Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 370 ff.

Sonnenstich und Hitzschlag sind nahe verwandte, doch nicht völlig identische Krankheitszustände, die nach Hitzeeinwirkung bei Mensch und Tier eintreten können. Verwandt sind sie in folgenden, zumeist gemeinsamen Symptomen: anfangs Erschöpfungsgefühl, Blutstauung im Kopfe, Kopfschmerz, Schwindelgefühl, Temperaturerhöhung, schwere oder oberflächliche Atmung, Ohnmachtsanwandlungen; später Bewußtlosigkeit, wirkliches Fieber, Erbrechen, Pulslosigkeit, Krämpfe, unregelmäßige, aussetzende Atmung, in ca. 10 bis 15 % der schwereren Fälle Tod durch Herzlähmung oder Atemstillstand. Bei der Mehrzahl der Fälle, besonders dem sog. Marsch -H., hat es sein Bewenden mit den Anfangssymptomen, so daß es eine Berechtigung hat, bei solchen Fällen nur von Hitzerschöpfung, Hitzohnmacht zu reden. Die Prognose ist bei diesen Fällen fast immer günstig. Der Grad der Temperaturerhöhung ist prognostisch zwar von Bedeutung, doch nicht besonders charakteristisch für den H., da Körpertemperaturen von 39° und darüber z.B. von Schiffsheizern oft ohne alle Beschwerden ertragen werden. Von 39,5 - 40° C nimmt die Temperaturerhöhung allerdings einen bedrohlichen Charakter an und ist als wirkliches Fieber zu betrachten, welches sich meist hartnäckig auf der Höhe hält. Der sehr selten vorkommende sog. reine S. kann ohne jede allgemeine Temperaturerhöhung verlaufen, wenn durch die äußeren Umstände zufällig nur der Kopf allein bestrahlt wurde. Intensive lokale Bestrahlung des ungeschützten Kopfes ist die Voraussetzung des reinen S. Die zahlreichen Fälle, die sich in dem heißen Sommer 1911 bei Badenden im Wasser ereigneten, können als reine Fälle von S. angesehen werden. Es scheint, als ob neuropathisch Belastete ganz besonders zu S. neigen. Es ist als sicher anzunehmen, daß ein gewisser Teil der Sonnenstrahlung, die hellen, leuchtenden Strahlen, die Schädeldecke passiert und direkt zur Hirnrinde gelangt. Je dünner das Schädeldach, je schlechter das Blut, je spärlicher das Haupthaar, desto größer wird die direkt eingestrahlte Energiemenge sein. Dazu kommt vor allem die Wärmemenge, welche von der bestrahlten, erhitzten Kopfhaut her durch Leitung zum Gehirn gelangt. Daß Kinder in der Sonne bei unbedecktem Kopfe am meisten gefährdet sind, leuchtet ein. Unterschieden sind die beiden Krankheitsbilder also durch die Art der Einwirkung der Hitze, die beim. H. auf dem Blutwege vom Gesamtkörper dem Gehirn mitgeteilt, beim S. dem Gehirn direkt zugestrahlt oder von der Schädelkapsel zugeleitet wird. Zum Verständnis der Entstehung der Krankheitssymptome sei folgendes mitgeteilt. Die Erhaltung einer gleichmäßigen normalen Körpertemperatur wird von einigen Zentralstellen im Gehirn, die unter sich in steter Verbindung stehen, vermittelt, vor allem vom sog. Wärmezentrum, welches die Erzeugung von neuer Wärme im Körper beeinflußt, und weiter v on 2 Zentren, welche den Füllungszustand der Blutgefäße des Gehirns und des Gesamtkörpers und damit auch den Blutdruck regulieren (Vasomotorenzentren). Die Tätigkeit des Herzens, der Lungen und des Schweißdrüsenapparates unterliegt ebenfalls dem Einfluß dieser Zentralstellen. Es leuchtet ein, daß zu einer wirksamen Entwärmung des Körpers die Hauptabkühlungsorgane, Haut und Lungen, sich mehr mit Blut füllen müssen, daß die Umlaufsgeschwindigkeit des Blutes vermehrt, daß auch der Luft- und Gaswechsel in der Lunge erhöht werden muß. Jedes Organ hat dabei eine quantitativ bestimmte Arbeit zu leisten, die von der Zentralstelle sozusagen zugeteilt wird. Ein Zuviel ist dabei ebenso vom Übel wie ein Zuwenig. Versagen die Zentralorgane, weil sie erschöpft, ungeübt oder auch krankhaft veranlagt sind, dann kommt es zu Störungen des Wärmegleichgewichts und zur Kraftvergeudung. Solche