Deutsches Kolonial- Lexikon(1920), Band III, S. 105 ff.

Protozoen (s. Tafel 166). 1. -Bau. 2. Bewegung. 3. Nahrung. 4. Vermehrung. 5. Bedeutung.

1. Bau. P. (Protozoa), Urtiere (Urlebewesen), sind Organismen, die als eine Zwischengruppe zwischen die mehrzelligen Tiere und Pflanzen eingereiht werden und deren organische Differenzierungen sich innerhalb des Formwertes einer Zelle abspielen, die jedoch im Gegensatz zu der Zelle der Vielzelligen mit dem Funktionswert (Bewegung, Ernährung, Fortpflanzung usw.) des vielzelligen Gesamtorganismus ausgestattet ist. Ihr Körper baut sich wie der Zelleib aller Zellen aus Protoplasma auf, einem organischen Substanzgemisch von zähflüssiger Konsistenz, das den Gesetzen der Kolloide folgt. Das Protoplasma enthält reichlich Wasser und nimmt sekundär auf Grund von komplizierten Entmischungsprozessen Strukturen an, die bald granulärer, bald fibrillärer, meistens aber alveolaren Natur (Bütschli's Wabenstruktur) sind. In der Mehrzahl der Fälle besitzen die P. einen Kern, der in das Protoplasma eingebettet ist. Der Zellkern ist gegen das Protoplasma durch eine Kernmembran abgegrenzt; in seinem Inneren kann man im abgetöteten Zustand ein Gerüst (Liningerüst, Achromatin) mit färbbaren Bestandteilen (Chromatin) nachweisen, die Gesamtheit dieser Strukturen, denen die Zellehre eine große Bedeutung beimißt, ist durchtränkt von dem Kernsaft. Bei vielen einkernigen P. kann man im Zentrum des meistens bläschenförmigen Kernes ein dunkel färbbares, sphärisches Gebilde - das Karyosom - wahrnehmen. Die Zellforscher haben das Chromatin des Zellkernes besonders zum Gegenstand ihrer Studien gemacht. Die Chromatine bestehen im chemischen Sinne wesentlich aus Nucleoproteiden (Kerneiweißphosphorverbindungen) und haben eine große, färberische Verwandtschaft zu den basischen, basochromen Kernfarbstoffen (Hämatoxylin). Nicht immer führen die P.zellen einen geformten Kern, vielmehr kann die färbbare Substanz im Zelleib diffus zerstreut sein, so daß sich einzelne Zellterritorien auch mit den Kernfarbstoffen dunkel färben, in diesen Fällen spricht man von Chromidien (Hertwig, Schaudinn). Bei einigen P., wie den Flagellaten oder Geißeltierchen, kommt neben dem zentralen Kern noch ein Nebenkern oder Blepharoplast (Kinetonukleus) vor, mit dem die Bewegungsorganellen der Zelle, die Geißeln genetisch in Zusammenhang stehen. Eine andere Kernausbildung kommt den höchst organisierten Ziliaten oder Infusionstierchen zu, bei denen neben dem großen, oft sehr mannigfach gebauten Großkern (vegetativer Kern) ein Kleinkern (Geschlechtskern) vorkommt, der bei dem zeitweise eintretenden Geschlechtsakt komplizierten Teilungsvorgängen unterliegt und schließlich aus sieh heraus wiederum einen neuen Klein- und Großkern hervorgehen läßt. Der alte Großkern ist in der Zwischenzeit ausgestoßen worden.

