Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 262 ff.

Scheria. 1. Allgemeines. 2. Kultische und rituelle Pflichten. 3. Staatsrechtliche Theorie. 4. Ehe-, Familien- und Sklavenrecht. 5. Erbrecht. 6. Sachenund Obligationenrecht. 7. Strafrecht.

1. Allgemeines. S. (ar.), Sheriet (türk.), ist das materielle Recht des Islam oder richtiger die islamische Pflichtenlehre. Die übliche Bezeichnung "islamisches Recht" ist mißverständlich; es handelt sich nämlich nicht um ein von irgendeiner staatlichen oder kirchlichen Behörde erlassenes, auch nicht um ein kodifiziertes oder auch nur lebendiges Gewohnheitsrecht, sondern um ein zum Teil der Praxis entlehntes, zum größeren Teil aber im Gegensatz zur Praxis entstandenes Gelehrtenrecht, das als Ganzes niemals wirklich geltendes Recht war, aber als religiöses Postulat dem Volke gepredigt wurde. Die Folge dieser Jahrhunderte langen Predigt war, daß gewisse Teile dieses Systems, so vor allem das religiöse Recht im engeren Sinne (Ritus, Familien-, Erb-, Eherecht, Güter der toten Hand) von dem tatsächlichen Gewohnheitsrecht der islamischen Völker rezipiert, also damit geltendes Recht wurden. Die Schwierigkeit liegt nun für die Praxis darin, genau festzustellen - und das ist örtlich sehr verschieden -inwieweit die islamische Forderung von dem Rechtsempfinden des Volkes anerkannt ist. Das gewöhnliche Volk macht meist keinen Unterschied zwischen dem Gewohnheitsrecht (ar. ada; suah. desturi) und der S., da es die Grenzen nicht kennt, der Unterschied ist aber sehr erheblich, und je primitiver die Verhältnisse sind, desto stärker pflegt sich das alte Gewohnheitsrecht der S. gegenüber zu behaupten. Selbst in rein islamischen Gebieten kann deshalb der europäische Richter das Rechtsempfinden des Volkes verletzten, wenn er das in zahlreichen Büchern niedergelegte islamische Recht buchstäblich in Anwendung bringt. Das gilt schon für die meist rezipierten Teile der S., also z. B. das Erbrecht, noch viel mehr aber für die anderen Teile der S., z. B. für das gesamte Sachen- und Obligationenrecht. Man kann also nichts Falscheres begehen, als die deutsche Übersetzung eines arabischen Rechtsbuches nach Art des BGB der Rechtsprechung über Mohammedaner zugrunde zu legen, selbst wenn diese theoretisch die S. als bindende Rechtsnorm anerkennen sollten. Darin beruht nämlich eine weitere Quelle des Mißverständnisses, daß der Muslim überall theoretisch die S. als gültig a nerkennt, sich in der Praxis des Alltags aber kaum um sie kümmert. Die S. ist eben das Bildungs- und Rechtsideal eines postulierten islamischen Zukunftsstaates, wie es in den Anfängen des Islam zur goldenen Zeit der vier ersten Kalifen angeblich in Übung gewesen ist. Der Muslim darf für alle Übertretungen Gottes Verzeihung erhoffen, wer aber die ideelle Gültigkeit der S. leugnet, stellt sich außerhalb des Islam. Deshalb kann man es erleben, daß sich die Mohammedaner zum Schutz einer von dem europäischen Verbot betroffenen Vorschrift der S. erheben, .selbst wenn sie sich bisher nie um diese Vorschrift gekümmert haben. Als religiöses Sittenideal umfaßt die S. den ganzen Kreis des menschlichen Daseins, so vor allem die religiösen Vorschriften der Reinheit und des Ritus, die Handhabung der fünf Säulen des Islam (s.d.), die Organisation des Staates, das öffentliche Recht inkl. Strafrecht, Ehe-, Erb-, Familien-, Sklavenrecht, Sachenrecht, Prozeßrecht, aber auch das Leben des Individuums, den Kodex der feinen Sitte und alle Gebräuche des täglichen Lebens; kurz alle Handlungen, die der Mensch begeht, Fallen unter eine der fünf gesetzlichen Kategorien, sie sind entweder geboten oder verboten, empfehlens- oder tadels wert oder schließlich gleichgültig und damit erlaubt. Die Entstehung der S. fällt in das Jahrhundert nach dem Tode des Propheten. Mohammed hatte keine "Gesetze" hinterlassen; die dem jüdischen und christlichen Gesetz