Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 55 ff.

Pflanzenfasern. 1. Allgemeines. 2. Pflanzenhaare. 3. Bastfasern.

1. Allgemeines. P. sind im weitesten Sinne des Wortes solche Pflanzen oder Pflanzenteile, die in der Spinnerei und Seilerei, als Flechtmaterial oder zu Bürsten und Besen, sowie zu Polsterungen oder in der Papierfabrikation Verwendung finden. Die ganzen Pflanzen, wie Torfmoose, Seegras, vegetabilisches Roßhaar u.a. Enden in der Regel als Pack- oder Polstermaterial Verwendung, gröbere Pflanzenteile, wie Palmblätter, Grashalme und Baste dienen zum Teil dem gleichen Zwecke oder zu Flechtwerk oder rohen Stricken, zusammenhängende Baststreifen vielfach auch als Bekleidung. Die eigentlichen P. sind entweder Haargebilde oder Festigkeitselemente aus Rinde, Blättern, dem Holze, aus Wurzeln und vereinzelt auch aus Früchten. Derartige Rohmaterialien sind nun im Pflanzenreiche so allgemein verbreitet, daß die Eingeborenen sehr umfangreichen Gebrauch von ihnen machen, zum Dachdecken, zur Herstellung von Stricken, Angelschnüren, feinem Flechtwerk und den verschiedensten Geweben. Trotzdem ist aber die Zahl der wirklich im großen genutzten P. nur gering. Sie sind fast durchweg sehr alte Kulturpflanzen, deren Anbau und allgemeine Nutzung sich bis in die Anfänge der geschichtlichen Zeit verlieren. Leichte Kultur und Anpassungsfähigkeit an andere klimatische Bedingungen, einfache Gewinnungsweise und gute Qualität der Fasern haben zu ihrer Auswahl geführt. Die beim Verwittern abgestorbener Pflanzenteile frei werdenden und zurückbleibenden Festigkeitselemente haben den primitiven Menschen wohl zuerst auf die Verwendbarkeit und Gewinnung hingewiesen. Verschiedene Bäume aus der Gruppe der Feigen, der Hülsenfrüchtler und der Papiermaulbeerbaum u. a. enthalten in ihrer Rinde breite, zusammenhängende Bastlagen, die nach dem Zerstören der weichen Elemente ev. durch Rösten im Wasser große, tuchartige Stücke liefern, die zu Kleidungsstücken verarbeitet werden können. So liefert Ficus chlamydodora in Ostafrika den bekannten Ugandabast. Der Baum heißt Mrumba und der Bast wird Bugu genannt. Andere Ficusarten werden in Togo ähnlich verwendet. Die in der europäischen Industrie verwendeten Fasern teilt man in der Regel nach ihrer Abstammung in zwei große Gruppen, in Pflanzenhaare und in Bastfasern ein, wobei unter den letzteren Faserstränge aus dem Innern pflanzlicher Gewebe unabhängig von dem, was der Botaniker unter Bast versteht, zusammengefaßt werden. In der Praxis sind Baste im eigentlichen Sinne nur breite Streifen, wie der bekannte Raphiabast, der zum Befestigen von Pflanzen dient.

2. Pflanzenhaare. Unter den Pflanzenhaaren ist die Baumwolle (s.d.) die einzige, die als Spinnmaterial Verwendung findet. Sie ist heute die wichtigste Spinnfaser überhaupt und hat alle andern pflanzlichen und tierischen Spinnstoffe an Bedeutung überholt. Versuche, auch andere Pflanzenhaare der Spinnerei zugänglich zu machen, sind bis jetzt ohne nennenswerten Erfolg gewesen. Dagegen finden die Haare der Wollbäume unter dem Namen Kapok (s.d.) weitgehende Verwendung als Polstermaterial für Kissen, Möbel und Betten, sowie zur Herstellung von Rettungsgürteln. Eine dritte Gruppe von Pflanzenhaaren werden unter dem Namen Pflanzenseiden zusammengefaßt. Es sind dies die seidenglänzenden Haarschöpfe verschiedener Asclepiadeen und Apocynaceen, vor allem von Calotropis procera, die von Ostindien durch das ganze tropische Afrika verbreitet ist. Die Handelsware kommt unter dem Namen Akon oder Akund allein aus Ostindien und dient als Surrogat des Kapok. Auch mit ihr sind Spinnversuche gemacht worden, soweit bekannt ist aber ohne beachtenswerten Erfolg. Aus Ostafrika sind mehrfach kleinere Proben vorgelegt worden. Es scheint aber zurzeit noch zu schwierig zu sein, hinreichende Mengen zu beschaffen.

