Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 694 f.

Otjimbingwe (s. Tafel 156), einer der ältesten und bekanntesten Orte des südlichen Hererolandes Deutsch-Südwestafrikas. Er liegt unter 22 1/3° s. Br. in weitem Talkessel, dessen Südseite von der untersten Terrasse des Komaslandes (s.d.) gebildet wird, am Swakop an der Stelle, an welcher dieser ein nicht selten abkommendes Seitenrivier, den Omusema, aufnimmt. Im Osten wird das Talgebiet von dem Rücken des Lievenberges gegen das Hochland am oberen Swakop begrenzt. Otjimbingwe hat eine Seehöhe von 940 m und liegt bereits in der Übergangszone zu den trockenen Steppen des westlichen Hochlandes. Wie aus seiner Lage verständlich erscheint, gilt es als einer der heißesten, wenn nicht als der heißeste unter den größeren Orten des Siedlungsgebietes. Doch machen sich bis hierher zuzeiten selbst die Nebel der Küstenregion bemerkbar. Ist auch die Weide der Hochfläche schon recht ärmlich, so zeichnet sich das Tal unterhalb des Ortes durch weite Fläche guten, weichgründigen Bodens und durch einzelne Weideflächen im Seitenlande des Flusses aus. Der Platz ist im Besitz einer Poststation. Ferner befindet sich daselbst eine der Hauptstationen der Rheinischen - Missionsgesellschaft (s.d.). O., dessen älter hottentottischer Name Azab im Jahre 1893 noch bei den Naman und Bergdamara allgemein im Gebrauch war, war vor dieser Zeit einer der wichtigsten Plätze von ganz Südwestafrika. Seine Bedeutung beruhte dabei keineswegs nur auf der Stellung, die es in der geschichtlichen Entwicklung des Hererolandes einnahm, sondern mindestens ebensosehr auf seinen durch die Lage bedingten Vorzügen in wirtschaftlicher Beziehung. Den größten Einfluß auf die Entwicklung des Ortes O. hat unstreitig die Rheinische Mission ausgeübt. Die Station dieser Gesellschaft wurde bereits im Jahre 1849 begründet. Eine besondere Bedeutung gewann diese durch die Heranziehung deutscher Handwerker und Kolonisten, die zunächst von der Mission abhingen, die aber später selbständig wurden, wenngleich sie stets im Einvernehmen mit den Missionaren blieben. So war in O. tatsächlich eine erste deutsche Niederlassung entstanden, die ihrerseits wieder zur kulturellen Hebung der Herero (s.d.) beitrug. Zugleich begründete H. Hahn (s.d.) 1866 eine Anstalt zur Ausbildung eingeborener Missionshelfer, das sog. Augustineum, das 1890 von hier nach Okahandja verlegt wurde. Aber auch andere Ereignisse trugen dazu bei, die Bedeutung des Ortes zu heben. Zunächst die Besitzergreifung des Landes durch das Deutsche Reich. O., der erste Sitz des Ksl. Kommissariats, wurde der wichtigste Ruhepunkt für den Ochsenwagenverkehr von der Küste nach dem Innern, und diese bedeutende Stellung behielt der Ort noch mehrere Jahre, nachdem die Behörden bereits nach Windhuk übergesiedelt waren. Obwohl der Ort selbst in der ersten Zeit der deutschen Herrschaft noch öfters unter den Streifzügen Hendrik Witbois (s. d.) zu leiden hatte, war er bis gegen das Jahr 1893 der Mittelpunkt des europäischen Handels im Schutzgebiet. Erst mit der Erbauung der ihn umgehenden Bahn begann er an Wichtigkeit zu verlieren und besitzt heute im Verkehr nur mehr lokale Bedeutung.

Literatur: C. G. Büttner, Das Hinterland von Walfischbaiund Angra Pequena. Heidelb. 1884. - H. v. François, Nama und Damara. Magdebg. - J. Irle, Die Herero, Gütersloh 1906.

Dove.