Störungen können auch außerhalb der Zentralstelle und durch Zirkulations- und Atmungshindernisse (Herzerkrankungen, Verwachsungen des Rippen- und Lungenfells) bedingt sein. Die Folgen sind Erschöpfungszustände, Ohnmachtsanfälle, die vielfach ein Vorbeugungsmittel gegen schwerere Erkrankung darstellen, so wie die Ohnmacht infolge Blutung gegen Verbluten. Halten Herz und Lungen bei gestörter Wärmeregulierung aus, dann kann es zu tieferer Schädigung der Zentralstellen und zu weiterer Wärmestauung kommen, die ihrerseits erst recht wieder zur Schädigung der nervösen Zentren führen. So erklärt es sich wohl, daß die allerschwersten Fälle an H. besonders bei kräftigen Leuten mit gutem Herzen beobachtet werden, während die Schwächlichen schon früher versagen. So ist denn auch für die Prognose die Intensität der Wärmestauung bis zu einem gewissen Grade maßgebend. Doch kommen dafür naturgemäß noch andere Faktoren, wie Blutstauung, Gewebsdruck, Ansammlung von Stoffwechselprodukten in Betracht. Die Erfahrung lehrt, daß sich Todesfälle auch bei niederen Temperaturen ereignen können. Oft genug sind solch niedere Temperaturen, besonders nach vorausgegangenen höheren, der Ausdruck für Kollapszustände, für einen Nachlaß der Verbrennungen im Körper. Das frühzeitige Versagen der lebenswichtigen Zentren, auch der Regulierungszentren, scheint am häufigsten nach vorausgegangenen allgemeinen Schwächungen des Körpers, insbesondere des Nervensystems, einzutreten. Exzesse in Baccho et Venere, schlaflose Nächte, Kummer, Übelbefinden des Magens, Diarrhöen wirken am verhängnisvollsten in dieser Hinsicht. Auch nervös belastete, sonst aber physisch Gesunde neigen zu Lähmungszuständen. Anatomisch hat man sich die Verhältnisse beim H. und bis zu einem gewissen Grade auch schon vor Eintritt desselben, insonderheit auf anstrengenden Märschen so vorzustellen, daß alle Organe, ganz besonders das Gehirn, entsprechend den größeren Ansprüchen stark mit Blut angefüllt sind. Es werden reichlich Stoffwechselprodukte (Kohlensäure und Fleischmilchsäure) gebildet, die durch lebhafte Zirkulation rasch wieder, ohne Schaden zu stiften, beseitigt werden können. Steigert sich die Blutstauung und hält sie länger an, so kommt es zu Läsionen der zarteren Kapillargefäße, zu Flüssigkeitsaustritt und zu kleineren oder größeren Blutungen, alles Gründe zu einer ernsteren Schädigung der Zentralstellen, vor allem für Herz und Atmung. In vielen Fällen mag ein großes Hemmnis der Zirkulation in der Eindickung des Blutes liegen, wenn die Leute bei großem Wasserverlust nicht genug Flüssigkeit zuführen. Ein Punkt scheint mir beim Marsche von großer Wichtigkeit. Bekanntlich wirkt Muskeltätigkeit außerordentlich fördernd auf die Blutzirkulation. Bei großen Marschleistungen in großer Hitze wird während des Weitermarschierens die Blutzirkulation im Gehirn trotz der vorhandenen Stauung noch leidlich durch die Muskelkontraktionen aufrechterhalten. Geht der Körper plötzlich unvermittelt in den Zustand völliger Ruhe über, so fällt das die Zirkulation befördernde Moment weg, und die Blutstauung muß noch größer werden. Ich halte einen so unmittelbaren Übergang aus starker Marschbewegung zum Stillstand oder gar zum Liegen für verhängnisvoll. Mäßiges Weiterbewegen, gleichgültig in welcher Form, während der nächsten Viertelstunde an schattiger Stelle nach Schluß des Marsches dürfte manche Ohnmacht, manchen H. verhüten. Die Behandlung des H. und S. bezweckt zunächst eine Abkühlung des Körpers, beim S. vor allem des Kopfes, was man durch Besprengen mit Wasser und intensives Fächeln, noch besser natürlich, wenn möglich, durch ein Bad, erzielt. Bei extrem hohen Temperaturen über 40,5° (Achselhöhle) kommt alles darauf an, die Körpertemperatur so rasch wie möglich herabzusetzen. Sodann ist Getränkezufuhr von