Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 286 ff.

Schiiten (Lehre und Sekten besonders der mohammedanischen Inder in Deutsch-Ostafrika). Die S. sind die wichtigste Sekte des Islam (s.d. 4). Schia heißt Partei; es ist die Partei Alis, des Schwiegersohns des Propheten; sie ist ursprünglich eine politische Partei und erwächst erst allmählich zu einer religiösen Sekte. Beim Tode des Propheten trat Ali wie die ganze Prophetenfamilie stark in den Hintergrund. Erst bei der vierten Wahl wurde Ali und zwar unter für ihn kompromittierenden Umständen - sein Vorgänger Othman war vor seinen Augen belagert und ermordet worden - zum Kalifen gewählt (656). Er warf sich nach dem Irak (Babylonien), während Syrien unter dem Omajjaden Mu'àwia sich für unabhängig erklärte. Bevor der jetzt beginnende Bürgerkrieg zur Entscheidung kam, wurde Ali ermordet (661), die Omajjaden wurden Kalifen; Alis Familie und Anhänger sanken zur "Partei" herab. Sein ältester Sohn Hasan ließ sich ruhmlos mit Geld abfinden, sein zweiter Sohn Husain versuchte 680 sich den Verehrern seines Vaters in die Arme zu werfen und die syrische Regierung zu bekämpfen. Der Versuch mißlang dank der Unzuverlässigkeit seiner Helfer. Husain wurde mit wenigen Getreuen bei Kerbela niedergemacht. Nachdem einmal Blut und zwar das Blut eines Prophetenenkels für die Sache der Aliden geflossen war, begannen sich die politischen Hoffnungen des Irak, das von Syrien depossediert war und blieb, langsam religiös zu färben. Es drangen mahdistisch - messianische Hoffnungen (s. Mahdi) ein. Nachdem verschiedene Mahdierhebungen mißglückt waren, blieb der Mahdi verborgen, und die Lehre vom verborgenen Imàm, dem Leiter der Gemeinde Imam ist mehr die kultisch - religiöse, Kalif mehr die politisch -weltliche Bezeichnung des glei chen Amtes - wurde zum Dogma der Schiiten. Der Grundgedanke ihrer Lehre ist die überragende Stellung, die sie Ali im Kreise der Genossen zuweisen. Die Ultraschiiten vergöttliehen Ali direkt, aber auch für die gemäßigten steht es fest, daß Ali vom Propheten zum Nachfolger (wasì) bestimmt gewesen, ja daß dies sogar im Koran gestanden habe, aber von den Genossen verheimlicht worden sei. Deshalb verwerfen die S. das Idjmà (s. Islam) der Genossen und halten sich an die Lehrautorität des jeweiligen Imams. Ali und seinen Nachfolgern, den Imamen, sei noch ein geheimes Wissen vom Propheten vermittelt. Der Imam wird deshalb auch nicht beliebig gewählt, sondern die Imameigenschaft vererbt sich durch das Blut. Diese legitimistische Tendenz wurde noch verstärkt durch den Übertritt zahlreicher Perser zur Schia, bei denen diese Richtung zu den nationalen Traditionen gehörte. Die schiitischen Sekten unterscheiden sich nun dadurch, daß sie Ali mehr oder weniger vergöttern und daß sie die offizielle Reihe der Imame bis zum Auftreten des verborgenen Imam länger oder kürzer zählen. So gibt es Sekten, die den 5., den 7. oder den 12. Imam als verborgenen Imam betrachten, dessen Wiederkehr als Mahdi sie erwarten. Untenstehende Tabelle macht das System ohne weiteres klar. Die ersten, vier Imame sind allen Sekten gemeinsam, beim fünften tritt die erste Spaltung ein. Die Fünfer oder Zaiditen nennen sich nach Zaid, während die Siebener und Zwölfer seinen Bruder anerkennen und sich erst beim siebenten Imam scheiden. Die Zaiditen haben deshalb für uns ein besonderes Interesse, weil nach einer uns von den Portugiesen erhaltenen ursprünglich arabischen Chronik die Emozaidij, d. h. wohl Umma Zaidijja, d. h. die Zaiditen, die ersten mohammedanischen Besiedler der Ostküste Afrikas gewesen sind. In jüngster Zeit sind die geringen Reste dieser Sekte in Südarabien (Jemen) durch die ständigen Aufstände gegen die Türkei unter Führung ihres Imam Iahja politisch stärker hervorgetreten. Ihr Schiitentum ist das alte, nicht persifizierte Schiitentum, das sich von der