Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band III, S. 7

Palaver. Das aus dem Englischen stammende und in Westafrika übliche Wort bezeichnet ursprünglich nur die Versammlungen der Eingeborenen, in denen unter dem Vorsitz des Häuptlings Stammesangelegenheiten beraten werden. - In den Schutzgebieten Kamerun und Togo versteht man heute unter P. vornehmlich die von dem deutschen Verwaltungsbeamten in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten Eingeborener unter beratender Mitwirkung der Häuptlinge ausgeübte Gerichtsbarkeit (Denkschrift für Togo 1895/96 S. 17). Gegen die Entscheidung des Verwaltungsbeamten ist Beschwerde an den Gouverneur zulässig. Sodann bezeichnet man mit P.gerichtsbarkeit diejenige Entscheidungsbefugnis, die den von der Regierung anerkannten Häuptlingen bei kleineren Streitfällen zwischen eigenen Stammesgenossen belassen ist. Die Häuptlinge in Togo dürfen kleinere bürgerliche Rechtsstreitigkeiten entscheiden und in Strafsachen Geldstrafen bis zu 30 M verhängen, die in bar oder in Naturalien von entsprechendem Werte zu entrichten sind. Die Verhängung von Leibes- und Freiheitsstrafen ist ihnen untersagt, desgleichen das Recht zur Festnahme, abgesehen von dringenden Fällen. Die Regierung kann jederzeit die Streitsachen vor ihr Forum ziehen (Denkschr. für Togo 1897/98 S. 29 und 1898/99 S. 38). - In Kamerun besteht ebenfalls eine doppelte P.Gerichtsbarkeit, die gegenüber derjenigen in Togo nur hinsichtlich der Befugnisse des Häuptlings Verschiedenheiten aufweist. Der Häuptling entscheidet in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten, bei denen der Wert des Streitgegenstandes 100 M nicht übersteigt; gegen die Entscheidung des Häuptlings gibt es das Rechtsmittel der Berufung an das Eingeborenenschiedsgericht (s.d.). In Strafsachen steht dem Häuptling die Aburteilung von Straftaten zu, die mit keiner höheren Strafe als 300 M oder sechs Monate Gefängnis bedroht sind; sonst entscheiden die Eingeborenenschiedsgerichte, die gleichzeitig Berufungsgerichte sind (Denkschr. für Kamerun 1897/98 S. 27; Amtl. Jahresber. 1912/13 S. 78). S. Schauri. Literatur: v. Hoffmann, Einführung in das deutsche Kolonialrecht. Lpz. 1911. - v. Burgsdorff, Die Entwicklung der kolonialen Rechtspflege. Diss. Lpz. 1911. - Wick, Die Farbigenrechtspflege in den deutschen Schutzgebieten. Heft 4 der kolonialrechtl. Abhandl. Hrsg. von Prof. Naendrup. (Westf.) 1914.

v. Wrochem.