Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 186 f.

Routenaufnahmen (Wegeaufnahmen). Das einfachste und billigste Mittel, um von unerforschten oder wenig bekannten Gebieten ein ungefähres Kartenbild zu erlangen, bieten in ihrer konsequenten Durchführung die Routen- oder Wegeaufnahmen mit Uhr und Kompaß. Wenn man mit einer solchen Aufnahme, namentlich in unübersichtlichem Gelände, in den mit hohem Gras bestandenen Savannen oder in den Urwäldern Afrikas zunächst auch nur einen Überblick über einen ganz schmalen, bandförmigen Streifen des durchzogenen Landes gewinnt, so läßt sich doch, je mehr sich die Wegeaufnahmen in dem betr. Gebiete häufen und wenn dann zu diesen Aufnahmen noch zuverlässige astronomische Ortsbestimmungen mit einem Reisetheodolit hinzukommen mit der Zeit ein billigen Anforderungen genügendes Kartenbild bei sachkundiger Kombination allen Materials herstellen. Auf diese Weise sind die meisten der bis jetzt vorhandenen Karten der deutschen Schutzgebiete entstanden. Und dies allein durch die opferwilligen und freiwilligen Bemühungen von hunderten von Beamten, Angehörigen der Schutztruppe und Forschungsreisenden, die seit Beginn der Kolonialperiode ein erstaunlich reiches Aufnahmematerial beigebracht haben. Für diejenigen vorläufig noch beschränkten Gebiete der Kolonien, die einen höheren wirtschaftlichen Wert durch Plantagenbau, Städteanlagen usw. haben, genügt diese Methode der Aufnahmen freilich nicht. Dort muß, um sichere Unterlagen für ein genaues Kartenbild zu gewinnen, alsbald zur Triangulation (s.d.) und landmesserischen Aufnahmen gegriffen werden, ein Verfahren, das mit erheblich größeren Kosten verbunden ist, das aber mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung einer Kolonie dann allmählich auf deren ganzes Gebiet auszudehnen sein wird. Bei R. hält man den mit einer quadratischen Bodenfläche versehenen Kompaß mit rechtwinklig gebeugtem Arm frei so vor die Mitte des Leibes, daß die Zahl 0 der Kreisteilung des Instrumentes in die Richtung des Weges fällt und notiert stets die von der Nordhälfte der Magnetnadel angezeigte Zahl. Bei einiger Übung wird man die Wegerichtung während des Marsches oder bei jedesmaligem ganz kurzen Stehenbleiben auf 5°genau ablesen können. Diese Ablesungen werden nicht in gleichen Zeitintervallen, sondern immer dann vorgenommen, wenn die Wegerichtung sich merklich ändert. In diesem Moment wird zuerst der Stand der Taschenuhr und dann die neue Wegerichtung abgelesen und notiert. Die Aufzeichnung geschieht mit Hilfe eines mittelharten Bleistifts in ein handliches Notizbuch mit festem Einband (bei D. Reimer, Berlin, zu beziehen), und zwar so, daß man schon während des Marsches versucht, ein annäherndes Bild des Weges mit seinen Krümmungen zeichnerisch festzuhalten, unter gleichgleichzeitiger Skizzierung der links und rechts vom Weg sichtbaren Terrainformen. Man beginnt mit der Zeichnung am unteren Rand der Seite des Routenbuches und braucht die einzelnen Wegestrecken zwischen den aufeinanderfolgenden Teilungen nicht in ihrem richtigen Längenverhältnis darzustellen. Dort, wo die Objekte, die zu notieren sind, sich häufen, kann man die einzelnen Strecken der Deutlichkeit wegen länger als gewöhnlich zeichnen. Man schreibe konsequent die Uhrzeiten auf die eine, die Kompaßablesungen auf die andere Seite der Wegelinie. Bei Beginn des Tagesmarsches ist stets das Datum und am Schluß der Moment der Erreichung des Lagers oder sonstigen Tageszieles zu vermerken. Selbstverständlich ist auch die Dauer jeder Marschstockung und jedes Aufenthaltes genau zu notieren, ferner die Richtung (durch Pfeile), Tiefe und Breite der überschrittenen Wasserläufe. Anstiege im Terrain sind durch nach' unten gekrümmte Bogenstriche, Abstiege durch nach oben gekrümmte Striche im Routenbuch zu markieren. Angaben über den Wechsel der Marschgeschwindigkeit dürfen nicht unterbleiben, ebenso Angaben über die Anzahl der in einer Minute unter norm alen Verhältnissen zurückgelegten Schritte und die normale Länge des Schrittes. Gibt schwieriges Terrain, dichte Vegetation, Sumpf usw. Anlaß zu besonders beträchtlicher Verringerung der Marschgeschwindigkeit, so wird man gut tun, dies besonders zu notieren, z.B. "von 1 hoch 15 bis 1 hoch 40 nur 1/4 der regulären Geschwindigkeit". Mit der Zeit wird man leicht das richtige Gefühl für derartige Schätzungen gewinnen. Es fehlt der Raum, um hier darauf einzugehen, wie man mit Hilfe des Detaillierbrettes an wichtigen Punkten, die eine weite Fernsicht gestatten, zur Vervollständigung der Aufnahmen Rundpeilungen vornimmt und Bergprofile zeichnet. Es sei nur noch darauf hingewiesen, daß man die Routenaufnahmen durch Anpeilung hervorragender Terrainobjekte mit dem hierfür mit einer Visiervorrichtung versehenen Routenkompaß oder durch einen besonderen Kompaß, eine sog. Schmalkalder Bussole, wesentlich verbessern kann (s.a. Höhemessungen). Jedes Objekt, das man, um Irrtümer und Verwechslungen zu vermeiden, mit Nummern oder Buchstaben bezeichnet, muß tunlichst dreimal von nicht zu nahe aneinander liegenden Standorten aus anvisiert werden. Auch Rückwärtspeilungen bereits passierter Objekte sind von großem Wert. Diese Peilungen sind u. a. deshalb so wichtig für die spätere Konstruktion der Route, weil durch Eisenerze oder vulkanische Gesteine nicht selten Störungen der natürlichen Richtung der Magnetnadel veranlaßt werden, die ohne weiteres nicht zu erkennen sind und die die Wege;aufnahmen schädlich beeinflussen. Um Störungen des Kompasses zu vermeiden, wird man daher auch gut tun, beim Routenaufnehmen kein Gewehr oder sonstige größere Eisenmassen bei sich zu tragen.

Literatur: Anweisung zu Rouknaufnahmen von P. Sprigade und M. Moisel als Vorwort zu den vom Verlag von D. Reimer, Berlin, zu beziehenden Routenaufnahmebüchern.

Danckelman.