Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 611 f.

Nachlässe. Die Behandlung der N. gehört zu den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit. Soweit N. von Weißen in Betracht kommen, sind mithin die Bezirksrichter zuständig (§ 2 SchGG. in Verbindung mit § 7 KonsGG.). Gemäß §§ 3 SchGG., 19 KonsGG. finden die einschlägigen Bestimmungen des deutsch-preußischen Rechts, also insbesondere diejenigen der Gesetze über die Freiwillige Gerichtsbarkeit und die Vorschriften des BGB. über die Sicherung von N. sowie die Einleitung von Nachlaßpflegschaften und Nachlaßverwaltungen in den Schutzgebieten entsprechende Anwendung. Vgl. hierüber den RErl. des Ausw. Amts Kol.-Abt. vom 19. Dez. 1900, KolGG. Bd. 8 S. 253. (Regelmäßig pflegen die Bezirksgerichte, falls die Erben sich nicht im Schutzgebiete befinden, von Amts wegen einen Nachlaßpfleger zu bestellen, dem es alsdann obliegt, die Erben zu ermitteln und sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, sowie für die einstweilige Sicherung des Nachlasses, gegebenenfalls auch die Veräußerung dem Verderben ausgesetzter Gegenstände, Sorge zu tragen, die erforderlichen Geschäfte mit den Erben abzuwickeln und ihnen demnächst den Nachlaß zu übermitteln). Für die N. von Kolonialbeamten, die in den Schutzgebieten verstorben sind, ist in § 39 KolBG. vom 8. Juni 1910 (RGBl. S. 881) vorgesehen, daß sie den Angehörigen kostenfrei nach ihrem Wohnort übersandt werden können. Die Hinterbliebenen eines Schutztruppenangehörigen haben gemäß § 50 des Militär-Hinterbliebenengesetzes vom 17. Mai 1907 (RGBl. S. 214) Anspruch auf kostenfreie Übersendung des Nachlasses nach ihrem Wohnsitze innerhalb des Deutschen Reiches. Durch einen Beschluß des Bundesrats vom 18. April 1907 ist den inländischen Hauptzoll- und Hauptsteuerämtern die Befugnis beigelegt worden, die zollfreie Einfuhr von Erbschaftsgut in den Schutzgebieten verstorbener Deutscher oder ehemaliger Deutscher zu genehmigen. Die Erteilung der Genehmigung erfolgt auf Grund einer Bescheinigung der zuständigen Schutzgebietsbehörde oder eines Schutztruppenkommandos, daß die in einem angesiegelten Verzeichnis aufgeführten gebrauchten Sachen zum Nachlaß des im Schutzgebiet verstorbenen, namhaft zu machenden Deutschen oder ehemaligen Deutschen gehören. - Die zuständigen Schutzgebietsbehörden sind angewiesen, bei Sterbefällen die Hinterbliebenen über das Ableben und die näheren Umstände des Todes mit tunlichster Beschleunigung zu benachrichtigen. Ebenso ist Anordnung ergangen, daß die Nachlaßpfleger den Hinterbliebenen als Unterlagen für die Erbeslegitimation tunlichst bald eine Sterbeurkunde zu übersenden haben. - Die Regelung von N. Eingeborener geschieht, soweit hierfür ein Bedürfnis besteht, durch die mit der Eingeborenengerichtsbarkeit betrauten Beamten nach den hierüber bestehenden besonderen Vorschriften oder den allgemeinen, für die Eingeborenenrechtspflege in Betracht kommenden Grundsätzen (s. Gerichtsbarkeit u. Eingeborenenrecht 3). Für Deutsch-Ostafrika sind einschlägige Vorschriften in der V. betr. die Erhebung einer Erbschaftssteuer und die Regelung von N. Farbiger vom 4. Nov. 1893 in der Fassung vom 1. Sept. 1896 mit Ergänzungen durch RErl. vom 13. u. 14. April 1899, KolGG. Bd. 6 S. 135) enthalten. Jeder Todesfall Farbiger ist, wenn ein Nachlaß vorhanden ist, dem Bezirksvorstande binnen 14 Tagen zur Anzeige zu bringen, der in summarischer Weise die Höhe des Nachlasses feststellt und danach die Erbschaftssteuer erhebt. Auf Antrag eines Erben oder eines Nachlaßgläubigers hat der Bezirksvorstand auch die Regelung der Hinterlassenschaft in die Hand zu nehmen. Hierbei wird er durch Kommissionen unterstützt, welche aus je 3-4 Stammesgenossen des Verstorbenen gebildet werden. Sie haben die Schulden festzustellen und zu begleichen, die Forderungen einzuziehen usw. Für besonders umfangreiche N. kann ein Nachlaßverwalter eingesetzt werden, dem alsdann die den Kommissionen zugewiesenen Geschäfte obliegen. Im Falle der Überschuldung des Nachlasses hat der endgültigen Verteilung der Masse ein Aufgebot voraufzugehen. Auch in Deutsch- Neuguinea findet auf Antrag einheimischer Farbiger eine behördliche Nachlaßregulierung statt (Dienstanw. vom 22. Juli 1904, KolGG. Bd. 8 S. 161). Die Aushändigung des Nachlasses eingeführter farbiger Arbeiter ist dagegen nach der GouvV. betr. Anwerbung und Ausführung von Eingeborenen vom 4. März 1909 (KolBl. S. 719) jetzt den Arbeitgebern überlassen. Der Behörde ist nur über den Todesfall und die Art der Ausantwortung Anzeige zu erstatten.

Gerstmeyer.