Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 168 f.

Rheinische Missionsgesellschaft. Diese nach ihrem Sitz Barmen oft auch "Barmer Mission" genannte Gesellschaft wurde 1828 begründet, stützt sich wesentlich auf die westlichen Provinzen der preußischen Landeskirche und hat zurzeit unter den deutschen evangelischen Missionsgesellschaften,die größte Gesamtziffer christianisierter Eingeborener aufzuweisen. In der Kapkolonie (seit 1830) hat sie auf 4 Stationen einen Gemeindebestand von 20 474 getauften Mitgliedern gesammelt; in Niederländisch - Indien (seit 1836), auf den Inseln Borneo, Sumatra, Nias, Mentawei und Enggano ein 67 Stationen umfassendes Missionswerk mit 132 971 eingeborenen Christen geschaffen, außerdem in China (seit 1850) ein Arbeitsfeld von 7 Stationen mit 2 238 Getauften. In den deutschen Schutzgebieten hat die. Rheinische Missionsgesellschaft in Deutsch-Neuguinea Niederlassungen und vor allem in Deutsch-Südwestafrika (seit 1842) ein großes und wichtiges Arbeitsfeld (s. Mission 2, e und h). Bis zur Aufrichtung der deutschen Herrschaft war sie für dieses Land fast der alleinige Vermittler europäischer Kultur und hat in jahrzehntelanger Arbeit ohne Schutz durch eine europäische Macht unter schwierigen Verhältnissen Pionierdienste geleistet und. der späteren deutschen Kolonisation vorgearbeitet. Unter ihren Missionaren ragt Hugo Hahn (s.d.) hervor, der 1842 ins Hereroland kam, in den ununterbrochenen Kriegen zwischen Nama und Herero aushielt und zweimal den völligen Zusammenbruch aller Missionsarbeit erlebte (1853, 1859), begründete die Ansiedelung von deutschen Handwerkern und Kolonisten in Otjimbingue (1864) und die dortige Schule zur Ausbildungeingeborener Missionsgehilfen (Augustiiieum), unternahm mehrfache Forschungsreisen, u. a. 1886 an den Kussenefluß und lieferte wertvolle sprachliche Arbeiten (Grammatik des Herero, und Kleines Wörterbuch, Berl. 1859). F. H. Brincker veröffentlichte: Wörterbuch und kurzgefaßte Grammatik des Otji - Herero (Berl. 1886), Deutscher Wortführer zu den drei Bantudialekten: Otjiherero, Otjindonga und, Otiikuaniama (Elberfeld 1893), übersetzte zusammen mit Viehe und Büttner (vgl. diese das Neue Testament (Gütersloh 1879), gab heraus - Lehrbuch, Grammatik und Wörterbuch des Otjikuanjama (Berl. 1891); J. Olpp, Namadeutsches Wörterbuch (Elberf. 1888). J.G. Krönlein hat grundlegend die Namasprache erforscht, veröffentlichte: Wortschatz des Khoi - Khoin (Berl. 1889). Von H. Tönjes, jetzt Eingeborenenkommissar in Lüderitzbucht, erschien: Lehrbuch der Ovambosprache Osikuanjama (Berl. 1910); Wörterbuch der Ovambosprache (Berl. 1910); Ovamboland Land, Leute, Mission (Berl. 1911); von H. Ve d der: Grammatik der Buschmannsprache usw (Zeitschr. f. kol. Spr. I, H. 2. 1910). - Die R. M. stand mitten in der schwierigen Aufgabe, ihr Missionswerk in die durch die deutsche Besitz ergreifung des Landes geschaffenen neuen Verhältnisse überzuleiten, als sie durch den Ende 1903 ausbrechenden Aufstand (s. Hereroaufstand) überrascht wurde. An der Wiederherstellung friedlicher Verhältnisse hat sie mitgearbeitet, indem sie 12 288 zerstreute Herero veranlaßte, sich der deutschen Regierung freiwillig zu unterwerfen. Durch den Krieg wie durch seine Folgen ist die R. M. schwer betroffen worden. Die Zertrümmerung des nationalen Verbandes der Herero, ihre Zerstreuung und der Zwang, von der Lebensweise des viehzüchtenden Nomaden zu der des Tagelöhners und Arbeiters überzugehen, hat den Charakter des Volkes von Grund aus verändert. Die verschiedenen Stämme der eingeborenen Bevölkerung sind durcheinandergewürfelt, auch die alten Grenzen der Sprachgebiete haben sieh verschoben, zum Teil bestehen überhaupt keine festen Sprachgrenzen mehr. Durch diese Verhältnisse ist die R. M. gezwungen worden, ganz neu anzufangen, aber im Vergleich zu der Vergangenheit, zum Teil unter erheblich erschwerten Arbeitsbedingungen. Denn es waren nicht nur ihre alten Organisationen zum Teil zerstört und Besitztümer verloren gegangen, sondern es ist auch nicht mehr möglich, die christianisierten Eingeborenen in örtlich abgegrenzten Gemeinden zusammenzuschließen. Für die Erteilung des Unterrichts im Christentum sind neue Wege zu suchen, die sprachlichen Anforderungen an die Missionare sind gestiegen, und die überall wünschenswerte Heranbildung von eingeborenen Helfern erweist sich hier als unumgänglich. Über den gegenwärtigen Stand der R. M. s. Mission 2. e, h.

Literatur: L. v. Rhoden. Geschichte der Rheinischen Missionsgesellschaft. 3. Aufl., Barmen 1888. - J. Irle, Die Herero. Gütersloh 1906. Die Rheinische Mission und der Herero - Aufstand. Barmen 1904. - Spiecker, Die Rheinische Mission im Hereroland. Barmen 1907. - C. Mirbt, Mission und Kolonialpolitik in den deutschen Schutzgebieten. Tübing. 1910, 42 ff u. a. - 82. Jahresbericht der Rheinischen Missionsgesellschaft. Barmen 1912. S . Missionzeitschritten.

Mirbt.