Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 119 f.

Quarantäne bezeichnet jetzt gemeinhin alle Absperrungs- und Untersuchungsmaßregeln, die den Herkünften - Personen, Waren, Schiffe usw. - aus Ländern, in denen Epidemien herrschen, an den Landesgrenzen und in den Häfen auferlegt werden, um das Eindringen von Seuchen in das eigene Land zu verhüten. Der Name stammt aus dem Mittelalter und leitet sich davon ab, daß die Absperrungen, die die Venezianer und Genuesen den aus der Levante kommenden Reisenden und Gütern zur Verhütung der Einschleppung der Pest auferlegten, in der Regel 40 Tage dauerten. Die mittelalterliche Art der Handhabung der Q., wobei alle Ankünfte - einerlei ob die betroffenen Personen krank oder gesund, die Waren, Schiffe usw. als tatsächlich verseucht anzusehen waren oder nicht - lediglich wegen ihrer Herkunft aus einem verseuchten Lande vom Verkehr für längere Zeit zurückgehalten wurden, hat sich zwar bis in unsere Tage in einzelnen Häfen und Ländern erhalten, sie hat sich aber nicht bewährt und ist bei dem heutigen Verkehr nicht mehr durchführbar. An ihre Stelle sind seit 1893, nachdem das Q.system in der Choleraepidemie von 1892 versagt und sich nur als Belästigung für den Handel und Verkehr erwiesen hatte, Internationale Vereinbarungen getreten, denen im Laufe der Jahre immer mehr Staaten, so jetzt fast sämtliche europäische Staaten, ferner die Vereinigten Staaten von Nordamerika und mehrere andere amerikanische Staaten sich angeschlossen haben. Die Vereinbarungen von 1893 (internationale Sanitätskonvention zu Dresden) sind 1897 zu Venedig und 1903 und 1911 zu Paris von neuem durchberaten, aber nur in Einzelheiten verändert worden. Sie haben sieh gut bewährt. Die Grundzüge dieser Vereinbarungen sind folgende: 1. Beschränkung der Maßnahmen auf Herkünfte aus einzelnen wirklich verseuchten Bezirken. Es dürfen nicht mehr ganze Länder oder Küstenstrecken, bloß weil z. B. in einem dazu gehörigen Hafen ein Seuchenfall vorgekommen ist, für verseucht erklärt werden. Zur Einführung von verkehrbeschränkenden Maßregeln gegen die Cholera (s.d.) oder Pest (s.d.) genügt auch nicht das Vorkommen einzelner Fälle, sie sind erst erlaubt, wenn sich, ein "Choleraherd" gebildet hat oder mehrere nicht eingeschleppte Pestfälle vorge kommen sind. - 2. Waren werden nicht als an und für sich fähig erachtet, die Pest oder Cholera zu übertragen. Einfuhrverbote und Desinfektionen sind auf solche Waren zu beschränken, die nach Ansicht der Gesundheitsbehörde den Ansteckungsstoff tatsächlich aufgenommen haben. Nur für Leibwäsche, alte getragene Kleider und Lumpen können allgemeine Einfuhrverbote erlassen werden, die Durchfuhr muß auch für diese Waren - unter gewissen Vorsichtsmaßregeln - erlaubt werden. - 3. Observations - Q., lediglich der Herkunft wegen dürfen weder Personen, noch Waren, noch Schiffen auferlegt werden. Überhaupt sind verkehrbeschränkende Maßnahmen nur auf Grund ärztlicher Untersuchung erlaubt. - Die Schiffe aus verseuchten Bezirken werden auf Grund der ärztlichen Untersuchung, die sofort bei ihrer Ankunft - jedoch in der Regel nicht des Nachts - vorgenommen werden muß, eingeteilt in