3. Bastfasern. Die Bastfasern zerfallen in zwei Gruppen. Erstens sind es die Fasern von meist einjährigen, zweikeimblättrigen Pflanzen, die man als Stengelfasern zusammenfassen kann. Hierher gehören der Flachs, der Hanf (s.d.), die Jute (s.d.), und die Ramie (s.d.). Die zweite Gruppe wird meist aus den Blättern einkeimblättriger, mehrjähriger Pflanzen gewonnen. Es sind die Agavenfasern, der Sisalhanf, der Mauritiushanf, der Manilahanf, der Neuseeländische Flachs, die Ananasfaser u.a. Diese liefern in erster Linie Material für die Seilerei, während jene hauptsächlich für feinere Gewebe benutzt werden. Der Hanf und die Jute nehmen allerdings eine Zwischenstellung ein, und ebenso liefern die Ananasfaser und der Manilahanf sehr feine spinnfähige Fasern. Ihrer Bedeutung entsprechend sind die meisten der genannten Fasern unter selbständigem Stichwort besprochen. -Der Flachs scheidet als koloniale P. aus, da nur die gemäßigten Zonen wertvolle Fasern liefern. Für wärmere Gebiete kommt er nur als Ölfrucht in Betracht. Es mag aber nicht unerwähnt bleiben, daß man in Argentinien und in den Vereinigten Staaten, wo die Pflanze ausschließlich der Saat wegen gebaut wird, heute die allerdings geringwertigere Faser zum Teil für die Seilerei nutzbar macht. So gibt es in den Vereinigten Staaten eine Gesellschaft, die die Faser des Saatlein mit Sisal zu Garbenbindegarnen verarbeitet. - Neben dem echten Hanf (s.d.). kommen aus Indien eine Reihe von Fasern unter dem Namen indischer Hanf in den Handel, die nicht von der echten Hanfpflanze Cannabis stammen. Sie lassen sich in zwei Gruppen trennen, von denen die eine dem echten Hanfe näher steht, während die andere mehr juteähnliche Fasern enthält (s. Jute). In die Hanfgruppe gehört der sog. Sunnhanf, der auch indischer Hanf, Bombayhanf oder brauner indischer Hanf heißt. Er stammt von einer e injährigen, hülsenfrüchtigen Pflanze, Crotalaria juncea. Auch andere zu derselben Familie gehörende Gattungen, wie Sesbania und Vigna, geben brauchbare, dem Sunnhanf ähnliche Fasern. -Der Neuseeländische Flachs, auch Neuseeländische Hanf genannt, stammt von der Liliacee, Phormium tenax, mit schmalen, fast 2 m langen, dünnfleischigen Blättern, die fächerartig gestellt sind. Die Pflanze wird hauptsächlich in Neuseeland kultiviert. Es fehlt aber nicht an Versuchen, sie anderwärts einzuführen. Ihre Bedeutung für den Markt war aber bisher wegen der ungleichmäßigen Zufuhr eine recht schwankende. Neuerdings scheint sich der Handel etwas zu beleben und der Anbau sich auszudehnen. - Über die Abstammung der Ananasfasern gehen die Meinungen noch auseinander. Man nimmt an, daß sie von wilden Arten der Gattung Bromelia, die man in den Tropen vielfach als Heckenpflanze findet, oder von verwilderten Formen der Obstananas stammt. Es ist eine besonders feine, weiße, fast unverholzte Faser, die sich für die feinsten Gewebe eignen würde.- Es werden z.B. auf den Philippinen derartige, Pinja genannte Stoffe hergestellt. Im Handel ist die Faser sehr selten. Man erhält in der Regel Sisalhanf an Stelle der geforderten Ananasfaser. - Unter den gröberen P., die weniger zu Spinn- und Seilereizwecken verwendet werden, sind neben den Piassaven (s.d.) noch die Reiswurzel, die Luffa, das Espartogras und die Palmblätter zu erwähnen. - Die Reiswurzel, im Handel auch Zacaton oder Broom root genannt, werden in Mexiko aus den Wurzeln einiger Gräser, Epicampes stricta, E. macrouera, Agrostis tolucensis und einer Festucaart hergestellt. Sie haben also mit dem echten Reis nichts zu tun und stammen auch nicht, wie man früher annahm, von Andropogonarten. Die langen, wellig gekrümmten Wurzeln werden von der weichen Rinde befreit und durch Reiben mit Steinen, Waschen, Trocknen und ev. Schwefeln marktfähig gemacht. Sie werden in Bündel etwa von Armstärke gebunden und sind etwa 50 ein lang. Sie dienen zur Herstellung von groben Bürsten und Besen. In Ostafrika hat man Anbauversuche gemacht, aber ohne praktische Erfolge. Die Ware ist zurzeit sehr gesucht und dürfte für Nebenkulturen in Frage kommen. Neuerdings hat man auch die oberirdischen Teile dieser Gräser für die Papierfabrikation einzuführen versucht, aber bis jetzt keine dauernde Abnahme gefunden. - Eine in allen Tropen verbreitete, vor allem aber in Japan kultivierte Netzgurkenart, Luffa acutangula, besitzt in ihren oft bis zu 1/2 m langen Früchten ein netzartiges Fasergewebe, das nach dem Trocknen der Früchte gewonnen werden kann und zur Herstellung von Einlegesohlen, Badepantoffeln, Badeschwämmen u. a. in großen Mengen regelmäßig exportiert wird. Die Faser muß möglichst weiß und frei von Spakflecken und Schäbe sein. Versuche, in Ostafrika haben die Möglichkeit des Anbaues ergeben. Die Ware muß aber noch größer und besser aufbereitet werden. - Das an der Mittelmeerküste Afrikas und in Spanien weitverbreitete Esparto- oder Alfagras, Stipa tenacissima und Lygeum spartum, wird wegen seiner sehr festen, durch Umrollen der Blattspreiten scheinbar stielrunden Blätter im Heimatlande als Rohmaterial für Flechtwerk und grobe Stricke allgemein verwendet. In Spanien liefert es die Umschnürung der Apfelsinenkisten. Das einzelne Blatt findet als sog. Strohhalm in den Virginiazigarren Verwendung. England führt große Mengen dieses Grases für die Papierfabrikation ein. Neuerdings scheint man auch der Verwendung der feiner gehechelten Blattfaser in der Spinnerei näher getreten zu sein. Eine Kultur der Pflanze besteht zurzeit kaum. Der Anbau ist gelegentlich für die Kolonien empfohlen worden. Er dürfte nicht ganz leicht sein, ist aber für Deutsch-Südwestafrika nicht ganz von der Hand zu weisen. - Als Bürsten- und Besenmaterial, sowie zur Herstellung vegetabilischer Roßhaare finden die Fasern einer kurzblättrigen Agave unter dem Namen Ixtle (s.d.) umfangreiche Verwendung. - Die Blätter der meisten Palmen, der Schraubenbäume und mancher Gräser werden in ihren Heimatländern zur Herstellung von gröberen und feineren Geflechten, Strohhüten und zum Teil zur Gewinnung von Fasern für Stricke verwandt. Für den Großhandel spielen die jungen Blätter der kleinen im Mittelmeergebiet verbreiteten Fächerpalme, Chamaerops humilis, unter den Namen Crin d'Afrique, Pflanzenhaar, Krollhaarsplint oder Vegetabilisches Roßhaar als Polstermaterial eine nicht unbedeutende Rolle. Aus den leinen Blattstreifen vieler Palmen geflochtene Strohhüte kommen in neuerer Zeit von den Philippinen und aus Madagaskar in nicht unbedeutenden Mengen auf den europäischen Markt. Von der südamerikanischen, aber auch auf den westindischen Inseln verbreiteten, im Wuchse einer Fächerpalme ähnlichen Cyclanthacee Carloduvica Palmata stammt das Material für die Panamahüte. Während bis vor kurzem die Hüte nur an Ort und Stelle angefertigt wurden, exportiert man heute auch das sog. Panamastroh, d.h. die jungen noch nicht entfalteten Blätter dieser Pflanze, entweder unbearbeitet oder bereits in schmale Streifen zerlegt. Einen sehr brauchbaren Bast gewinnt man auf Madagaskar von den mächtigen Fiederblättern der Raphiapalmen (s. Palmen), indem die Oberhaut von den Blattfiedern mit der darunter liegenden Faserschicht abgezogen und getrocknet wird. Man erhält so mehrere Zentimeter breite Baststreifen, die sich als vorzügliches Bindematerial in der Gärtnerei, besonders für leichtere Pflanzenteile bewährt haben. Palmblätter und Gräser (s.d.), sowie leichtere tropische Hölzer, z. B. das Elefantengras (s.d.) und der Schirmbaum (s.d.) in Kamerun sind mehrfach als Rohstoff für die Papierfabrikation empfohlen worden. Man wollte sogar draußen gleich Halbzeug herstellen. Bis jetzt wird aus den Kolonien aber nur die Rinde des Affenbrotbaums (s.d.) als Papierrohstoff in beschränkten Mengen gehandelt.