entsprechenden Sätze mußten erst aus dem Koran und der Sunna (s. Islam) abgeleitet werden. Mit Eroberung der persischen und byzantinischen Provinzen übernahm die arabische Verwaltung zugleich ein ausgeprägtes Rechtsleben. So ist es nicht verwunderlich, daß die S. stark von römischgriechischem Recht beeinflußt ist. Andere Teile der S. sind offenbar unter dem Einfluß übergetretener Juden im Sinn des Talmud entwickelt. Früh bildeten sich Rechtsschulen, und zwar stand die älteste dieser Schulen (grab. Madhhab, plur. Madhahib), die auf persischem Boden entstand und als Eponymus auf Abu Hanifa zurückgeht, stark unter dem Einfluß christlich - spekulativer Ideen. Eigne Rechtsbildung, nicht Tradition, war hier die Parole. Dagegen erhob sich die orthodoxe Schule von Medina, die unter der Führung des Malik Koran und Tradition als einzige Rechtsnorm gelten lassen wollte. Später versöhnten sieh die feindlichen Theorien durch die Ausbildung der Lehre vom Analogieschluß durch Schafi'i. Aus den zahlreichen sich befehdenden Schulen (resp. Riten) der ersten Jahrhunderte überlebten, schließlich nur diese drei, die Hanafiten, Malikiten und Schafi'iten und die ultraorthodoxe Schule des Ibn Hanbal, die Hanbaliten. Sie glichen sich im Laufe der Entwicklung sehr aneinander an und anerkannten gegenseitig - natürlich stillschweigend durch Idjm'a Consensus (s. Islam) - ihre Orthodoxie. Einem dieser Riten muß jeder Gläubige angehören. Sie haben sich im Laufe der Geschichte folgendermaßen über die islamische Welt verteilt. Die Malikiten herrschen in Nord-, West- und Zentralafrika vor; in Ägypten mischen sich Malikiten und Schafi'iten. Letztere sind sehr zahlreich in den hl. Städten und im übrigen Arabien und haben ihren Ritus von Arabien nach der Ostküste Afrikas, nach den malaiischen Inseln und zum Teil nach Indien getragen. In Indien gibt es aber auch Hanafiten. Sonst ist der hanafitische Ritus in der Türkei und in Zentralasien maßgebend. Hanbaliten gibt es in größeren Gruppen nur in Zentralarabien, Lehrstühle dieses Madhhab gibt es auch sonst z. B. in Mekka und in Kario. In den deutschen Schutzgebieten kommen, von Einzelfällen abgesehen, - so sind die indischen Meman in Deutsch - Ostafrika (s. Inder) Hanafiten - von orthodoxen Riten hauptsächlich der malikitische (Togo, Kamerun) und der schafi'itische (Deutsch - Ostafrika) vor. Im Hinterland von Kamerun scheinen sich Schafi'iten und Malikiten zu mischen; die von Osten eingewanderten Schoa sollen Schafi'iten sein. Im Laufe der Entwicklung haben, durch den Konsensus geheiligt, gewisse Lehrbücher der S. ein kanonisches Ansehen erlangt, wodurch, sie die Autorität von Gesetzbüchern (mit den oben dargelegten Einschränkungen) gewonnen haben. Solche Bücher sind für die Schafi'iten die Tuhfa des lbn Hadjar und die Nihaja des Ramli. In Deutsch-Ostafrika überwiegt, wie überhaupt im Gebiet des indischen Ozeans, die Schule Ibn Hadjars. Als erste Einführung dient dort die Mukaddama oder Risala des Ba Fadl al - Hadrami. Auch der Minhadj des Nawawi ist sehr angesehen. Eine ähnliche Rolle spielen bei den Malikiten - der Muchtasar des Sidi Chalil und die Risala des Kairawani. Der Orientale kennt meist nur die Büchertitel, nicht die Autorennamen. Die Wissenschaft vom islamischen Recht wird Fikh genannt. Der Schriftgelehrte - einen Priester resp. Klerus kennt der Islam nicht - heißt Fakih (Plur. Fukaha); auch Alim, Molla, Chodja sind Bezeichnungen für den mohammedanischen Geistlichen. Da er meist mit dem Schulmeister zusammenfällt, wird in primitiven Zentren der islamische Schriftgelehrte auch Mu'allim (arab.), Mwalimu (suah.), Malum (Ful), Malam (Haussa) genannt. Als beauftragter Richter wird ein solcher Mann Kadi genannt, als religiös - rechtlicher Gutachter Mufti, weil er auf Grund der S. ein Fetwa (Gutachten) über eine ihm gestellte Rechtsfrage erteilt. Es stehen also Exekutiv- und Konsultativjustiz ,unabhängig