Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 437

Südseesprachen. Die Bezeichnung "S." kann bei dem heutigen Stande der Forschung nur mehr eine rein geographische Bedeutung haben, Sprachen, welche in der Südsee gesprochen werden. Weder weisen die neuentdeckten Papuasprachen (s.d.) irgendeinen Zusammenhang mit den austronesischen (s.d.), melanesischen (s.d.) und polynesischen (s.d.) auf, noch bilden sie untereinander eine innerlich verwandte Gruppe. Ebenso ist durch W. Schmidts (s.d.) Forschungen die früher in Geltung stehende These von der Einheitlichkeit der australischen Sprachen durchbrochen: analog den in der Inselwelt so weitverbreiteten austronesischen Sprachen, denen die in äußerster Mannigfaltigkeit zersplitterten Papuasprachen gegenüberstehen, gibt es in Australien eine Gruppe der Südsprachen, die einen - allerdings erst durch nachträgliche Wanderungen einer Sprachenfamilie herbeigeführten - Zusammenhang ihrer sämtlichen Sprachen aufweist, und eine Gruppe der Nordsprachen, in der zahlreiche zusammenhanglos sich gegenüberstehende Sprachen nach rein negativen ,Merkmalen, wie bei den Papuasprachen, zusammengefaßt werden müssen. Aber keine von den australischen Sprachen -ausgenommen in kleinstem Umfang die Kap Yorkgruppe im äußersten Norden mit der Sprache der westlichen Inseln der Torresstraße - läßt bei dem jetzigen Stande der Forschung haltbare Spuren eines genealogischen Zusammenhangs mit den Papuasprachen Neuguineas oder der Inseln, noch weniger mit den austronesischen Sprachen erkennen. Endlich muß auch für jetzt die völlig isolierte Stellung des Tasmanischen allen andern Südseesprachen gegenüber festgehalten werden. Die These (G. v. d. Gabelentz [s.d] und) H. Schnorr v. Carolsfelds von der inneren Zusammengehörigkeit aller Südseesprachen muß also als haltlos fallen gelassen werden.

Literatur: S. die Angaben bei den Artikeln: Melanes. Spr., Polynes. Spr., Papuasprachen und für die australischen Sprachen (die sämtliche Literatur enthaltend): P. W. Schmidt SVD, Die Gliederung der australischen Sprachen, Anthropos VII (1912), 230 -251, 463 - 497, 1014 - 1048, VIII (1913), 526 - 554 ff, besonders VII, 230, Anm. 4 und 250 - 251. (Nach Vollendung des Erscheinens im "Anthropos" in einer Separatausgabe erhältlich.)

Schmidt.