a) reine Schiffe, d.h. solche, die weder vor ihrer Abfahrt, noch während der Reise, noch bei der Ankunft Seuchenfälle an Bord gehabt haben. Sie müssen samt ihren Insassen sofort zum freien Verkehr zugelassen werden. Desinfektionen von Sachen und Beobachtungen und Absonderungen von Personen sind nur in eng beschränktem Umfange, und wenn die Reise des Schiffes seit dem Verlassen des verseuchten Hafens noch nicht 5 Tage gedauert hat, erlaubt;
b) verdächtige Schiffe, d.h. solche, auf denen zwar Seuchenfälle vorgekommen sind, aber mehr als 7 Tage vor der Ankunft des Schiffes zurückliegen. Auch hier sind Desinfektionen nur in beschränktem Umfange erlaubt, Beobachtung und Absonderung von Personen nur bis zur Dauer von 5 Tagen nach der Ankunft des Schiffes;
c) verseuchte Schiffe, d.h. solche, die bei ihrer Ankunft oder innerhalb der letzten 7 Tage vorher Seuchenfälle an Bord hatten. Die Maßnahmen sind auf die Desinfektion der verseuchten Gegenstände, die Ausschiffung der Kranken, die Beobachtung und Absonderung gesunder Personen aus der Umgebung der Kranken beschränkt. Diese Beobachtung darf nur bis zu 10 Tagen nach der Ankunft des Schiffes dauern. - Der Lösch- und Ladeverkehr der Schiffe darf nicht behindert werden. Besondere Maßnahmen gelten für Pilgerschiffe und können auch anderen Schiffen mit besonders gefährlicher Besatzung auferlegt werden. Diese international vereinbarten Grundsätze haben sich in jetzt 20 jähriger Anwendung gut bewährt, ihr Nutzen bei der Verhütung der Einschleppung fremder Volksseuchen rechtfertigt die immerhin dabei noch vorhandene Belästigung des Verkehrs, weitergehende Absperr- und Kontrollmaßregeln würden sich heutzutage nicht aufrechterhalten lassen. Der Verkehr durchbricht solche Schranken oder sucht sich andere Wege zum Schaden des sich absperrenden Landes. Je besser es mit der Gesundheitspflege und allgemeinen Seuchenbekämpfung im eigenen Lande steht, desto milder können die Absperr- und Kontrollmaßregeln an den Grenzen und in den Häfen sein. Umgekehrt nützen auch die schärfsten Absperrungen nach außen einem Lande mit mangelnder allgemeiner Gesundheitspflege im Innern nur wenig, sie wiegen die Bevölkerung in Sicherheit, werden umgangen oder durchbrochen und haben sich nicht selten als geradezu gefährlich erwiesen; so haben sich Soldatenkordons zur Absperrung der Grenzen oft zu Brutherden der Seuche, die abgewehrt werden sollte, ausgebildet und erst recht zur Verschleppung der Krankheit ins Innere beigetragen. Mit sinngemäßen geringen Veränderungen sind die Grundsätze der heutigen internationalen Sanitätskonventionen auch für die Kolonien anwendbar und werden auch in unseren Schutzgebieten durchgeführt. Nur das Gelbfieber (s.d.) verlangt wegen der Eigenart seiner Übertragung noch besondere Maßnahmen gegen die Gefahr der Einschleppung infizierter Mücken (Stegomyien) durch den Schiffsverkehr, wie Ausräuchern, Ankern auf freier Reede u. dgl. S.a. Quarantäne für Tiere.

Literatur: Bis 1897 bei Nocht, Art. Quarantäne in der 3. Aufl. von Eutenburgs Realenzyklopädie der gesamten Heilkunde, die spätere Literatur bei Sannemann: Art. Quarantäne der 4. Aufl. desselben Werkes. Die deutschen und ausländischen gesetzlichen Vorschriften über Quarantäne sowie die internationalen Sanitätskonventionen finden sich in den Veröffentlichungen des Ksl. Gesundheitsamtes Berlin, und in dem in Paris erscheinenden Bulletin mensuel de l'Office international d'hygiène publique.

Nocht.