nebeneinander. Der Kadi ist an den Spruch des Mufti nicht gebunden. In manchen Staaten ist aber der Mufti verwaltungsrechtlich eine dem Kadi übergeordnete Instanz, doch ist der Kadi in seinem Urteil unabhängig. In Konstantinopel wird die Tätigkeit des obersten Mufti von einer ganzen Behörde besorgt, der als Obermufti der Scheich ul - Islam präsidiert. Kein Mufti darf kraft eigenen Gutdünkens entscheiden, sondern er verdolmetscht nur die im Einzelfall dem Laien meist unbekannte S. Vom Inhalt der S. sei hier nur das Wichtigste, soweit es praktische Bedeutung hat, aufgeführt. Dabei ist nicht die traditionelle, aber unlogische Reihenfolge der S.bücher, sondern eine europäischem Denken näher liegende Einteilung zugrunde gelegt.

2. Kultische und rituelle Pflichten. Alle S.bücher beginnen mit dem Kapitel der rituellen Reinheit. Es gibt Dinge, die an sich unrein sind, wie Blut, ungeschächtetes Fleisch, Schweine, Exkremente, und es gibt eine große und eine kleine menschliche Unreinigkeit; die große tritt ein nach dem Geschlechtsverkehr, dem Samenfluß, der weiblichen Periode. usw. und erfordert eine Waschung des ganzen Körpers (ghusl, Bad); die kleine Unreinigkeit entsteht durch Verrichten der Notdurft, durch Schlafen, Berührung von Unreinem usw. und wird behoben durch die rituelle Teilwaschung der Hände, des Gesichtes, des Kopfes und der Füße (wudu'). Letztere Waschung wird in der Regel vor jedem Ritualgebet vollzogen. An ein Ghusl (Bad) wird meist ein Wudu' angeschlossen. Diese doppelte Zeremonie ist auch beim Üb ertritt zum Islam nötig, was man christlicherseits als eine Art von "Taufe" gedeutet hat. Die übrigen kultischen Pflichten sind unter dem Begriff der "fünf Säulen" des Islam im Artikel Islam 3 dargestellt. Es gibt natürlich für Salat, Zakat, Som und Hajdj, ungezählte Detailbestimmungen, die genau erfüllt werden müssen, wenn die betreffende Handlung gültig und verdienstlich sein soll. Vor jeder gesetzlichen Handlung muß die Nijja, die Absicht, formuliert werden, was mit der Intentio des Kirchenrechts zu vergleichen istÜber die gottesdienstlichen Pflichten s. die Artikel Moschee und Feste des Islam. Die Beschneidung ist kein obligatorisches Erfordernis sondern nur eine empfehlenswerte Handlung, in der Praxis wird sie allgemein durchgeführt. Meist sind aber die Heiden schon beschnitten, und dann ist die doppelte Waschung verbunden mit dem Glaubensbekenntnis die einzige Formalität. Bei Mohammedanern werden meist die Knaben im frühen Alter beschnitten; bei manchen afrikanischen Völkern sind alte Pubertätsfeste (s.d.) damit verbunden. Die Schächtung geschieht in der Weise, daß dem Tier Kehle und Halsschlagadern durchschnitten werden, und man es sich verbluten läßt. Dabei wird die Formel "Im Namen Gottes" gesprochen unter Weglassung des sonst stets üblichen Zusatzes "des Allerbarmers". Von den vielen Geboten der feinen Sitte seien noch folgende genannt: Man greift mit der rechten Hand in die Schüssel, man grüßt nur mit der Rechten; die Linke dient unreinen Beschäftigungen; man gebrauche stets einen Zahnstocher, man veranstalte bei der Hochzeit ein reichliches Festessen, man befolge bestimmte Zeremonien bei den Leichenbegängnissen (ungerade Anzahl von Waschungen und Binden; Totensalat; Aufsagen des Glaubensbekenntnisses während der Beerdigung; der Tote kommt in eine Seitennische des Grabes ohne Sarg; er muß sich aufrichten können, wenn die Engel ihn prüfen; s. Islam). Der Wein ist verboten, über den Genuß anderer berauschender Getränke gehen die Lehrmeinungen auseinander. Man soll Eltern und Lehrer ehren, über niemanden schlecht reden. Man soll Musik meiden. Trotzdem wird sie häufig, ja oft gerade von frommen Derwischen geübt. Die Anfertigung von Darstellungen lebender Wesen ist verboten; der Gebrauch von Stoffen mit eingewirkten Lebewesen ist bedingt gestattet; es dürfen diese Bilder nur nicht "geehrt" werden.