Orthodoxie kaum unterscheidet und sogar die 2 ersten Kalifen Abu Bekr und Omar in gewissen Grenzen anerkennt. Die Zwölfer sind die schiitische Hauptkirche, wie sie in Persien Staatsreligion ist. Die Eigentümlichkeiten dieser Kirche gegenüber der islamischen Orthodoxie sind kurz diese: a) An Stelle der Lehrautorität des Konsensus steht die Lehrautorität des Imam. b) Die Lehre von den 12 Imamen; sie sind sündlos und unfehlbar; der 12. Imam lebt seit seinem Verschwinden er ist nicht etwa gestorben -verborgen bis zu seiner Wiederkehr als Imam Mahdi. Hier sei bemerkt, daß auch die Sunniten den Nachkommen des Propheten einen gewissen aristokratischen Vorrang zuerkennen. So nennt man die Nachkommen Hasans Scherife, die Husains Sajjids, doch werden beide Titel oft verwechselt. Dieser Adel ist sehr verbreitet, da sich der Anspruch auch in der weiblichen Linie vererbt. Sehr viele maßen sich die Blutsverwandtschaft mit dem Propheten auch nur an, doch gibt es in den vornehmen Familien (z.B. in Hadramaut) feste Stammbäume und in den Zentralländern ganze Adelsbureaus zur Feststellung der Zugehörigkeit zu den "Leuten des Hauses". c) Die S. feiern als Hauptfest außer den gemeinislamischen Festen. das oft Perserfest genannte Fest des 1. - 10. Moharram (l. Monat des mohammedanischen Jahres) zur Erinnerung an den Märtyrertod Husains in Kerbela (10. Moharram 680). Dieses Fest wird mit großer Passionsdarstellung als Klagefest gefeiert, wobei als Märtyrer 2 Knaben (Hasan und Husain) herumgeführt werden. Es sind zum Teil altorientalische Jahresbeginnriten, die nur islamisch umgedeutet wurden. Alle sonstigen Unterschiede sind unerheblich. Als System ist die Schia der Orthodoxie ganz ähnlich; in der Scheria bestehen nur geringe Unterschiede; auch die Schia hat ihre. Sunna, aber nicht die der "Genossen", sondern die der "Leute des Hauses". Die Schia ist im allgemeinen unduldsamer. Am meisten weichen vom orthodoxen Islam die Siebener oder Isma'iliten ab. Ihr Imam ist der von den Zwölfern wegen Weingenuß verworfene Isma'il, der aber das Imamat selbst nicht angetreten hat. Vielmehr ist sein Sohn Mohammed der wahre verborgene Imani. Die Isma'iliten haben unter dem Einfluß neuplatonischer Ideen die der übrigen Schia wie der Orthodoxie eigene Lehre von dem Abschluß der göttlichen Offenbarung in Mohammed durch die Lehre von der periodischen Manifestation des Weltgeistes aufgehoben. Die Träger dieser Manifestation waren Adam, Noah, Abraham, Moses, Jesus und Mohammed. Als Siebenter gilt ihnen der Begründer der Fatimidendynastie Ubaidallah, der den bezeichnenden Beinamen Mahdi führt. Ihre Lehre war ein kunstvoll auf der 7 aufgebautes System, denn zwischen diesen 7 Manifestationen oder "Sprechern" stehen immer 7 "Schweiger", denen auch etwas vom Weltintellekt eignet. Der Grundgedanke des Systems ist ein unverhüllter Pantheismus; durch eine Reihe von Stufen steigt man allmählich zu der Erkenntnis des Pantheismus empor, das islamische Gesetz wird zum Symbol und für den Eingeweihten unverbindlich. Diese Lehre hat in ihrer politischen Ausbildung durch die Fatimiden eine große historische Bedeutung gehabt. Merkwürdigerweise haben sich nun Ableger des Isma'ilitentums durch die Jahrhunderte in Asien, besonders in Indien, gehalten und sind so auch nach Deutsch-Ostafrika gekommen, wo die Streitfragen dieser Sekten oft die deutschen Gerichte beschäftigen. - Außer den Banjanen (s.d.), die als Nichtmohammedaner hier ausscheiden, gibt es in Deutsch-Ostafrika besonder drei Klassen von Indern, die Bahoras, d ie Chodjas (oder Kojas) und die Mehman (Meman). Es sind. das drei verschiedene handeltreibende Kasten aus Gujarat, neben denen noch die Dudwalas und Karalias vorkommen. Die indische Kasteneinteilung hat nun bei der Islamierung so gewirkt, daß jede Kaste eine andere Sekte, insofern sie heterodox, oder doch einen anderen Heiligen, insofern