Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 442 ff.

Syphilis. 1. Definition. 2. Ursache und Übertragung. 3. Krankheitszeichen. 4. S. in den Tropen. 5. Verhütung. 6. Behandlung.

1. Definition. Diese Geschlechtskrankheit (auch Lues = Lustseuche genannt) ist eine nach voraufgegangenem Geschwür an der Anteckungsstelle einsetzende, zunächst hauptsächlich durch verschiedenste Formen von Hautausschlag gekennzeichnete Allgemeinerkrankung.

2. Ursache und Übertragung. Als Erreger ist die im Jahre 1905 von Fritz Schaudinn (s.d.) entdeckte sog. Spirochaeta pallida erkannt, ein sehr zartes, schraubenförmig gewundenes Kleinlebewesen (s. Spirochaeten). Es findet sich in den Krankheitsprodukten und wird von dort aus meist durch den Geschlechtsverkehr übertragen. Eine Übertragung kann aber auch durch andere direkte oder indirekte Berührungen mit syphilitischen Geschwüren oder mit deren Absonderungen zustande kommen, so z. B. auch an Fingern, namentlich wenn Wunden vorhanden, beim Berühren von infizierten Gegenständen, an den Lippen durch Kuß, beim Rasieren usw. - Auch erbliche Übertragung ist möglich; ferner können sich gesunde Kinder an kranken Eltern infizieren.

3. Krankheitszeichen. 2 - 5 Wochen nach der Ansteckung entsteht an der Infektionsstelle (meist in der Genitalgegend) ein kleines Geschwür, das sich bald vergrößert, in die Tiefe geht, schließlich speckig - glänzend aussieht und dessen Ränder ganz hart werden (sog. "harter", im Gegensatz zum "weichen" Schanker). Gleichzeitig bilden sich in der Leistengegend (oder je nach Ansteckungsort an anderen Körperstellen) einzelne oder mehrere rosenkranzartig angeordnete, meist nicht oder nur wenig druckempfindliche (indolente) Drüsenschwellungen. Etwa 6 - 10 Wochen nach der Ansteckung kommt es in der Regel, während das Anfangsgeschwür (Primäraffekt) wenig Neigung zur Heilung zeigt, unter mehr oder minder starken Störungen des Allgemeinbefindens zu einem Hautausschlag (Sekundärexanthem) über den ganzen Körper, der teils fleckig rot, teils erhaben knötchenartig ist. Besonders charakteristisch sind häufig kreisrunde, rotbraune Stellen an der Haargrenze auf der Stirne (Corona veneris genannt), sowie ähnliche an den Handflächen und Fußsohlen. Auf den Schleimhäuten entstehen grau - weißlich belegte Geschwüre, so im Munde, auf den Mandeln, und insbesondere auch noch stark absondernde Neubildungen, sog. Papeln oder breite Kondylome in der Aftergegend und an den weiblichen Genitalien. Gerade diese Gebilde sind in vielen Fällen die Übermittler der Ansteckung, da sich in ihnen die Erreger massenhaft finden (dadurch mitunter Ansteckungen auf Klosetts). - Die genannten und noch andere Sekundärsymptome können schließlich - auch ohne spezifische Behandlung - verschwinden, kommen dann aber später (nach 3 - 6 Monaten) und auch weiterhin noch öfters wieder. - In der dritten sog. Tertiärperiode entstehen größere Geschwüre mit bedeutenden Gewebs-, auch Knochenzerstörungen, Geschwulstbildungen unter der Haut, an Knochen, im Gehirn u. a., Gelenkschwellungen usw. - Selbst 8 bis 20 Jahre nach überstandener, scheinbar geheilter S. kann es noch zu unheilbaren Nachkrankheiten, zu Rückenmarksschwindsucht (Tabes dorsalis) oder Gehirnerweichung (progressive Paralyse) kommen.

4. Syphilis in den Tropen. Die fast auf der ganzen Welt vorkommende S. ist auch in den meisten Tropenländern sehr verbreitet, in vielen noch mehr als bei uns. So sind manche Gegenden des tropischen Amerikas. schwer verseucht. Aber auch in den west- und südafrikanischen Kolonien aller Nationen sind viele Eingeborene krank (z.B. Herero- und Hottentottenweiber). Die Infektionsgefahr für den Europäer ist in tropischen Ländern (wie die vielen Ansteckungen beweisen) eine große, wenn auch häufig die Eingeborenen keine deutlich sichtbaren oder wegen der dunklen Haut nicht erkennbaren S.zeichen haben. Auch in Ostasien, in China, Indien und Japan ist die Ansteckungsgefahr besonders groß. - Vielfach nimmt die in den Tropen erworbene S. selbst bei jungen, kräftigen Männern einen bösartigen (malignen) Charakter an; sie ist dann durch Behandlung nur langsam oder gar nicht zu beeinflussen. Um so mehr ist die größte Vorsicht vor Ansteckung geboten; ganz abgesehen davon, daß die Ansteckung mit S. den Betroffenen jahrelang zu einer Gefahr für seine Mitmenschen machen kann, falls nicht sofort gewissenhafte Behandlung erfolgt. -Syphilitiker dürfen erst ans Heiraten denken, wenn sie nach gründlichster Kur mindestens 3 Jahre lang frei von Symptomen waren.

5. Verhütung. Nach Möglichkeit Vermeiden des Geschlechtsverkehrs mit Eingeborenen in den Tropen. Benutzung von Präservativs. Nach jedem Verkehr (auch wenn Präservativs benutzt waren) sofort Waschungen mit Seife und Desinfektionen mit Sublimatlösung 1 : 1000 oder rotweinfarbener Lösung von übermangansaurem Kali, 3 % - iger Karbolsäurelösung oder anderen Desinfektionsmitteln.

6. Behandlung. Die Behandlung muß unter allen Umständen unter jahrelanger ärztlicher Kontrolle geschehen. Die S. ist also eine kostspielige Krankheit. Auf keinen Fall soll man sich von Nichtärzten (Naturheilkünstlern, Kurpfuschern) behandeln lassen. Gerade die nicht richtig behandelten S. - Fälle endigen später in den genannten Nachkrankheiten. Eine einzige Kur genügt nie zur Heilung, sondern es müssen innerhalb von 3 Jahren mehrere Kuren nach ärztlicher Anordnung vorgenommen werden. Eines der ältesten und wirksamsten Heilmittel ist das Quecksilber, das in Form von Einreibungen (Schmierkur) oder Einspritzungen (Sublimat) angewendet wird. Zu einer Schmierkur gehört die gründlichste Verreibung von 100 - 120 g "grauer Salbe" in täglichen Dosen von 4 g in die Körperhaut. In den letzten Jahren hat Paul Ehrlich (s.d.) (Frankfurt) in dem Arsenpräparat "606" = Salvarsan (s.d.) ein neues, gut wirkendes S.heilmittel gefunden, das aber auch nicht mit einmaliger Anwendung für immer heilt. Salvarsan wird vom Arzte eingespritzt. - Kombinierte Behandlung von Salvarsan und Quecksilber wirkt am sichersten. - In späteren Stadien der S. kommen ev. Jodpräparate (Jodkali u. dgl.) in Anwendung.

Literatur: Eulenburgs Realenzyklopaedie.

Mühlens.