3. Staatsrechtliche Theorie. Die ganze Welt zerfällt in Islamgebiet, das unter der Herrschaft des Nachfolgers und Stellvertreters des Propheten, des Kalifen, steht, und in Heiden- oder Kriegsgebiet. Ersteres wird Dar el - Islam, letzteres Dar el - Harb, genannt. Dieser Fiktion liegt die Wirklichkeit des alten Kalifenstaates zugrunde, heutigentags ist es ein Streit um Worte, ob ein islamisches Land unter europäischer Herrschaft in die erste oder in die zweite Kategorie fällt. Der Kalif - in der S. meist Imam genannt - ist das gewählte Oberhaupt des fiktiven islamischen Gesamtstaates. Ein Kalif hat keinerlei Geistliche Autorität; diese liegt vielmehr in der S., die nicht vom Kalifen, sondern von den Rechtsgelehrten interpretiert wird. Die S. steht über dem K., und dieser kann, wenn seine Person oder seine Aufführung die von der S. geforderten Bedingungen nicht mehr erfüllen, abgesetzt werden. Das ist z.B. bei Abdulhamid geschehen auf Grund eines Fetwas des Scheich ul - Islam. Diese Absetzung erfolgte wegen Ungerechtigkeit. In früheren Zeiten wurden meist körperliche Defekte - daher häufige Blendung unbeliebter Kalifen - als Vorwand zur Absetzung genommen. Ein Kalif muß nämlich körperlich unbehindert geschäftsfähig sein und gewisse moralische Qualitäten besitzen. Er braucht nicht der Beste der Gemeinde zu sein. Nach den meisten Riten ist die Abstammung vom arabischen Stamme Kuraisch obligatorisch; nur die Hanafiten weichen mit Rücksicht auf die Kalifatsansprüche des Türkensultans davon ab. Der Kalif wird gewählt oder von seinem Vorgänger mit bestimmten Kautelen - ein Vater darf seinen Sohn nicht bestimmen - ernannt, alles nach Analogie der Wahlen der sog. orthodoxen Kalifen. Die Aufgabe des Kalifen ist die weltliche Leitung des Staates und die Ausbreitung des Islam durch den hl. Krieg (Djihad). Der hl. Krieg ist keine Individualpflicht, sondern eine Gemeindepflicht der Gläubigen, nur im Falle des Angriffs ist jeder zum hl. Krieg gebunden. Alle Ungläubigen sind zu bekämpfen, bis sie den Islam annehmen, nur die sog. Schriftbesitzer (Christen, Juden usw.) dürfen ihre Religion behalten, wenn sie nur Tribut zahlen. Kolonialkriege werden von den Muslimen gern als Djihad gefaßt. Die Djihadlehre sollte in den islamischen Schulen nicht gelehrt werden dürfen. In Niederländisch - Indien achtet man nach den Erfahrungen des Atjehkrieges sehr darauf. Im allgemeinen werden die staatsrechtlichen Lehren in den S.büchern wenig behandelt, aber das Bewußtsein ist sehr lebendig und betätigt sich neuerdings im Panislamismus (s.d.). Nach der strengen Lehre sind nur die vier ersten Kalifen rechtmäßige Kalifen gewesen. Alle späteren Kalifen wären nur Machthaber, Usurpatoren, aber die islamische Theorie fordert, daß man auch dem ungerechten islamischen Herrscher gehorchen soll, weil eine schlechte Ordnung immer noch besser ist als Unordnung. Als das Abbasidenkalifat von Bagdad 1258 zu Ende ging, konnten die letzten Nachkommen der Kalifen noch bis 1517 unter den Mamluken in Ägypten ein Schattendasein führen. Sie gaben dem jeweiligen