Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 124 f.

Ramie, Rhea oder Chinagras, Boehmeria nivea, ist eine seit altersher in Ostindien, China und im Malaiischen Archipel kultivierte Faserpflanze. Sie gehört in die Familie der Nesselgewächse, Urticacee, aus der auch die gewöhnliche Brennessel in früheren Zeiten sehr leine Fasern zur Herstellung von sog. Kesseltüchern lieferte. Heute bestehen die Nesseltücher meist aus Flachs und Baumwolle oder anderen Fasern. Die R.pflanze, ist eine ausdauernde, krautige Staude mit geringer Verzweigung, dickem, etwas fleischigem, leicht behaartem Stengel, breiten, eiförmig zugespitzten, gesägten, oben grünen, unten weißfilzigen Blättern. Die kleinen, gedrängten Blütenstände sind denen unserer Brennessel nicht unähnlich. Je nach dem Kulturgebiet unterscheidet man verschiedene Formen, die auch von manchen als, besondere Arten (B. tenacissima, B. Candicans und B. utilis) angesehen werden. Im wesentlichen scheint es sich um zwei Rassen zu handeln, von denen der einen ein tropisches Klima, der anderen mehr die Wachstumsbedingungen der Subtropen zusagen. Die tropischen Wuchsformen zeigen kräftigere Entwicklung und meist unterseits grüne Blätter. Die R. verlangt ein möglichst gleichmäßiges, feuchtwarmes Klima, einen tiefgründigen, durchlässigen Boden aus sandigem Lehm, reichlich Regen und keine starken Temperaturschwankungen. Die Pflanze gedeiht zwar noch in den milderen Teilen der gemäßigten Zone, gibt aber weder in bezug auf Menge noch auf Güte ausreichende Fasern. Man zieht die Pflanzen entweder aus Samen, Stecklingen oder Wurzelstöcken. Die Aussaat der Samen erfolgt meist im Saatbeet, das ev. vor dem Auspflanzen noch einmal ausgedünnt wird. Am endgültigen Standort stehen die Pflanzen in Reihen von 90 cm Abstand und in diesen. Reihen mit 10 bis 25 cm Zwischenraum. In Bengalen gibt man den Pflanzen 30 cm bis 1 m Pflanzweite nach allen Seiten. Der Boden muß gut von Unkraut frei gehalten werden und wird für jede Reihe gehäufelt, so daß Furchen entstehen, die in trockenen Zeiten zur Bewässerung benutzt werden können. Von Zeit zu Zeit müssen die Furchen ausgetieft werden. Erntereife Stengel erhält man in den Tropen etwa nach einem Jahre, in den Subtropen frühestens nach zwei Jahren, häufig noch später. Die Ernte erfolgt kurz nach der Blütezeit wenn die Stengel am Grunde anfangen gelb zu werden und die unteren Blätter abfallen. Für die Gewinnung einer guten Faser ist trockenes, sonniges Erntewetter erforderlich. In den Tropen gestattet die R. mehrere Schnitte im Jahr, in den Subtropen meist nur 1 - 2. Da in der Rinde der R.pflanze gummiartige Stoffe vorhanden sind, so bietet die Gewinnung der Faser große Schwierigkeiten. Die Bastschicht ist daher möglichst innerhalb 24 Stunden nach der Ernte vom Stengel zu trennen. Zu diesem Zwecke werden die Stengel auf kurze Zeit in Wasser gelegt und dann, ohne die Binde zu verletzen, an mehreren Stellen gebrochen. Dann lassen sich die Rindenstreifen leicht herunterziehen. Sie werden darauf über der scharfen Kante einer Kokosnußschale oder eines anderen passenden Instruments hin und her gezogen, um so die Oberhaut des Stengels und einen Teil der klebrigen Stoffe zu entfernen. Es entstehen breite, gelbliche Striemen, die die Rohware dar stellen. Um aus diesen spinnbare Fasern zu erhalten, werden sie mit verdünnten Laugen oder ähnlich wirkenden, anderen Stoffen gekocht. Dabei werden die Bastbündel nicht nur aus den Gummistoffen frei, sondern zugleich in ihre einzelnen Zellelemente zerlegt. Man erhält auf diesem Wege weiße, seidenglänzende Fäden von wenigen bis etwa 15 cm Länge, die der Baumwolle nicht unähnlich aussehen. - Man bezeichnet daher die so aufbereitete R. auch als kotonisiert. Neuerdings sind für die Gewinnung der Striemen Maschinen erfunden, die Dekortikateur, Defibreur und auch Entholzer genannt werden. Die deutsche Firma Hubert Boeken & Co. in Düren bringt eine solche Maschine unter dem Namen Aquiles in den Handel. Auch chemische Verfahren sind für die Gewinnung der R.fasern patentiert worden. Die R.fabriken ziehen aber zurzeit noch den Bezug der R. in Striemen vor, um durch eigene Verfahren das Cotonisieren selbst vornehmen und dabei die Faser möglichst schonen zu können, um so eine wertvolle Spinnfaser zu gewinnen. Die Anfänge einer R.industrie in Europa gehen in das Jahr 1853 zurück. Die ersten Versuche waren aber nicht ermutigend. Erst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts gibt es eine Reihe von Fabriken in Frankreich, England, Belgien, der Schweiz und Deutschland (Emmendingen i. B.), die entweder ausschließlich oder in beträchtlichen Mengen R. verarbeiten. Heute wird die R. als Ersatz von Leinen und Baumwolle zu den verschiedensten Garnen und Geweben verarbeitet. Außerdem dient sie zur Herstellung von Grundgeweben für die Glühstrumpffabrikation und soll in letzter Zeit auch für die Papierindustrie Interesse gefunden haben. Deutschland importierte 1912 4000 t R. im Werte von 3,7 Mill. M last ausschließlich aus China, Hamburg 1913 563 t R. im Werte von etwa 500 000 M. Wenn auch die Ramiekultur in vielen Gegenden der Tropen und Subtropen möglich ist und eine große Zahl von Anbauversuchen vorliegt, so stammt die Handelsware doch heute noch in erster Linie aus China. - Da in neuerer Zeit für R. größere Verwendungsmöglichkeiten erhofft werden, so sind Anregungen zur Aufnahme dieser, Kultur zum Teil recht häufig.

Literatur: A. Schulte im Hofe, Die Ramiefaser und die wirtschaftliche Bedeutung der Ramiekultur für die deutschen Kolonien. 50 S. Berl. 1898. - H. A. Carter, Ramie (Rhea) China Grass, The new textile fibre. 140 S. London, Technical publishing Co., 1910. - H. J. Boeken, Ramie, Tropenpflanzer 1906, Beiheft 2, S. 81/88. - S. außerdem die allgemeine Literatur unter Pflanzenfasern.

Voigt.