Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 131 f.

Räude, durch Räudemilben (s. Milben) erzeugte Hautkrankheit der Tiere. Sie kommt vor insbesondere bei Schafen und Ziegen, ferner bei Rindern, außerdem bei Einhufern, Hunden und Schweinen. Die R.milben werden entweder unmittelbar von erkrankten Tieren oder mittelbar durch Zwischenträger (Stallgeräte, Bespannungsgeschirre, Reitzeuge, Putzzeuge, Decken, Kleider des Wartepersonals, Hürden, Schafscheren, Häute, Wolle, Wartepersonal usw.) übertragen. Die R.milben können auf Zwischenträgern bis zu acht Wochen lebens- und übertragungsfähig bleiben. Je nachdem bei der Ansteckung viele oder wenige R.milben auf ein gesundes Tier übertragen worden sind, ist die Zeit, die bis zum Hervortreten der ersten Krankheitserscheinung vergeht, verschieden und schwankt zwischen zwei und vier Wochen und darüber. Gemeinsame Merkmale aller Arten von Räude sind: heftiger Juckreiz, der die Tiere zum Scheuern und Benagen der erkrankten Hautstellen veranlaßt, Auftreten von Knötchen oder Bläschen sowie von Krusten oder Borken an den erkrankten Hautstellen, in den höheren Graden Ausfall der Haare oder der Wolle sowie Verdickung und Faltenbildung der Haut. Kratzt man an den erkrankten Hautstellen, so geben die Tiere offensichtliches Wohlbehagen durch Gegendrücken, Eindrücken des Rückens und Bebbern oder Flehmen mit den Lippen zu erkennen. Die R. des Schafes, die durch Dermatokoptesmilben erzeugt wird und sich an den mit Wolle besetzten Teilen der Haut entwickelt, hat besondere Bedeutung bei den Wollschafen, geringere bei den Fleischschafen. Im Beginn der Erkrankung einer Schafherde sieht man, daß einzelne Tiere bestimmte Körperstellen scheuern, mit den Lippen benagen oder daß sie mit den Hinterbeinen nach bestimmten Körperstellen schlagen. An diesen Stellen ist das Vlies nicht geschlossen, sondern zerzaust; bei fortschreitender Krankheit entstehen größere Lücken im Vliese (s. Tafel 168). Die Ziegen - R. wird durch Sarkoptesmilben hervorgerufen und beginnt in der Regel am Kopfe, am Halse, an den Schultern, um von hier aus sich über den ganzen Körper weiterzuverbreiten. - Die Rinder - R. wird gleich der Schaf - R. durch Dermatokoptesmilben verursacht, beginnt an den Seitenflächen des Halses, in der Genickgrube und an der Schwanzwurzel und breitet sich von hier aus über den Rücken, die Brust und selbst über den ganzen Körper aus. - Die Einhufer - R. wird entweder durch Dermatokoptes- oder durch Sarkoptesmilben hervorgerufen. Die erstere R.form tritt an geschützten Stellen (am Grunde der Mähne, unter dem Schopfe, am Schweife, im Kehlgang und an den Innenflächen der Schenkel) auf, die Sarkoptes - R. dagegen am ganzen Körper. Die Behandlung der R. in den Herden kann nur durch Baden mit Mitteln erfolgen, die die R.milben abtöten. Als solche Mittel verwendet man Tabakabkochungen, ferner Karbol, Lysol, Kreolin, Schwefel und Kalk sowie Arsenik nach tierärztlicher Anleitung. Arsenikhaltig ist auch das in Südafrika in großen Mengen gebrauchte Coopers dip. Mit Rücksicht auf die große Bedeutung der R. für die Entwicklung der Wollschafzucht ist überall, wo Wollschafzucht getrieben wird, auf die Ausrottung der Schaf - R. hinzuwirken. Auf jeder Wollschaffarm muß ein Räudebad, Langbad oder Rundbad, eingerichtet sein (s. Tafel 168 und Abb. auf S. 130), in dem die Tiere regelmäßig, auch wenn die R. nicht herrscht, gebadet werden und, wenn die R. ausgebrochen ist, so oft gebadet werden, bis die R. erloschen ist.

Wesentlich für den Erfolg des Verfahrens ist, daß die erkrankten Hautstellen durch Einreiben von Räudeschmiermitteln (Lysol- oder Kreolinliniment) für das Bad vorbereitet werden, so daß die Badeflüssigkeit auf die erkrankten Hautstellen einwirken und die hier befindlichen Milben töten kann, ferner, daß auf das erste Bad binnen etwa 10 Tagen ein zweites folgt, weil durch die uns zur Verfügung stehenden R.mittel nur die R.milben und ihre Larven, nicht dagegen die Eier der R.milben zerstört werden. Die aus letzteren bei den gebadeten Tieren sich entwickelnden Larven und geschlechtsreifen Alben müssen durch das zweite Bad zerstört werden. Ferner ist wichtig, daß die Tiere nach dem Baden auf Weiden gebracht werden, wo sie sich nicht durch Wollflöckchen, die von den kranken Tieren abgefallen oder an Sträuchern, Dornbüschen hängen geblieben sind, anstecken können. Es ist auch darauf zu halten, daß die gebadeten Schafe an einer Wasserstelle getränkt werden, wo eine neue Ansteckung nicht möglich ist. Die Behandlung der Ziegen - R. ist schwieriger als die Behandlung der Schaf - R., weil die Sarkoptesmilben nicht, wie die Dermatokoptesmilben, auf der Oberfläche der Haut sitzen, sondern sich in die Tiefe der Haut einbohren. Zur Behandlung der Ziegen - R. hat sich das Schwefelkalkbad bewährt. In vielen Fällen wird indessen auch durch dieses kein Erfolg erzielt, so daß die Abschlachtung der verseuchten Bestände als alleiniges Mittel zur Beseitigung der R. übrig bleibt. - Ähnlich verhält es sich mit der durch Sarkoptesmilben bedingten Einhufer - R., während die durch Dermakoptesmilben verursachte leicht durch Schmiermittel zu behandeln und zu heilen ist. - Die Rinder - R. läßt sich durch Bäder und Schmiermittel beseitigen. - Die Schaf - R. unterliegt nach dem deutschen Viehseuchengesetze vom 26. Juni 1909 der Anzeigepflicht und der veterinärpolizeilichen Bekämpfung. Es ist dringend erforderlich, daß auch in den Kolonien, in denen Wollschafzucht getrieben wird, die Schaf - R. der Anzeigepflicht und veterinärpolizeilichen Bekämpfung unterstellt wird, und daß Badeeinrichtungen erstellt werden, die das Baden erkrankter Tiere ermöglichen.

Literatur: Außer den Lehrbüchern über Pathologie und Therapie der Haustiere von Friedberger und Fröhner (6. Aufl., Stuttg. 1904) und Hutyra und Marek (4. Aufl., Jena 1913), Ostertag, Das Veterinärwesen und Fragen der Tierzucht in Deutsch-Südwestafrika. Jena 1912.

v. Ostertag.