Emir die Investitur als Sultan - Sultan heißt zunächst Herrschaft; es wird erst später zum Titel - d.h. sie übertrugen ihm alle eigentlich dem Kalifen zustehenden Hoheitsrechte; es war eine reine Formalität, die aber für das Volksempfinden wichtig war, weil sich damit ein Anspruch auf die Gesamtheit der Mohammedaner verknüpfte. Aus dem gleichen Gedanken her,aus haben dann seit der Eroberung Ägyptens die Türkensultane das Kalifat beansprucht, das der letzte Abbaside damals feierlich an den Eroberer übertrug. Als der eigentliche Souverän wird der jeweilige Türkensultan jetzt im Fürbittgebet des Freitagsgottesdienstes genannt (s. Moschee). Diese Praxis ist bedenklich, von Frankreich und Holland wird sie auch nicht zugelassen, während z. B. England und Deutschland nichts dagegen zu haben scheinen. Die plötzliche Abänderung einer alten Sitte würde auch nur Mißstimmung auslösen.

4. Ehe-, Familien- und Sklavenrecht. Dieser Teil der S. ist wohl überall wirklich in Praxis. Die islamische Ehe ist aus der Kaufehe (s. Ehe) der alten Araber entstanden. Den Kaufpreis erhält im Islam die Frau - diese Brautgabe heißt Mahr oder Sadak -, aber sie figuriert trotzdem nicht selbst als Vertragschließende, vielmehr kommt die Ehe zustande durch Verabredung zwischen- dem Bräutigam und dem Brautvater resp. dem nächsten männlichen Blutsverwandten der Frau. Dieser Vormund der Frau wird Wali genannt; die S. regelt genau die Reihenfolge der zu diesem Amte Berufenen. Die Frau muß ihre Zustimmung erteilen, nur Vater und Großvater können sie ohne diese verheiraten; eine schon Deflorierte - ob legal oder illegal ist gleichgültig - kann nur mit ihrer Zustimmung verheiratet werden. Beim Fehlen eines gesetzlichen Wali tritt der Kadi, bei dessen Fehlen eine von Braut und Bräutigam bestimmte Vertrauensperson an seine Stelle. Der Heiratsakt besteht in Angebot und Annahme und Festsetzung des Brautgeldes, das häufig nur zum Teil gezahlt wird, um durch die Stundung den Mann von leichtsinniger Ehescheidung abzuhalten, da in diesem Falle der Rest unter allen Umständen sofort fällig würde. Dem Herkommen nach hat bei der Verheiratung der Wali der Braut eine kleine religiöse Ansprache zu halten. Da das nur gelehrte Leute korrekt können, und da der geringste formale Verstoß den Eheschluß ungültig machen würde, zieht man in der Regel den Ortsgeistlichen, den Schulmeister als Sachverständigen hinzu. Er schließt dann die Ehe, aber nicht in seiner geistlichen Eigenschaft, sondern als Vertreter des Walis der Frau. Zum Abschluß einer legalen Ehe ist unter Leuten, die den Formelkram beherrschen, die Anwesenheit eines Geistlichen unnötig. Jeder freie Muslim darf vier Frauen gleichzeitig besitzen, doch kommt diese Zahl selten vor. Die Monogamie überwiegt fast überall. Ehehindernisse sind nahe Blutsverwandtschaft, Verschwägerung, Milchgeschwisterschaft, Unebenbürtigkeit des Mannes - eine Frau ist immer ebenbürtig - und anderes. Die S. kennt keine Gütergemeinschaft, die Frau behält freie Verfügung über ihr Gut; der Mann ist zu ihrem Unterhalt verpflichtet. Sie schuldet