Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 182

Rohstoffe sind Produkte des Tier-, Pflanzen- und Mineralreichs in ihrer ursprünglichen äußeren Gestalt oder inneren Beschaffenheit, d.h. bevor sie der gewerblichen Bearbeitung ("Veredlung") unterworfen worden sind. Der Begriff "Rohstoff" ist keineswegs fest umschrieben, sondern wird in der Praxis verschieden gehandhabt So ist z.B. die bereits im Ursprungslande mit Entkörnungmiaschinen behandelte und dadurch von den Samen befreite Baumwolle ("Lintbaumwolle") ebenso gut als ein Rohstoff anzusehen, wie die noch an den Samen haftende Rohbaumwolle oder wie die bei der Entkörnung abfallenden Samen. Gleicherweise kann man das von den Eingeborenen an Ort und Stelle aus den Früchten der Ölpalmen gewonnene rohe Palmöl als Rohstoff ansehen, obwohl es bereits die erste Stufe gewerblicher Bearbeitung durchgemacht hat usw. Nicht aber läßt sich z.B. die im Ursprungslande schon gereinigte Faser des Sisalhanfs noch als R, bezeichnen. - Die auf wissenschaftlicher Grundlage ruhende Lehre von den R. ist die Technologie. - Eine der wichtigsten Aufgaben der Kolonialwirtschaft und zugleich eine Forderung gesunder nationaler Wirtschaftspolitik richtet sich auf die Gewinnung von R. aus den Schutzgebieten für die heimische Volksernährung und zur Versorgung der heimischen Industrie. Insbesondere kommen dabei solche R. in Betracht, welche Deutschland heute noch in großem Umfange aus dem Auslande beziehen muß, wobei es allen monopolisierenden Tendenzen in den fremdländischen Produktionsgebieten gegenüber wehrlos ist und ohne bestimmenden Einfluß auf die Preisgestaltung des Weltmarktes bleibt. - A. Wichtigere R. des Tierreichs für die Ausfuhr aus den Schutzgebieten sind u.a.: Elfenbein und andere Dickhäuterzähne, Häute und Felle, Gehörne, Schafwolle, Mohair, Bienenwachs, Schmuckfedern, Guano, Schildpatt, Muscheln, Trepang. - B. Wichtigere R. des Pflanzenreichs für die Ausfuhr aus den Schutzgebieten u.a.: Körner und Hülsenfrüchte verschiedener Art; Obstarten; Genußmittel wie Kaffee, Kakao, Tabak, Kola, Gewürze, Kawawurzeln; Arzneimittel; Ölfrüchte, vor allem Kopra, Palmöl, Palmkerne, Baumwollsaat, Erdnüsse, Sesam; Pflanzenfasern wie Baumwolle, Kapok, Kokosfasern; Nutzhölzer; Gerb- und Farbhölzer und- rinden; Kautschuk und Guttapercha; Harze. - C. Wichtigere R. des Mineralreichs für die Ausfuhr aus den Schutzgebieten: Rohedelsteine, namentlich Diamanten; Erze wie Gold , Kupfer und Zinnerz; Salz; Phosphate; Glimmer; Marmor.

Literatur: 8. Spezialkapitel, ferner zahlreiche Handbücher der Technologie und sonstige Spezialwerke; für die pflanzlichen Rohstoffe: J. Wie.-, Die Rohstoffe des II. Aufl., 2 Bde., Leipz. 1900.

Busse.