2. Bewegung. Die Bewegung der P. erfolgt auf Grund ihrer sehr mannigfaltigen Organisation ebenfalls auf eine sehr mannigfache Weise. Die niedrig organisierten Amöben bewegen sich durch Pseudopodien, d. s. plasmatische Fortsätze, die plötzlich auf einer beliebigen Körperstelle bruchsackartig vorgestreckt werden, worauf die übrige flüssige Leibessubstanz nachdrängt. Viele parasitisch lebende P. wie Gregarinen und Kokzidien sondern einen klebrigen Schleim ab, mit Hilfe dessen sie sich unter Kontraktionen des Körpers vorwärts bewegen. Die höher differenzierten Formen, wie die Flagellaten (Geißeltierchen), sowie Ziliaten (Infusorien) besitzen besondere Lokomotionsorganellen, Geißeln und Zilien (Wimpern), die unter mannigfachen peitschenden, schraubenden und wimpernden Bewegungen nach bestimmten Gesetzen die Zelle in Bewegung versetzen.

3. Nahrung. Die Nahrung wird entweder bei den parasitischen Formen auf osmotischem Wege in gelöster Form auf der ganzen Oberfläche oder an bestimmten Stellen des Zelleibes aufgenommen -, die Amöben nehmen geformte Nahrung mit Hilfe ihrer Pseudopodien in das Innere des flüssigen Zelleibes auf, wo sie innerhalb einer Vakuole (Nahrungsvakuole) unter Einfluß einer schwachen Mineralsäure abgetötet und später unter Mitwirkung eines tryptischen Fermentes verdaut werden. Die Ziliaten besitzen einen besonderen Zellmund (Cytostoma), in dessen Dienst oft sehr komplizierte Wimper- und Strudelapparate stehen - die verdaute Nahrung wird an einer bestimmten Stelle der Zelle durch den Zellafter (Cytopyge) ausgestoßen. Fast alle Süßwasser-P. besitzen ein Zellorganell - die pulsierende Vakuole, der respiratorische und exhaustorische Funktionen zugeschrieben werden; es ist dies im einfachsten Falle eine Flüssigkeitsblase, die periodisch ihren Inhalt nach außen entleert.

4. Vermehrung. Die P. vermehren sich durch Zweiteilung, die entweder eine Querteilung (Ziliaten) oder eine Längsteilung (Flagellaten) ist. Bei manchen besonders parasitischen Formen kommt eine simultane Mehrfachteilung (Schizogonie z. B. der Malariaparasiten) vor. Bleibt im letzteren Falle ein Mutterorganismus zurück, so bezeichnen wir diesen Vermehrungsvorgang als multiple Knospung. Nach einer Periode lebhafter Teilungstätigkeit bilden viele P. besondere Dauerzustände (Kysten), oder es kann der Fall eintreten, daß ihr vegetativer Entwicklungszyklus seinen Abschluß erreicht und die Organismen einer generativen Entwicklungsperiode unterliegen. Bei der Mehrzahl (allen?) von P. kann man bereits eine geschlechtliche Differenzierung in der Form von besonderen weiblichen und männlichen Zellen (Gameten, weiblicher Gamet = Makrogamet, männlicher Gamet = Mikrogamet nachweisen; beide Zellen nähern sich im Stadium des Befruchtungsaktes wohl angelockt durch besondere chemotaktische Stoffe und verschmelzen miteinander zu einer Zelle (Ookinet, Zygote). Eine derartige Befruchtung, die mit einer vollständigen Verschmelzung beider Zellpartner endigt, bezeichnet man als Kopulation, im Gegensatz zu der Konjugation (Infusorien), bei der nur temporär zwei Zellen sich vereinigen und nur ihre sexuell differenzierten Zellkerne (Mikronuklei-Geschlechtskerne) austauschen, hernach sich aber wiederum als zwei selbständige Individuen von einander trennen. Es kann aber auch der Fall eintreten, daß nur ein Individuum zu einer Art von Selbstbefruchtung schreitet, indem der Kern sich teilt, die Kernteile verschiedenen Veränderungen (Reduktionen) unterliegen und hernach als eine Art von geschlechtlich differenzierten Kernen zu einem einzigen Kern (Synkaryon) verschmelzen. Diesen Spezialfall der P.befruchtung bezeichnet man als Autogamie.

