Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 547

Menschenraub. Fehden und Kriege sind auf einer bestimmten Entwicklungsstufe mit M. verbunden, der den Zweck hat, dem Sieger in den Kriegsgefangenen billige und bequeme Arbeitskräfte zu verschaffen, die in seinem Stamme oder Staate rechtlich beschränkt weiterleben. Wo der angreifende Teil dem anderen durch Menschenzahl oder Ausrüstung weit überlegen ist, wird der Krieg zur Jagd, die dann nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern oft vorwiegend für Handelszwecke betrieben wird. Bekannt sind zumal die regelmäßigen Jagden arabischer Händler in Ostafrika und dem Sudan, die eine Verödung des Landes zur Folge hatten (s. Sklavenhandel und Sklaverei), doch ist der M. weder im Westsudan unbekannt, wo die Hirtenvölker Sklaven zur Feldbestellung brauchten, noch in Ozeanien, wo, zumal in Melanesien, feindliche Dörfer überfallen werden, um M. zu betreiben. Während in Afrika europäische Schiffe im wesentlichen Sklaven von M. treibenden Küstenstämmen eintauschten und nach den Kolonien, zumal Amerika, verkauften, trieben in Ozeanien die europäischen und amerikanischen Walfänger M., den dann früher nicht wenige der Anwerbeschiffe fortsetzten. Ersteren kam es auf Ergänzung der Mannschaft durch billige, an das Klima gewöhnte und seetüchtige Eingeborene an; sie bevorzugten daher Polynesier. Vielleicht hing diese Bevorzugung auch mit der geringen Kenntnis der Weißen über Melanesien zusammen, das vor allem in seinem westlichen Teile (Neuguinea) den Malaien durch M. Sklaven lieferte. Die Anwerbeschiffe suchten vor allem Pflanzungsarbeiter. Um das Geschäft möglichst einträglich zu gestalten und den unvermeidlichen Verlust an regelrecht von den Küstenstämmen eingehandelten Kriegsgefangenen und Sklaven wieder einzubringen, betrieben sie M., für den sich die Bezeichnung Kidnapping einbürgerte. Die Besatzungen von Fischerbooten, die sich zu weit von der Küste entfernt hatten, wurden abgefangen, einzelne am Strande wandernde Leute oder die Insassen kleiner Dörfer überfallen und an Bord geschleppt. Eine eigentümliche Form freiwilligen M. ergab sich daraus, daß die Küstenstämme zwar bereit waren, die Ergebnisse ihres M. zu verkaufen, aber die Schwächung ihrer Kriegerzahl ungern sahen, wenn ihre eigenen Leute sich in größerer Zahl anwerben ließen, da viele auf den Plantagen zugrunde gingen, und die Plantagenleiter nicht immer besonders darauf bedacht waren, die eingearbeiteten Überlebenden heimzubefördern. Auf der anderen Seite reizten die Versprechungen der Kapitäne manchen, sich anwerben zu lassen. Verweigerte der Häuptling die Genehmigung, so wurde ein M. in Szene gesetzt, bei dem der Kampf zwar ein ernsthafter, die Bereitwilligkeit der Leute, sich rauben zu lassen, jedoch vereinbart war.

Thilenius.