ihm Gehorsam, und er hat ein beschränktes Züchtigungsrecht. Bei mehreren Frauen ist er zu einer gleichmäßigen Verteilung der Nächte verpflichtet. Die Ehe kann in folgender Weise aufgelöst werden: 1. durch den Tod, 2. durch Abfall vom Islam, 3. durch Hinfälligkeitserklärung aus formalen Gründen (Fash), 4. durch die vom Mann ausgesprochene Scheidung (Talak) - (sie kann während einer bestimmten Wartezeit [Idda] vom Mann ohne weiteres zweimal zurückgenommen werden); ist das Talak nacheinander oder gleich auf einmal dreifach ausgesprochen, so muß Zwischenheirat mit einem anderen Mann erfolgen; 3 x 3 mal geschiedene Ehen sind nicht mehr zusammenzubringen; es ist etwas ganz Gewöhnliches, daß ein Mann sich öfters von der gleichen Frau scheidet, ja manche Frauen wandern von Hand zu Hand, und durch die Leichtigkeit des Talak wird die Ehe in manchen Gegenden, z. B. in Mekka, zu einer legalen Form der Prostitution. Die Ehe auf Zeit (Mut'a) ist bei den Sunniten verboten, aber in der Schia erlaubt. Die Idda dauert drei Monate, die Traueridda vier Monate zehn Tage; im Fall der Schwangerschaft bis nach der Niederkunft. -5. Durch Loskauf von seiten der Frau (Chul'); der Loskauf entspricht dem dreifachen Talak, doch ist jederzeit ohne Zwischenheirat ein neuer Ehekontrakt möglich. 6. Durch die Fluchformel (Li'anformel). Wenn ein Mann seine Frau, ohne dafür Zeugen zu haben - andere als der Gatte brauchen, wenn sie anklagen, vier Augenzeugen! -des Ehebruchs beschuldigt, kann er dies mit einem öffentlichen fünfmaligen Eide tun; die Frau kann sich Straffreiheit - ihr gebührte der Tod - sichern durch den Gegeneid, aber die Ehe ist für alle Zeiten geschieden, ein ev. Kind ist unehelich. Außer mit seinen legitimen Frauen darf ein Mann mit allen seinen eignen Sklavinnen geschlechtlich verkehren, Kinder aus diesen Verhältnissen sind frei und ehelich; die Mutter wird bei der Geburt unverkäuflich und spätestens beim Tod des Herrn frei. Aller anderer Geschlechtsverkehr, z.B. mit den Sklavinnen der Frau, gilt als Unzucht und ist streng verboten. Will man mit einer fremden Sklavin verkehren, so muß man sie heiraten, wovor aber gewarnt wird. Es ist nur im Notfall zulässig; denn die Kinder aus diesen Ehen sind Sklavenkinder und gehören dem Besitzer der Sklavin. Die Adoption ist erlaubt aber ohne Rechtsfolgen; die Blutsverwandtschaft wird nicht aufgehoben. Der Sklave (Abd) gehört wie in der Antike zur Familie, der Herr hat für ihn zu sorgen. Freilassung von Sklaven gilt als verdienstliches Werk; mit der Freilassung wird der Sklave Klient; sein früherer Herr gilt als sein nächster Blutsverwandter. Die Sklaven werden von allen gesetzlichen Strafen nur zur Hälfte getroffen, sie dürfen nur zwei Frauen haben, die Idda beträgt bei der Sklavin trotz des inneren Widersinns nur die Hälfte wie bei den Freien. Der Sklave darf nur mit Zustimmung seines Herrn heiraten. Die S. weist den Sklaven in der islamischen Gesellschaft ein Stellung ein, die besser ist als die unserer Dienstboten, da sie auf ethischer und religiöser Basis fußt (s.a. Sklaverei).

