Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 366 f.

Skorbut (Scharbock, Scurvy) ist eine alte, früher auch bei uns recht häufig und weit verbreitet gewesene Krankheit, die jetzt in Europa nur noch in seltenen Einzelfällen auftritt, aber unter gewissen Umständen doch auch heutzutage noch, namentlich in den Kolonien, auf Expeditionen, auf Schiffen, zu bedrohlichen Massenerkrankungen führen kann. Die Erscheinungen der Krankheit bestehen in allmählich zunehmender Schwäche, Nachlassen des Appetits, Neigung zu Blutaustritten unter die Haut, in die Gelenke, die Körperhöhlen, Schwellung und Blutungen des Zahnfleisches, allgemeiner Blutarmut, wassersüchtiger Anschwellungen u. a. in. Die Krankheit verläuft immer chronisch und führt bei Vernachlässigung zu schwerem Siechtum und zum Tode, ist aber, wenn sie noch nicht zu weit vorgeschritten ist, durch einfache Mittel leicht heilbar. Eine auch bei uns noch nicht allzu seltene Form der Krankheit ist der Kinder- oder Säuglings - S., die Möller - Barlowsche Krankheit, die sich namentlich bei solchen Kindern zeigt, die der Ernährung durch die Mutterbrust entbehren und künstlich mit gekochter Milch ernährt werden. Es darf jetzt wohl als sicher festgestellt gelten, daß der S. keine Infektionskrankheit, sondern eine Ernährungskrankheit ist, die, ähnlich wie die Beriberikrankheit, durch gewisse Defekte in der Ernährung bedingt wird. Eine einseitige, überwiegend aus Reis nach Chinesenart bestehende Kost, die ja mit ziemlicher Sicherheit Beriberi (s.d.) erzeugt, ruft zwar nur ausnahmsweise S. hervor, man kann die Krankheit aber bei kleinen Kindern durch einseitige Ernährung mit Milch, die durch übermäßiges Kochen verändert ist, bei größeren Kindern durch ausschließliche Ernährung mit Weißbrot hervorrufen. Auf Schiffen und Expeditionen pflegt sie sich besonders dann einzustellen, wenn frisches Gemüse, Früchte und Fleisch, überhaupt frische Nahrungsmittel, fehlen und ausschließlich und für längere Zeit ältere, lange gelagerte Konserven (Salzfleisch, Hülsenfrüchte, Hartbrot, Büchsenkonserven u. dgl.) genossen werden müssen. Auch bei farbigen Arbeitern kann, unabhängig vom Klima, von der Rasse und der Beschäftigung, bei einseitiger Ernährung und Mangel frischer Nahrung S. sich einstellen. Auch Tierversuche sind diesen Erfahrungen entsprechend ausgefallen. Man muß annehmen, daß, ähnlich wie die Beriberikrankheit, auch der S. dadurch zustande kommt, daß dem Körper gewisse, in ihrer Bedeutung noch unbekannte, aber für die vollkommene Ernährung notwendige Bestandteile der Nahrung nicht zugeführt werden. Die für S. in Frage kommenden Stoffe sind andere als die der Beriberi, sie sind in den meisten frischen Nahrungsmitteln, besonders in frischen Früchten, frischem Gemüse, frischem Fleisch in genügender Menge enthalten, sie fehlen aber oder finden sich in nur ungenügenden Mengen in gekochter Milch, Weißbrot, lange gelagerten Konserven (Salzfleisch, Hartbrot, Hülsenfrüchte, Büchsenkonserven usw.). Der Mangel an Kalisalzen (Garrod) spielt dabei aber keine ausschlaggebende Rolle. Wo die Ernährung überwiegend aus einer Kost besteht, in der die S.verhütenden Stoffe fehlen, stellt sich nach mehr oder weniger langer Fortsetzung solch fehlerhafter Ernährung die Krankheit ein. Sie kann durch abwechslungsreiche Beköstigung, bei der frische Nahrungsmittel nicht allzu selten erscheinen, mit Sicherheit vermieden werden, und sie wird geheilt, und zwar in nicht zu weit vorgeschrittenen Fällen, mit zauberhafter Schnelligkeit durch frische Nahrungsmittel. Medikamente sind überflüssig, höchstens in ausnahmsweise schweren Fällen gegen einzelne Symptome angebracht. Früher wurde Zitronensaft als spezifisches Heil- und Vorbeugungsmittel gegen S. betrachtet. Jetzt scheint das nicht mehr zuzutreffen und hängt vielleicht damit zusammen, daß der käufliche Zitronensaft jetzt häufig nur eine parfümierte Lösung von Zitronensäure darstellt oder sonstwie gegenüber dem frischen Fruchtsaft verändert ist. Jedenfalls sind frische Früchte, frisches Gemüse und frisches, Fleisch als Heilmittel wie zur Vorbeugung weit zuverlässiger.

Literatur: Hirsch, Handbuch der historisch -geographischen Pathologie, 2. Aufl. 1883, enthält eine vollständige Angabe und kritische Würdigung der älteren Literatur. - Bornträger, Skorbut auf Schiffen. Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Medizin u. öffentl. Sanitätswesen, Bd. 6, Heft 4 u. Suppl. - Nocht, Vorlesungen für Schiffsärzte Leipz. 1906. - Axel Holst und Theod. Frölich, Über experimentellen Skorbut. Zeitschr. f. Hygiene u. Infektionskrankh., Bd. 72, 1912. -Leonard Hill, The nutritive Value of white and of Standard Bread. Brit. med. Journal, Mai, Juni u. September 1911.

Nocht.