein besonderer Fortschritt auf dem Wege ist die Herstellung von Fäden, die in beliebiger Länge erhalten werden können. Man gewinnt sie aus kürzeren runden Fasern, die wie die Kokosfasern durch Rollen auf dem Oberschenkel ineinandergedreht oder wie Baumwollfasern, Haare usw. mittels der Handspindel versponnen und zum Gebrauch in Knäueln oder auf Spulstäbe gewickelt aufbewahrt werden. Die Übergänge zwischen Flechterei und Weberei, die man als Halbweberei zusammenfassen kann, sind durch Verwendung eines Rahmens mit parallelen Fäden oder schmalen Streifen, die "Kette" gekennzeichnet, zwischen denen der "Schuß" mit der Hand oder einem Stock, in dessen Ende der Faden eingeklemmt ist, durchgeführt wird, während ein flaches, schweres Holz, das man hinter dem Faden einschiebt, zum Festschlagen des Schusses dient. Inwiefern hier das Gerät schon von der eigentlichen Weberei bestimmt ist, also eine Beeinflussung der älteren Flechterei von der jüngeren Weberei her erfolgte, mag dahingestellt bleiben. Das Kennzeichen der Weberei im engeren Sinne ist die mechanische Bildung des "Faches". Spannt man in einem viereckigen Rahmen von einer Seite zur gegenüberliegenden die nebeneinanderliegenden Kettenfäden, so kann man mittels eines eingeschobenen Lineals, der Lade, den 1., 3., 5. usw. Kettfaden von dem 2., 4., 6. usw. abheben. Stellt man nun das Lineal auf die schmale Seite, so entsteht ein prismatischer Raum, dessen Seiten gebildet werden von der Lade, von den ungeraden, endlich von den geraden Kettfäden. Dieser Raum ist das "Fach", durch das man nun den Schußfaden hindurchführen kann. Hebt man darauf die Kettfäden 2, 4, 6 usw. auf die Lade, unter der dann die Kettfäden 1, 3, 5 usw. liegen, so entsteht das Gegenfach. Eine weitere Stufe ist folgende: Der Webeapparat liegt wagerecht, die Kettfäden sind über den mit beiden Enden etwa an einem Baume befestigten stabförmigen Kettbaum und den vor der Weberin liegenden, an ihr durch ein Taillenband befestigten Brustbaum gespannt. Zwischen diesem und dem Kettbaum folgen aufeinander 1. zwei Stäbchen, die die geraden (oberen) von den ungeraden (unteren) Fäden trennen, das Kreuz; 2. ein Stab, an dem mittels Schlingen die unteren Kettfäden befestigt sind (Schlingenstab); 3. ein dicker Stab (Trennstab); 4. ein zweites Kreuz. Durch Heben des Schlingenstabs bildet man das Fach, senkt man ihn, so entsteht durch den Trennstab das Gegenfach. Zum Durchführen des Schusses dient ein der Netznadel ähnliches Gerät, das den Faden aufgewickelt trägt, zum Anschlagen des Fadens wird dann noch eine Lade eingeschoben. An diesem Webeapparat wird der Schlingenstab durch den Griff der Hand bewegt, so daß man ihn als Griffwebstuhl bezeichnet. Statt den Apparat wagerecht anzuordnen (mikronesischer Typus), kann man ihn auch mit Hilfe eines besonderen Gestells senkrecht anordnen und erhält damit den afrikanischen Typus. Verwendet man statt des Schlingenstabes einen vierseitigen Rahmen, den lotrecht gespannte Fäden einnehmen, deren jeder eine Schlinge trägt, so kann man durch diese Schlingen alle ungeraden Kettfäden spannen. Verwendet man einen zweiten solchen "Schaft" für die geraden Kettfäden, so kann man die Oberkanten beider Schäfte miteinander durch eine Schnur verbinden, die an einem Gestell oberhalb des wagerechten Webeapparates über eine Rolle läuft. Von der Unterkante jedes Schaftes geht ferner eine Schnur aus, die in einem auf dem Boden mit einer Kante aufliegenden Brett endet (das Ganze bildet das "Geschirr"). Tritt man auf das eine Brett, so hebt sich der entsprechende Schaft, hebt man den Fuß ab, so senkt er sich. Durch abwechselndes Treten erreicht man die Hebung des einen oder des anderen Schaftes, d.h. die Bildung von Fach und Gegenfach. Statt ein Brett zu verwenden, pflegen z.B. die Ewe die Schnur an dem großen Zeh zu befestigen, die Bedienung der beiden Schälte (des Geschirrs) erfolgt dann durch abwechselndes Heben und Senken der Füße. Dieser Trittwebstuhl, den Männer bedienen (der Griffwebstuhl gehört in Afrika ursprünglich der Frau), kommt an der Küste von Ostafrika und im Sudan vor sowie in ganz Nordafrika. Zur Durchführung des Schusses dient das Schiffchen, das eine Spule enthält, von der sich der Faden selbsttätig abwickelt; zum Anschlagen dient wiederum eine Lade. Durch Verwendung verschieden gefärbter Kett- und Schußfädchen, durch verschiedene Webart, d.h. verschiedene Verteilung der Kettfäden auf das "Geschirr" und durch Vermehrung der Schäfte lassen sich mannigfaltige Muster erzielen. Steigt die Zahl der Schäfte über die von dem Weber zu übersehende Zahl hinaus, so übergibt man die Bedienung einer Anzahl von ihnen einem über, dem Weber sitzenden Gehilfen, der die Schäfte nach dem Muster hebt und senkt. Dieser Typus, der eine praktisch unbegrenzte Zahl von Mustern. herzustellen gestattet, ist der ostasiatische Zugwebstuhl.

Literatur: H. Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Lpz. 1900. - J. Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit, Stuttg. 1886. - K. Weule, Kulturelemente d. Menschheit, Anfänge und Urformen d. materiellen Kultur, Stuttg. 1911. - H. Ephraim, Über d. Entwicklung d. Webetechnik usw., Lpz. 1905. - J. Lehmann, Systematik u. geogr. Verbr. d. Geflechtsarten, Lpz. 1907.

Thilenius.