5. Erbrecht. Das islamische Erbrecht ist ein in seiner strengen Durchführung gemildertes Agnatenerbrecht. Nachdem Koran gibt es eine Reihe von Personen, die mit bestimmten Quoten bedacht sind. Diese Quotenerben sind aber nicht die Haupterben; die männlichen Blutsverwandten (Asabat) sind als die Haupterben anzusehen, nur bestimmte andere Verwandte sind durch Quotenansprüche ihnen gleichgestellt oder doch neben ihnen anerkannt. Diese Grundlage des Erbrechts wird sehr häufig mißverstanden, weil das Erbrecht der Asabat als selbstverständlich nicht weiter erörtert wird. Alle gelegentlich gebrauchten Vergleiche mit Vor- und Nacherben sind unrichtig. Die Reihenfolge der Agnaten ist genau geregelt, der nähere schließt immer den ferneren aus. Als Quotenerben gelten Witwer und Witwe, bestimmte weibliche Verwandte, die aber bei gleichzeitigem Vorhandensein entsprechender Verwandter männlichen Geschlechts als asabat behandelt werden, Vater und Mutter, Großvater und Großmutter (Koran IV, 12 - 15; 175). Die weiblichen Asabat erben immer die Hälfte von der Quote der männlichen Asabat gleichen Grades. Die Quotenberechnung ist. meist sehr kompliziert, wenn viele Ansprüche vorliegen. Man nennt diese Berechnung die Kunst der Quoten (Fara'Id). Erlaubt, ja sogar empfehlenswert ist es, durch Testament (Wasijja) Legate zu machen. Die Testiermöglichkeit ist auf ein Drittel des Vermögens begrenzt; darüber hinaus verfügende Testamente sind nach der S. ungültig, aber es gibt im Gewohnheitsrecht Ausnahmen; so liegt bei den Suaheli die Testiergrenze erst bei der Hälfte des Vermögens.

6. Sachen- und Obligationenrecht. Kauf und Verkauf, Darlehen, Schenkung, Pacht, Bürgschaft, Kommanditgeschäft, Wechselpraxis usw. sind in den S.büchern aufs genaueste geregelt, die Praxis des Lebens kümmert sich aber in der Regel nicht darum. Selbst das wichtigste Verbot, das des Zinsnehmens, wird überall übertreten, und es gibt wenig so große Wucherer wie die Araber und Inder. Ganz Fromme umgehen das absolute Verbot des Zinsnehmens vom Geld - jeder Zins vom Geld gilt als Wucher -, indem sie einen doppelten fiktiven Kauf - wie in der europäischen Wucherpraxis - einschieben. Das lebendigste Gebiet dieses Rechtskreises ist das Recht der Güter der Toten Hand, der frommen Stiftungen. Sie heißen arab. Wakf (türk. Wakuf), Plur. Aukaf, im malikitischen Ritus meist habs, Plur. Ahbas. Moscheen, Friedhöfe, Brunnenanlagen usw. pflegen meist Wakfe zu sein. Die Stiftung braucht aber nicht einem frommen oder gemeinnützigen Zwecke zu dienen; es gibt auch - namentlich in den Zentralländern des Islam - sehr erhebliche Familienfid eikominisse. Die Stiftungen sind unbegrenzt, nur von Todes wegen sind sie an die Testiergrenze der Testamente gebunden.

7. Strafrecht. Das Strafrecht der S. ist äußerst barbarisch. Für bestimmte Verbrechen sind schon im Koran bestimmte Strafen vorgesehen, z.B. Diebstahl wird durch Abhauen der rechten Hand bestraft, im Wiederholungsfall fällt der linke Fuß usw. In anderen Fällen ist Steinigung, Kreuzigung, Geißelung angedroht. Sind die Strafen im Koran nicht vorgesehen, so entscheidet richterliches Gutdünken, doch muß diese, Strafe unter der koranischen Mindeststrafe von 40 Hieben bleiben. Neben diesem öffentlichrechtlichen Strafrecht gibt es ein uns ganz merkwürdig anmutendes privatrechtliches Strafrecht nach dem Grundsatze der Wiedervergeltung (talio), bei dem aber durch die S. die Ablösung durch Geld und Geldeswert empfohlen wird.

Literatur: Th. W. Juynboll, Handbuch des islam. Gesetzes. Leipz. 1910. - El - Mawerdi, El - Ahkam es - soulthànìya trad. par le Comte Léon 0storog. Paris 1901, 1906. - C. Snouck - Hurgronie, Mekka. Haag 1888. - Derselbe, Le droit musulman (Bev. Hist. Bel. 1898). E. Sachau, Mohammedanisches Recht nach schafiitischer Lehre. Stuttg. Berl. 1897. - Dazu: Snouck - Hurgronje in Zeitschr. d. morgl. Gesellsch. 53 (1899). - I. Goldziher, Die Zahiriten. Lpzg. 1884. - Derselbe, Vorlesungen über den Islam. Heidelberg 1910. - Die einschlägigen Artikel in der Enzykl. d. Islam.

C. H. Becker.