Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 544 f.

Mendelsche Regeln (s. Abb.). Der Augustinerpater Gregor Mendel stellte in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts Versuche über Kreuzungen bei Pflanzen an, doch blieben seine Ergebnisse unbeachtet, bis sie um 1900 von mehreren Seiten wieder entdeckt und dann weiterverfolgt wurden. Als wichtigste Ergebnisse der "Mendelforschung" können die folgenden Regeln bezeichnet werden:

I. Kreuzt man Individuen zweier Stammrassen (P), so sind die ersten Nachkommen (F1-Bastarde) gleichartig. Dabei treten drei Möglichkeiten auf: a) die F1-Bastarde stellen eine Zwischenform der beiden Stammrassen dar (weiße und rote Wunderblume gekreuzt ergeben intermediäre, in diesem Falle rosa F1- Bastarde, s. 2. Reihe von Abb. 1); b) die F1- Bastarde sind einseitig (die einfarbige mit der fünfbänderigen Gartenschnecke gekreuzt ergibt einfarbige F1- Bastarde, s. Abb. 1), d.h. das Merkmal der einen Stammrasse verdeckt äußerlich das andere vollständig, das nicht zum Vorschein kommt; man bezeichnet daher das erstere als das "dominierende", das letztere als das "rezessive" Merkmal (s. 2. Reihe von Abb. 2); c) die F1-Bastarde zeigen einen neuen d.h. bei keiner Stammform sichtbaren Charakter, speziell einen atavistischen (weiße Hausmaus und gescheckte japanische Tanzmaus ergeben gekreuzt ausschließl. graue [wildfarbige] F1-Bastarde).

II. Paart man F1-Bastarde untereinander, so erscheinen bei ihren Nachkommen, den F2-Bastarden, die Merkmale der Stammrassen (P) einzeln wieder, und zwar sind sie in ganz bestimmten Zahlenverhältnissen auf die Individuen dieser Generation verteilt. Es findet also eine Spaltung der in den F1-Bastarden verbundenen Anlagen statt. Nimmt man an, es habe sich nur um ein einziges Merkmalpaar gehandelt, in dem sich die Individuen der Stammformen voneinander unterscheiden (etwa Schwarzfärbung und Weißfärbung), so werden die F2-Bastarde, in den unter 1 genannten Fällen folgende Zahlenverhältnisse aufweisen: a) je 25% weiß und schwarz, 50 % Zwischenform (s. 3. Reihe von Abb. 1); b) 75% dominierende (schwarz), wovon 25% rein, 50% durch "Verdeckung" von weiß, 25% rezessive (weiß; s. 3. Reihe von Abb. 2); c) besondere Zahlenverhältnisse, da hier neben den stammelterlichen auch die neuen Merkmale auftreten. Setzt man die Inzucht in der dritten Generation fort, so ergibt sich, daß die reinen Nachkommen der 2. Generation nur Nachkommen ihresgleichen, also wiederum reine ergeben, während die Nachkommen der Zwischenformen ebenso in reine und Zwischenformen zerfallen wie in der 2. Generation. Dasselbe wiederholt sich in den nächsten Generationen.

III. Unterscheiden sich die gekreuzten Stammformen durch zwei oder mehr Merkmalspaare (statt, wie bisher angenommen, ein Merkmalpaar),so spalten sich die Merkmalspaare unabhängig voneinander, so daß die F2-Bastarde neue Kombinationen ergeben, die je nach der Dominanz der Merkmale in verschiedenen Zahlenverhältnissen erscheinen. Die gelbe ungebänderte Hainschnecke mit der roten einbänderigen gekreuzt ergibt als F1-Bastarde rote einbänderige Schalen, als F2-Bastarde treten im Verhältnis von 9:3:3:1 rote gebänderte, rote ungebänderte, gelbe gebänderte, gelbe ungebänderte Schalen auf. Kreuzt man die F1 Bastarde nicht miteinander, sondern mit einer der Stammformen, so bestehen die Nachkommen (falls die Stammformen sich nur in einem Merkmalspaar unter schieden) aus je 50 % der Stammform, und dem F1-Bastard entsprechenden Individuen. Grundlegende Bedeutung kommt vor allem der Entdeckung zu, daß bei der Kreuzung von F1-Bastarden untereinander oder mit einer Stammform die Spaltung der Merkmale eintritt (s. Mischlinge). In welchem Umfange sie vorkommt, d. h. welche Organismen bei ihrer Kreuzung "mendeln", ist noch zu ermitteln. Sicher ist bisher, daß mindestens ein großer Teil der erblichen Rassenmerkmale in dieser Weise vererbt wird. Die Untersuchung dieser Erscheinungen ist auf dem Wege der experimenteller Züchtung möglich, außerdem aber auch auf statistischem Wege. Damit gewinnt die Frage eine besondere Bedeutung für die Beurteilung von Bastarden des Menschen, deren Verhalten rechnerisch ermittelt werden könnte, sofern durch Beobachtung festgestellt ist, ob bei einer bestimmten Kreuzung ein Merkmal dominant oder rezessiv ist.

Literatur: V. Häcker, Allgemeine Vererbungslehre. Braunschw. 1912 (enthält ein eingehendes Verzeichnis der Literatur).

Thilenius