Literatur: Wiener, Faserpflanzen, in "Die Rohstoffe des Pflanzenreichs", 2. Aufl. Bd. 2 S. 167-463, 1903 (wird zurzeit neu bearbeitet). J. Beauverie, Les textiles végétaux, Paris 1913, Gauthier- Villars; 730 pag. -Ch. R. Dodge, A descriptive catalogue of useful fiber plants of the world, Washington 1897, 361 pag. J. Dekker, Vezelstoffen, in: Van Gorkoms' oostindische cultures, Bd. III, Amsterdam, Bussy, 1913, pag. 419 -554. - New Zealand Hemp (Bull. of the Imperial Inst., vol. V, 1907, 36-45). - A. Zimmermann, Die Kultur und Verwendung von Phormium tenax, der Stammpflanze des Neuseelandhanfes (Der Pflanzer I V, 1908, 8-13). - E. Henning, Phormium tenax, Neuseeländischer Flachs (Tropenpflanzer V, 433-438). - Phormium tenax: New Zealand Flex, Report on Natal Botanic Gardens, 1906/07, 13-22. - R. Endlich, Die Zacatonwurzel, Tropenpflanzer X, 1906, 369-382, 3 Abb. - H. de Montessus de Ballore, Alfa et papier d'Alfa, Paris 1909, 74 ff. - A. Izard, L'exploitation de l'alfa et les ressources naturelles dans l'annexe d'ElAricha, Bull. Soc. de Géographie d'Alger, 1910. - F. Stuhlmann, Halfagras oder Esparto für Deutsch -Ostafrika? Der Pflanzer III, 1907, 243-245.

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