Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 146 f.

Reichsangehörigkeit ist die staatliche Zugehörigkeit zum Deutschen Reiche. Wie Art. 3 der Reichsverfassung bestimmt, besteht für ganz Deutschland ein gemeinsames Indigenat mit der Wirkung, daß die Angehörigen eines jeden Bundesstaates in allen Bundesstaaten als Inländer zu behandeln sind und demgemäß zum festen. Wohnsitz, zum Gewerbebetriebe, zu öffentlichen Ämtern, zur Erwerbung von Grundstücken, zur Erlangung des Staatsbürgerrechts und zum Genusse aller sonstigen bürgerlichen Rechte unter denselben Voraussetzungen wie die Einheimischen zuzulassen, auch in betreff der Rechtsverfolgung und des Rechtsschutzes ihnen gleich zu behandeln sind. Dem Auslande gegenüber haben alle Deutschen gleichmäßig Anspruch auf den Schutz des Reichs. Nach dem Ges. vom 1. Juni 1870 (RGBl. S. 355) war der Erwerb und Verlust der R. ausnahmslos von dem Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit (s. d.) in einem Bundesstaate abhängig, so daß es lediglich eine sog. mittelbare R. gab. Erst die Novelle zum Schutzgebietsgesetz vom 25. Juli 1900 (RGBl. S. 809) schuf die Möglichkeit, die R. auch ohne den Besitz einer bundesstaatlichen Staatsangehörigkeit zu erwerben, indem bestimmt wurde (vgl. § 9 SchGG. in der Fassung der Novelle, RGBl. 1900 S. 813), daß Ausländern, die sich in den Schutzgebieten niederlassen, sowie Eingeborenen durch Naturalisation die Reichsangehörigkeit von dem Reichskanzler verliehen werden könnte. Auch das am 1. Jan. 1914 in Kraft getretene Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz vom 22. Juli 1913 (RGBl. S. 583) hat an dem Grundsatz festgehalten, daß die R. durch den Besitz der Staatsangehörigkeit in einem Bundesstaate bedingt ist. Es hat aber daneben den Gedanken des Gesetzes vom 25. Juli 1900 aufgenommen und ihn erheblich erweitert. Entsprechend der Bestimmung des § 9 SchGG. ist zunächst vorgesehen, daß die unmittelbare R. einem Ausländer, der sich in einem Schutzgebiete niedergelassen hat, oder einem Eingeborenen in einem Schutzgebiete verliehen werden kann. Ihre Verleihung ist sodann auch zulässig an ehemalige Deutsche (oder deren natürliche oder Adoptivkinder), die sich nicht im Inland niedergelassen haben, sowie an Ausländer, die im Reichsdienst angestellt sind und ihren dienstlichen Wohnsitz im Ausland haben. - Auf die unmittelbare R. finden die Vorschriften über die Staatsangehörigkeit (s. d.) in einem Bundesstaate entsprechende Anwendung. Für die unmittelbare R. kommen daher als Erwerbsgründe ebenfalls Geburt, Legitimation und Eheschließung in Frage, als Verlustgründe die Entlassung, der Erwerb einer ausländischen Staatsangehörigkeit, die Nichterfüllung der Wehrpflicht, die Nichtbefolgung der im Falle eines Krieges oder einer Kriegsgefahr vom Kaiser angeordneten Aufforderung zur Rückkehr, der ohne Erlaubnis der Regierung vollzogene Eintritt in ausländische Staatsdienste, bei einem unehelichen Kinde die von einem Ausländer bewirkte und nach den deutschen Gesetzen wirksame Legitimation, bei einer Deutschen die Eheschließung mit einem Ausländer. - Die Schutzgebiete gelten im Sinne des Gesetzes vom 22. Juli 1913 als Inland (§ 2). Die Anstellung als Landesbeamter eines Schutzgebiets schließt jedoch den Erwerb der R. nicht in sich. Auch können ehemalige Deutsche, die sich in einem Schutzgebiete niederlassen, nur die unmittelbare R., nicht aber die Staatsangehörigkeit ihres früheren Heimatsbundesstaates erwerben. Zu beachten ist noch, daß Art. 3 der Reichsverfassung in den Schutzgebieten keine territoriale Geltung hat, also es z. B. auch zulässig ist, Reichsangehörige aus den Schutzgebieten auszuweisen (s. Ausweisung).

Gerstmeyer.