Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 427 f.

Strafvollzug, Strafvollstreckung. Nach § 483 StPO. erfolgt der S. durch die Staatsanwaltschaft auf Grund einer von dem Gerichtsschreiber zu erteilenden, mit der Bescheinigung der Vollstreckbarkeit versehenen, beglaubigten Abschrift der Urteilsformel. In den Schutzgebieten ist die S. durch § 53 KonsGG. (§ 3 SchGG.) dem Bezirksrichter übertragen. Die Bestimmungen der StPO. und des StGB. über die S. sind im übrigen gemäß § 3 SchGG., § 19 KonsGG. auch dort maßgebend. Der Bezirksrichter ist hiernach befugt, behufs Vollstreckung einer Freiheitsstrafe einen Vorführungs- oder Haftbefehl zu erlassen, wenn der Verurteilte sich auf ergangene Ladung zum Antritt der Strafe nicht gestellt hat oder der Flucht verdächtig ist. Ein Steckbrief kann erlassen werden, wenn der Verurteilte flüchtig ist oder sich verborgen hält. Ein Aufschub der Strafe ist nur in bestimmten Fällen zulässig (s. Strafaufschub). Die Dauer des während der Strafvollstreckung in einer Krankenanstalt zugebrachten Aufenthalts ist in die Strafzeit einzurechnen, wenn nicht der Verurteilte die Krankheit in der Absicht herbeigeführt hat, die Strafvollstreckung zu unterbrechen. Wegen der Vollstreckung der Todesstrafe s.d. Die zur Zuchthausstrafe Verurteilten sind in der Strafanstalt zu den eingeführten Arbeiten anzuhalten. Sie können auch zu Arbeiten außerhalb der Anstalt, insbesondere zu öffentlichen oder von einer Staatsbehörde beaufsichtigten Arbeiten verwendet werden, wenn sie dabei von anderen freien Arbeitern getrennt gehalten werden. Die zur Gefängnisstrafe Verurteilten können in einer Gefangenenanstalt auf eine ihren Fähigkeiten und Verhältnissen angemessene Weise beschäftigt werden. Auf ihr Verlangen müssen sie in dieser Weise beschäftigt werden. Außerhalb der Anstalt ist die Beschäftigung nur mit ihrer Zustimmung zulässig. Die Strafe der Festungshaft besteht in Freiheitsentziehung mit Beaufsichtigung der Beschäftigung und der Lebensweise des Gefangenen. Sie wird in Festungen oder in anderen dazu bestimmten Räumen vollzogen. Die Strafe der Haft besteht in einfacher Freiheitsentziehung. Indes können die wegen Landstreichens, Bettelns und ähnlicher Übertretungen Verurteilten zu Arbeiten, welche ihren Fähigkeiten und Verhältnissen. angemessen sind, innerhalb und, sofern sie von anderen freien Arbeitern getrennt gehalten werden, auch außerhalb der Strafanstalt angehalten werden. Zuchthaus- und Gefängnisstrafe können sowohl für die ganze Dauer, wie für einen Teil der erkannten Strafzeit in der Weise in Einzelhaft vollzogen w erden, daß der Gefangene unausgesetzt von anderen Gefangenen gesondert gehalten wird. Die Einzelhaft darf ohne Zustimmung des Gefangenen die Dauer von drei Jahren nicht übersteigen. Gegen Jugendliche, das sind Verurteilte, welche die strafbare Handlung nach Vollendung des zwölften, aber vor Vollendung des achtzehnten Lebensjahrs begangen haben, ist die Freiheitsstrafe in besonderen, zur Verbüßung von Strafen jugendlicher Personen bestimmten Anstalten oder Räumen zu vollstrecken. Die zu einer längeren Zuchthaus- oder Gefängnisstrafe Verurteilten können, wenn sie drei Vierteile, mindestens aber ein Jahr der ihnen auferlegten Strafe verbüßt, sich auch während der Strafzeit gut geführt haben, mit ihrer Zustimmung vorläufig entlassen werden. Ist die festgesetzte Strafzeit abgelaufen, ohne daß ein Widerruf der vorläufigen Entlassung erfolgt ist, so gilt die Freiheitsstrafe als verbüßt. Durch Verjährung wird die Strafvollstreckung ausgeschlossen. Die Vollstreckung rechtskräftig erkannter Strafen verjährt in dreißig Jahren, wenn auf Tod oder auf lebenslängliche Zuchthaus- oder Festungsstrafe, in zwanzig Jahren, wenn auf Zuchthaus oder Festungshaft, von mehr als zehn Jahren, in fünfzehn Jahren, wenn. auf Zuchthaus bis zu zehn Jahren oder auf Festungshaft, von fünf bis zu zehn Jahren oder Gefängnis von mehr als fünf Jahren, in zehn Jahren, wenn auf Festungshaft oder Gefängnis von zwei bis zu fünf Jahren, in fünf Jahren wenn auf Festungshaft oder Gefängnis bis zu zwei Jahren, in zwei Jahren, wenn auf Haft erkannt ist. Die Verjährung beginnt mit dem Tage, an dem das Urteil rechtskräftig geworden ist. Sie wird durch jede auf Vollstreckung der Strafe gerichtete Handlung der Vollstreckungsbehörde sowie durch die zum Zwecke der Vollstreckung erfolgende Festnahme des Verurteilten unterbrochen. Nach der Unterbrechung der Vollstreckung der Strafe beginnt eine neue Verjährung. Alle diese Vorschriften haben nach dem oben Bemerkten auch für die Schutzgebiete Geltung. Dagegen finden die Grundsätze über die Art des Vollzuges gerichtlich erkannter Freiheitsstrafen, welche nach dem Beschlusse des Bundesrats vom 28. Okt. 1897 (Zentralbl. für das Deutsche Reich S. 308) im Reiche bis zu weiterer gemeinsamer Regelung zur Anwendung kommen, (nach § 40) auf die in den Schutzgebieten zu vollstreckenden Strafen keine Anwendung. Die Strafen an Eingeborenen werden durch die mit der Gerichtsbarkeit über die Eingeborenen betrauten Verwaltungsbeamten (Bezirksamtmänner usw.) oder Organe der Eingeborenenverwaltung (Häuptlinge usw.) vollstreckt (s. Eingeborenenrecht.) Allgemeine Vorschriften, welche den S. gegen Eingeborene regeln, sind nicht erlassen, jedoch sind in einzelnen Schutzgebieten über die Art der Vollstreckung der Freiheitsstrafen Dienstanweisungen ergangen (Näheres s. Freiheitsstrafen). Besondere Vorschriften gelten, ferner in betreff der Vollstreckung der Todesstrafe (s.d.) und Kettenhaft (s. Freiheitsstrafe) sowie des Vollzugs der Prügelstrafe und Rutenstrafe (s. Körperliche Züchtigung).

Gerstmeyer.