Wichtigkeit, da das Blut oft ganz an Wasser verarmt ist. Nur muß man bei Bewußtlosen vorsichtig verfahren, da sonst Verschlucken mit Gefahr der Lungenentzündung eintritt. Dasselbe gilt, wenn der Kranke erbricht; der Kopf ist in dem Falle zur Seite zu drehen. Ferner ist der Anregung der Herztätigkeit durch Hautreize (Frottieren, Abreiben) und Herzmassage, durch Äther- und Kampfereinspritzung volle Aufmerksamkeit zu schenken. Auch der Füllungszustand der Blase ist zu beachten. Die Entleerung wird oft im Bade erzielt, was dem Katheterisieren vorzuziehen ist. Bei Versagen der Atmung ist künstliche Atmung dringend notwendig, gegen die Blutstauung ev. ein Aderlaß von ca. 300 ccm Blut von Vorteil. In den Tropen ist die Gefahr des S. und H. naturgemäß sehr viel größer als daheim. Die beim Zenitstand der Sonne pro Quadratzentimeter Fläche auf die Erde eingestrahlte Wärmemenge beträgt ungefähr 2 Grammkalorien, d.h. etwa das Doppelte als in unserer Breite unter sonst gleichen Verhältnissen. Zu der hohen Lufttemperatur und der intensiven Strahlung kommt noch die enorme Luftfeuchtigkeit, die oft der Sättigung nahe ist. Gerade in den Tropen, wo die Abkühlung durch Schweißverdampfung eine so wichtige Rolle spielt, ist die hohe Feuchtigkeit ein schweres Hindernis der Entwärmung. Je mehr sich die Lufttemperatur der Körpertemperatur nähert, desto mehr treten bekanntlich Wärmeabstrahlung und Ableitung zurück. Zur hohen Feuchtigkeit gesellt sich noch so oft der Mangel an jeder Luftbewegung in den Tropenniederungen, der Mangel einer Abkühlung des Nachts, der Schlaflosigkeit zur Folge hat, Gründe genug, die Organe und Einrichtungen der Wärmeregulierung auf das äußerste anzuspannen. Trotzdem bleibt das Wärmegleichgewicht beim Weißen bis auf geringe Schwankungen beim Neuankömmling völlig erhalten, solange er auf schwerere Körperarbeit verzichtet. Seine Körpertemperatur ist dann in den Tropen die gleiche wie daheim. Voraussetzung ist ferner außer dem Verzicht auf schwerere körperliche Arbeit eine zweckmäßige Kleidung mit bequemem, weitem Schnitt. In dunkler, dickerer Kleidung wäre in den Tropen die Wärmeabsorption in der Sonne eine so enorme, die Abkühlung so erschwert, daß die physiologische Körpertemperatur nur mit allergrößter Anstrengung aufrecht erhalten werden könnte. Wenn sich jemand in solch unzweckmäßiger Kleidung, und zwar bei völliger Körperruhe, der Mittagstropensonne, selbst bei bestem Kopfschutz, länger aussetzen wollte, könnte man ihm für einen H. fast garantieren. Gefesselte Tiere, also solche ohne jede Körperbewegung, gehen selbst in unserer heimischen Mittagssonne im Hochsommer bei Windstille an Überhitzung zugrunde, während sich frei herumlaufende Versuchstiere (Meerschweinchen, Kaninchen) der vom Haarfell absorbierten Wärme durch die Ventilation des Haarfells bei Bewegung immer wieder entledigen. Im gefesselten Zustande ohne jede Körperbewegung würde auch jeder Eingeborene der Sonnenstrahlung in den Tropen bei Windstille erliegen. Wiewohl in den Tropen die Gefahren des S. und H. um ein vielfaches größer sind als daheim und unablässig, selbst in der Regenzeit, andauern, so ist die Zahl der Erkrankungen doch äußerst gering, wenn auch immerhin höher als in Deutschland. Das gilt auch für unsere Schutztruppen und Marine, wo die Leute doch nicht selten große körperliche Strapazen durchzumachen haben. Es gibt unseres Erachtens kaum einen besseren Beweis dafür, was gute Auslese und Training vermögen als gerade diese Tatsache. Dabei sind stellenweise noch allzu reichlich Faktoren wirksam, wie Malaria, Dysenterie, die eine Schwächung des Körpers, also auch eine Disposition zu Hitzerkrankungen bedeuten. Außer der daheim schon geleisteten Vorarbeit kommt in den Tropen vor allem der Sonnenstrahlung gegenüber die persönliche Prophylaxe