Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 256

Schafpocken, ein ansteckender, mit starker Störung des Allgemeinbefindens einhergehender Hautausschlag, der entweder unmittelbar durch kranke Tiere oder mittelbar durch Zwischenträger (Personen, Schäferhunde, Häute, Wolle, Futter, Stroh, Dünger, Kraale usw.) übertragen wird. Schafe, die von der Pockenseuche genesen sind, können in ihrem Vlies den Ansteckungsstoff noch längere Zeit, bis zu drei Monaten, beherbergen und auf diese Weise die Krankheit verschleppen. Ferner ist hervorzuheben, daß Schafe, die zum Schutze gegen die Pockenseuche geimpft worden sind, in der gleichen Weise wie natürlich erkrankte Schafe die Krankheit zu verbreiten vermögen. Tiere, die den Ansteckungsstoff der Pockenseuche aufgenommen haben, erkranken etwa 4 - 7 Tage später unter den Erscheinungen des Fiebers, der Traurigkeit, Mattigkeit, verringerter Freßlust, Schwellung der Augenlider, der Lippen- und Nasenränder, sowie unter Rötung und Schwellung der Lidbindehäute. 1 - 2 Tage später treten an den wollelosen oder schwachbewollten, außerdem aber auch an den starkbewollten Hautstellen flohstichähnliche rote Flecke und einige Tage später an deren Stelle harte, meist flache Knötchen und Knoten von Erbsen- bis Bohnengröße (s. Tafel 178 Abb. 1) auf, die fest bleiben oder erweichen und vereitern und hierauf zu einem schwarzbraunen Schorfe eintrocknen können (s. Tafel 178 Abb. 2). Am deutlichsten zeigen sich diese Veränderungen an den inneren Schenkelflächen, am Euter und an der unteren Schwanzfläche. Die über den Pocken befindliche Wolle wird lose und läßt sich leicht entfernen. Die Krankheit dauert beim gewöhnlichen Verlauf etwa drei Wochen, und es sterben an ihr von den Wollschafen etwa 10 - 20%, von den Afrikanerschafen bis zu 75%. Die Pockenseuche unterliegt im Deutschen Reiche und in den Kolonien der veterinärpolizeilichen Bekämpfung (Anzeigepflicht, Sperre, Impfung und Desinfektion). Die Impfung wird in der Weise vorgenommen, daß in graue, feste oder in klare, verflüssigte Pocken mit sauberen, durch Auskochen in Wasser sterilisierten Messern eingeschnitten und von der Schnittfläche mit einer Impfnadel etwas klarer Saft abgestrichen und auf die noch gesunden Tiere übergeimpft wird. Die Überimpfung geschieht am besten an der unbewollten Unterfläche des Schwanzes, 5 - 10 cm vom After entfernt, oder an der Innenfläche des Ohres, 3 - 4 cm unter dessen Spitze, indem man die mit Pockensaft bestrichene Spitze der Impfnadel schräg in die angespannte Haut so einsticht, daß der Impfstoff auf die Haut und nicht unter die Haut gerät. Pocken von schwer erkrankten oder schlecht genährten Tieren, ferner vereiterte, blutige oder brandige Pocken dürfen zur Pockenimpfung nicht verwendet werden, weil sonst schwere Impfverluste die Folge sind. Die geimpften Tiere unterliegen denselben veterinärpolizeilichen Maßregeln wie die natürlich erkrankten, weil sie ebenso wie diese die Seuche zu verschleppen vermögen.

v. Ostertag.