Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 628

Nervenkrankheiten (Neurasthenie, Nervenschwäche, Neurosen). Die N. sind in den Tropen im allgemeinen die gleichen wie in der gemäßigten Zone. Eine wichtige Infektionskrankheit, die vorwiegend das Nervensystem betrifft, die Beriberi (s.d.), ist in der Tropenzone in stärkerem Maße heimisch als in der gemäßigten Zone. Von weiteren Unterschieden gegenüber den Schädigungen des Nervensystems in der gemäßigten Zone ist zu nennen das häufige Auftreten der Neurasthenie (Nervenschwäche) bei Europäern, welche längere Zeit in der Tropenzone gelebt haben. Die Krankheit zählt zu den Neurosen, d.h. Schädigungen des Nervensystems ohne anatomisch nachweisbare Veränderungen desselben. Die Neurasthenie äußert sich geistig in gesteigerter Reizbarkeit der Stimmung und leicht eintretender Ermüdung nach körperlichen und geistigen Anstrengungen, körperlich in Steigerung der Sehnen- und Hautreflexe, ferner in Zittern der gespreizten Finger, der herausgestreckten Zunge und der geschlossenen Augenlider und in Steigerung und Labilität der Herzaktion. Manche Fälle von sog. "Tropenkoller" sind zweifellos auf Neurasthenie zurückzuführen (s.a. Geisteskrankheit 3). Stark neurasthenische Menschen eignen sich nicht für den Tropendienst. Erfahrungsgemäß führt ein mehrmonatiger, hygienisch eingerichteter Aufenthalt in der gemäßigten Zone (Höhenklima ist besonders günstig) häufig zu Besserung ja Heilung der neurasthenischen Erkrankung.

Werner.