ganz besonders in Betracht. Es ist ein Glück, daß sich der ausgezeichnete Tropenhelm überall in den Tropen eingeführt hat. Wenn der Rand nur breit genug ist, gibt es meines Erachtens keinen zuverlässigeren Schutz gegen die Sonne als gerade den Tropenhelm. Für die Fälle, wo eine starke Rückstrahlung von Wasserflächen oder vom Boden her stattfindet, wäre er mit einem farbigen Schleier zu versehen. Peinlicher Schutz vor direkter Sonnenstrahlung ist auch für die kühleren tropischen Höhengebiete am Platze, wo die Intensität der Strahlung naturgemäß eine ganz besonders große ist. Schließlich sei hier noch auf die sog. "kalorischen Dämmerzustände" verwiesen, die gewissermaßen an Stelle eines H., wie es scheint vorwiegend bei Neuropathen, eintreten können und in psychischen Störungen, Bewußtseinsstörungen nach Art der sog. epileptischen Äquivalente bestehen. Steinhausen hat solche Fälle bei Soldaten beschrieben; ich selbst habe ähnliche Zustände bei Schiffsheizern unter der Einwirkung extremer Temperaturen beobachtet. Es leuchtet ein, daß solche Zustände eine besondere forensische Bedeutung erlangen können und daß in dieser Zeit begangene Handlungen zunächst einmal der ärztlichen Begutachtung unterliegen. Ich halte für möglich, daß öftere intensive Bestrahlung des Kopfes allmählich eine Grundlage für derartige kalorische Dämmerzustände schafft, so daß es gelegentlich nur noch einer geringeren Hitzeeinwirkung zur Auslösung der Symptome bedarf, die sonst vielleicht ohne Wirkung geblieben wäre. Bekannt und gefürchtet sind in dieser Hinsicht die Selbstmordversuche der Schiffsheizer im Roten Meere. - Zusammenfassend seien folgende Verhütungsmaßregeln gegen alle Formen der Hitzeerkrankungen aufgestellt. 1. Die Auslese aller Personen, die voraussichtlich in den Tropen körperliche Strapazen zu bestehen haben, hat mit aller Strenge zu geschehen" ganz besonders mit Bezug auf die Beschaffenheit des Herzens, des Blutgefäßsystems, der Verdauungsorgane und des Nervensystems. Leute, welche nicht schwitzen können oder zu viel schwitzen, sind ungeeignet, ebenso Leute mit alten Hautübeln, besonders Fischschuppenkrankheit. 2. Wohltrainierte, an Strapazen gewöhnte Personen, insbesondere Unteroffiziere, Forstleute, Turner und Sportsleute verdienen den Vorzug auch in Zivilstellungen. 3. Unter den nach den obigen Gesichtspunkten ausgesuchten Personen sind diejenigen am tauglichsten, welche Mäßigkeit im Lebensgenuß gelernt haben. 4. Jede größere, körperliche Anstrengung ist, soweit dies die Umstände zulassen, in den Tropen sorgsamst vorzubereiten durch ausreichenden Schlaf, Enthaltsamkeit in Baccho, et Venere, diätvolle Ernährung, mäßiges Vortraining ohne Ermüdung. 5. Die Kleidung sei möglichst hellfarbig, porös, weit, jede Schnürung am Halse ist zu vermeiden. Der Kopf ist mit Tropenhelm, ev. auch mit Schleier gegen Sonnenstrahlung zu schützen. Flächen, mit starker Rückstrahlung sind tunlichst zu vermeiden, ev. ist eine Schutzbrille zu benutzen. 6. Der Übergang von starker erhitzender Körperbewegung zur Ruhe ist allmählich zu bewerkstelligen. Die Wasseraufnahme während des Marsches und sofort hinterher sei mäßig, sie soll sich quantitativ nach dem Grade der Transpiration richten.

Literatur: Jakubasch, Über Sonnenstich und Hitzschlag. Berl. 1879. - P. Schmidt, Über Hitzschlag an Bord von Dampfern der Handelsflotte. Leipz. 1901. - Derselbe, Experimentelle Beiträge zur Frage der Entstehung des Sonnenstichs, Archiv f. Hygiene Bd. 64. -Derselbe, Die Wirkung der tropischen Sonnenbestrahlung auf den Europäer. III. Deutscher Kolonialkongreß Berlin 1910, Sektion II. - F. A. Steinhausen, Nervensystem u. Insolation. Bibliothek v. Coler u. v. Schjerning, 1910. - A. Hiller, Wesen u. Behandlung des Hitzschlags. Deutsche med. Wochenschrift 1913 Nr. 25. P.

Schmidt.