Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 620

Nashornvögel, Bucerotidae, größere oder sehr große Vögel, die durch ihren unförmigen, an der Stirn meistens noch mit einem horn-, helm- oder leistenförmigen Aufsatz versehenen Schnabel auffallen. Läufe und Zehen sind meistens kurz; der Hals ist verhältnismäßig lang. Trotz seines Umfanges ist der Schnabel sehr leicht, da er nicht aus fester Knochenmasse, sondern aus hohlen, lufthaltigen Zellen besteht. Die N. bewohnen den Urwald ebensowohl wie freieres Gelände, halten sich, mit Ausnahme der Hornraben (Bucorvus), die auf dem Erdboden ihren Unterhalt suchen, ausschließlich auf Bäumen auf und nähren sich von Früchten, Beeren, Insekten und kleineren Wirbeltieren. - Höchst eigentümlich ist die Nistweise. Zur Niststätte wird eine weite Baumhöhle gewählt und das Zugangsloch vom brütenden Weibchen mit seinem Kote derartig vermauert, daß nur ein schmaler Spalt übrig bleibt, wo hindurch das Weibchen vom Männchen gefüttert wird. Das Weibchen mausert während des Brütens vollständig und verläßt erst, wenn die Jungen flugfähig sind, mit diesen zusammen seinen freiwilligen Kerker. Die Eier haben eine matte, reinweiße Schale und meistens längliche Form. Der Flug der N. ist schwerfällig, bei den kleineren Arten wechselt er mit schnellen Flügelschlägen und Schweben. Die Stimme besteht in einzelnen schrillen Tönen, die bei vielen Arten im Verhältnis zur Größe der Vögel auffallend schwach sind. - Die N. sind in etwa 70 Arten über Afrika, Indien, Sundainseln, Philippinen und Neuguinea bis zu den Salomoninseln verbreitet. Das Verbreitungszentrum liegt in Afrika. Die größte Art der Gruppe ist der in Afrika in zwei Arten vorkommende Hornrabe, Bucorvus abyssinicus, in Nordost- und Westafrika, B. cafer in Ost- und Südafrika, beide durch die Form des Hornes und die Färbung der nackten Kopfseiten und Kehle unterschieden. Der Hornrabe hat längere Läufe als seine Verwandten und kurzen Schwanz. Er hält sich meistens auf der Erde auf und nährt sich von Pflanzenstoffen und Insekten, auch kleinen Wirbeltieren. Durch Vertilgen von Schlangen und dadurch, daß er sich auch beim Aas einfindet, wo er sich selbst größeren Geiern gegenüber zu behaupten weiß, wird er nützlich. Das Gefieder ist schwarz, nur die Handschwingen sind weiß, nackte Augengegend und Kehle blau oder rot. - Der Keulenhornvogel Westafrikas, Ceratogymna atrata, hat die Körpergröße eines Raben, ist aber viel länger. Das Männchen hat ein keulenförmiges Horn auf dem Schnabel, nackte Kopfseiten und Kehle mit Kehlsack und schwarzes Gefieder mit weißer Schwanzspitze. Das Weibchen hat schwächeres, leistenförmiges Horn und rotbraunen Kopf und Hals. - Die kleineren Tokos, Lophoceros, von Krähen- oder Dohlengröße mit leistenförmigem Schnabelaufsatz, sind in Afrika durch einige 20 Arten vertreten. Häufig in Ostafrika ist der braune Toko, L. melanoleucus, braun, Unterkörper weiß, Schnabel rot. - In Kamerun ist der gewöhnlichste L. fasciatus, schwarz mit weißem Bauch, zwei weißen Federn jederseits im Schwanz und kalkweißem Schnabel. Er wird in Togo durch L.semifaseiatus vertreten, bei dem die zweite und dritte Schwanzfeder nicht im ganzen, sondern nur an der Endhälfte weiß sind. - Auf Neuguinea und den Bismarckinseln kommt nur ein Hornvogel vor, der Jahrvogel, Rhytidoceros plicatus. Er ist stärker als ein Fasan. Das flache Horn ist durch Querfurchen geteilt; auf die irrtümliche Annahme, daß sich jedes Jahr eine neue Wulst bilde und danach das Alter des Vogels zu bestimmen sei, gründet sich der Name "Jahrvogel". Kopf und Hals sind goldbraun, der Vorderhals blasser, Schwanz weiß, übriges Gefieder schwarz, der Schnabel kalkweiß. Beim Weibchen sind Kopf und Hals schwarz. Den Eingeborenen auf Neumecklenburg gilt der Jahrvogel als heilig. Er soll die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits bringen und ist deshalb an allen Schiffsschnäbeln, Hüttengiebeln und auf Masken nachgebildet.

Reichenow.