5. Bedeutung. Die P. spielen im Haushalt der Natur eine große Rolle - als Parasiten können sie verheerende Epidemien hervorrufen und als Schlafkrankheit, Tsetsekrankheit, Malaria, Rinderseuchen aller Art Menschen und Tiere gefährden; durch ihr massenhaftes Auftreten in Flüssen und Seen als Bestandteil des sog. Planktons (s.d.) dienen sie höheren Lebewesen zur Nahrung und können wiederum als Nahrungskonsumenten die betreffenden Wasseransammlungen reinigen, sie von Bakterien und anderen Spaltpilzen befreien (biologische Abwasserreinigung). Wie weit solche Schwebewesen aus der Protistenwelt in prähistorischen Zeiten an der Bildung des Petroleums, ja vielleicht gar des Guanos (die Exkrementtheorie scheint doch nicht ausreichend zu sein) beteiligt waren, ist noch unentschieden. Manche Amoebozoa wie die Globigerinen und andere Foraminiferen, kommen im Meeressand in ungeheuren Mengen vor und beteiligen sich als Fossilien an der Bildung von verschiedenen Formationen. Polythalamien kommen im Silur vor, und die Nummuliten bilden in den Pyrenäen den sog. Nummulitenkalk. Der Miliolitenkalk des Pariser Beckens, der als Baustein besonders geschätzt wird, wird vorwiegend von Triloculina trigonula gebildet. Fossile Radiolarienskelette sind ein Bestandteil des Kreidemergels und des Polierschiefers (Caltanissetta, Sizilien; Ägina, Zante; Gesteine auf Barbados und Nikobaren). Die Meeresgrundproben aus bedeutenden Tiefen sind reich an Radiolarienskelette und Foraminiferengehäusen. - Pathogen und als Krankheitserreger von großer Bedeutung sind: die Erreger der Amöbendysenterie Entamoeba histolytica (und tetragena, s. Dysenterie), die Trypanosomen (s.d.) als Erreger der Tsetse-, Mal de Caderas-, Beschälseuche usw.; der Schlafkrankheit; die Erreger der Malaria (s.d.) Plasmodium; die Piroplasmen als Erreger des Texasfiebers usw.; die Knidosporidien als Erreger verschiedener Fischkrankheiten, die Balantidien als Erreger der Infusoriendysenterie u.a.m. - In letzter Zeit werden die Chlamydozoen, d. s. die Erreger des Trachoms der ägyptischen Augenkrankheit, der Pocken, der Hühnerpocken, des Molluscum. contagiosum des Scharlach (?), der Tollwut, als eine Übergangsgruppe zwischen Bakterien und P. aufgefaßt. Einen Teil ihres Entwicklungszyklus durchlaufen diese Organismen in den Zellen, die durch besondere Einschlüsse (Einschlußkrankheiten) auf die Invasion der Parasiten antworten. Die freien Stadien sind äußerst klein und passieren die üblichen Bakterienfilter (Trachom, Pocken, Tollwut usw.); mit Sicherheit sind sie noch nicht kultiviert worden. In der letzten Zeit wurde über gelungene Pockenkulturen von Fornet, über Trachom- und Tollwutkulturen von Nigucchi berichtet. Die Akten über die Chlamydozoenforschung sind noch nicht geschlossen, und es fehlt nicht an Stimmen, die die Chlamydozoen als selbständige Organismen nicht anerkennen.

Literatur: Doflein, Lehrbuch der Protozoenkunde. Fischer 1911. - Bütschli, Protozoa in Bronns Klassen und Ordnungen. - Prowazek, Handbuch der pathog. Protozoen. A. Barth 1912. - Ders., Einführung in die Physiologie der Einzelligen (Protozoen). Teubner. - Blochmann und Kirchner, Die mikroskopische Tier- und Pflanzenwelt des Salzwassers, 1895. - Calkins, The Protozoa. Newyork 1901. - A. Lang, Lehrbuch der vergl. Anatomie wirbelloser Tiere. 2. Aufl., Vol. I, 1. Abt., u.a.m.

v. Prowazek.