sie orthodox wurde, sich wählte. So sind die Meman Sunniten der, hanefitischen Ritus (s. Islam), die Bahoras und Chodias sind Isma'iliten, d. h. sie gehören zwei grundverschiedenen Zweigen des Isma'ilitentums an. Ihre Imamreihe ist gemeinsam bis zum Fatimidenkalifen Mustansir. Dann folgen die Bahoras der historischen Zählung der Fatimidenkalifen und verehren Mustansirs Nachfolger Musta'li, weshalb man sie Musta'liten nennen kann, während die Chodjas ihre Imame von dem nicht zur Regierung gelangten ältesten Sohne Mustansirs, Nizar, ableiten, weshalb man sie auch Nizariten nennt. Die Nizariten sind aus der Kreuzzugszeit unter dem Namen der Assassinen (daher das französ. assassin) als Terroristen und Abgesandte des "Alten vom Berge" wohlbekannt. Nachdem ihr Felsensitz Alamut von den Mongolen zerstört worden war, haben sich die Nachkommen dieser Imame als vornehme Leute in Persien gehalten und dann in Indien Fuß gesfaßt. Ihre Imame führen seit 3 Generationen den Namen Agha Chan. Sie haben die englische Regierung unterstützt, und der derzeitige Agha Chan - ein durch und durch mondäner Mann - spielt eine große Rolle in der inneren Politik Indiens. Für seine Glaubensgenossen ist er eine Inkarnation der Gottheit, und sie zahlen willig den Zakàt (s. Islam) an ihn. Dank diesen großen Einkünften, die ihm durch mehrere Urteile des High Court in Bombay zugesprochen sind, besitz der Agha Chan einen großen Einfluß, den er meist im Sinne der Versöhnung gebraucht. Die Religion der Chodjas ist aber kein reines Isma'ilitentum mehr. Es ist allerlei indische Spekulation hinzugekommen. Der Agha Chan hat seine Religion vor einem deutschen Gerichte einmal klar dahin präzisiert, daß sie monistisch (d.h. pantheistisch) sei, im Gegensatz zum Dualismus des sonstigen Islam. Noch wenig, bekannt, aber sich offenbar nicht sehr vom alten Isma'ilitentum entfernend ist die Lehre der Bahoras, deren Oberhaupt der Mulladji in Surat ist. - Kompliziert werden diese Verhältnisse nun aber dadurch, daß im Lauf der letzten Jahrhunderte vom Hauptzweig der isma'ilitischen Bahoras und Chodjas Absplitterungen erfolgt sind. Neben den Bahoras, die Musta'liiten - sie werden auch Da'udis genannt - geblieben sind, gibt es jetzt orthodox sunnitische Bahoragemeinden (Dja'faris, Sulaimanis, Alias, Nagoshis). Auch von den Khodjas sind zahlreiche Gruppen, die sich mit den Ansprüchen und Lehren der Agha Chans - nach deren gerichtlicher Feststellung Bombay 1866 - nicht befreunden wollten, zum schiitischen Bekenntnis der Zwölfer, also zur schiitischen Hauptkirche übergetreten. Als Zwölfer nennen sie sich arabisch Ithna'asharis, resp. verkürzt Senasharis. Namentlich die Streitigkeiten zwischen den Chodjas, die noch Ismailis sind, und denen, die Senasharis geworden sind, hören in Deutsch - Ostafrika nie auf, da sich beide Gruppen verketzern und sich gegenseitig zu bekehren versuchen, wobei mit wirtschaftlichem Druck gearbeitet wird. In Kirchhofsfragen und überhaupt in Gemeindeangelegenheiten wird der Gegensatz noch lange nicht zur Ruhe kommen, da die Gemeindetrennung erst seit kurzem besteht - in Bagamojo angeblich erst seit den 90 er Jahren, in Daressalam schon länger - und die Proselytenmacherei eine unerschöpfliche Quelle des Zankes bedeutet.

Literatur: Goldziher, Vorlesungen über den Islam. Heidelb. 1910, S. 208 ff. - J. Friedländer, The Heterodoxies of the Shiites according to Ibn Hazm (J. Amer. Or. Soc. XX VIII ff.). - Wellhausen, Die relig. - polit. Oppositionsparteien im alten Islam, Berlin 1901 (Abh. Ges. der Wiss. Göttingen). - Blochet, Le Messiantisme dans l'hetérodoxie musulmane, Paris 1903. - Becker, Materialien zur Kenntnis des Islam in Deutsch - Ostafrika. Der Islam II, 1 ff (wo ausführl. Literatur angegeben). - Menant, Les Bohoras du Guzarate. - DerseIbe, Les Khodjas du Guzarate (Rev. Monde Musul. X, XII, 1910).

C. H. Becker.