Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 614

Nagana, Tsetsekrankheit (Fly disease), ist eine schon von Livingstone (s.d.) 1857 bei seiner Reise im Sambesigebiete als verheerende Tierseuche erkannte Krankheit, die durch die Tsetsefliege (s.d.; Glossina morsitans) übertragen wird. Der Erreger der Krankheit ist ein Trypanosoma, das 1894 von Bruce entdeckt worden ist (Trypanosoma brucei; s. Trypanosomen). Die N. ist früher in ganz Zentral- und Südafrika stark verbreitet gewesen; in neuerer Zeit ist sie in Südafrika dank der fortschreitenden Kultur verschwunden, hauptsächlich infolge der Zurückdrängung des Wildes nach dem Norden, ferner durch die Rinderpestinvasion (s. Rinderpest) in den Jahren 1896 und 1897, die außer den Rindern viel Jagdwild und Büffel dahinraffte, womit die Tsetsefliege aus den dortigen Gegenden verschwand (Theiler). Am häufigsten erkranken an N. Pferde und andere Einhufer, ferner Rinder, seltener Ziegen und andere Wiederkäuer. Die Ausdehnung des Naganaseuchengebietes in Afrika stimmt mit der geographischen Verbreitung der Tsetsefliege zwischen 10° n. und 30° s. Br. überein. Dem massenhaften Auftreten der Tsetsefliege folgen gewöhnlich heftige Seuchenausbrüche. Außer von kranken nutzbaren Tieren können die Fliegen den Erreger der Seuche auch von wilden Tieren (Büffeln, Antilopen, Hyänen, Zebras und Quaggas) aufnehmen, in deren Blut er als anscheinend harmloser Parasit vorkommen kann. In West- und Nordafrika, wo die Glossina morsitans unbekannt ist, wird die Krankheit nach Robert Koch (s.d.) durch Glossina fusca übertragen. Auch durch andere Glossinen soll die Übertragung möglich sein. Die Krankheit herrscht in tiefgelegenen Gegenden mit feuchtem Boden namentlich während der wärmeren Jahreszeit in der Regenperiode, wobei die Tiere besonders bei Tage während ihres Aufenthaltes in der Nähe von Sümpfen, Teichen, Wasserkanälen und Flüssen der Ansteckung ausgesetzt sind. Dies hängt mit dem Aufenthalt der Glossinen an diesen Stellen zusammen; denn die Glossinen bedürfen zu ihrer Entwicklung der Feuchtigkeit (s. Tsetsefliegen). Die Krankheitserscheinungen sind Fieber, Mattigkeit, verminderte Freßlust, Tränen, Schwellungen an den Gliedmaßen und dem Unterbauch, in der Umgebung der Geschlechtsteile, im Kehlgang sowie an den Augenlidern. Das Fieber verschwindet nach 2-3 Tagen, um sich später wieder einzustellen. Bei längerer Krankheitsdauer magern die Tiere stark ab, trotzdem die Freßlust sehr gut ist; mit der fortschreitenden Abmagerung werden die Tiere schwächer, ihre Bewegungen werden müde, unsicher, schwankend. Die Tiere verenden unter vollständiger Abmagerung. Dies sind die Erscheinungen, die bei Pferden hervortreten. Bei Rindern machen sich die Anschwellungen hauptsächlich am Triele bemerkbar. Die Augen erkranken beim Rinde selten, und die Bewegungsstörungen sind weniger ausgeprägt als beim Pferde. Dagegen kann die Abmagerung einen sehr hohen Grad erreichen. Heilung kommt bei Rindern öfters vor als bei Pferden. - Bei Hunden tritt, außer den Anschwellungen an den Gliedmaßen und der Abmagerung, eine Schwellung der Lymphdrüsen hervor. Neuerdings versucht man, durch Behandlung mit Arsen- und Antimonpräparaten (Atoxyl [s.d.], Arsenophenylglycin [s.d.], Antimontrioxyd-"Trixidin") die Krankheit zu bekämpfen, wobei einige Erfolge erzielt worden sind. Näheres über die Verbreitung in den deutschen Kolonien ist auf den beigefügten drei Karten zu ersehen, die im Reichs-Kolonialamt bearbeitet wurden.

v. Ostertag.