Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 528

Maultier (Equus mulus), ein aus der Paarung von Eselhengst mit Pferdestute hervorgegangener unfruchtbarer Bastard (s. Maultierzucht). Maultierzucht. Von einer M. in den Kolonien kann heute noch nicht gesprochen werden. Der Wert des Maultiers als Transporttier für die wirtschaftlichen Verhältnisse der Kolonien wurde erst in letzter Zeit erkannt. Dies kommt in der nicht unerheblichen Einfuhr von Maultieren zum Ausdruck. Das Maultier kann als Reit-, Last- und Zugtier vor der Karre oder dem leichten Wagen Verwendung finden. Seine Vorzüge bestehen in der Verwendung selbst unter Verhältnissen, unter denen das Pferd versagt, der Ausdauer und Widerstandsfähigkeit im Ertragen von Hunger und Durst und der geringen Neigung zu Krankheiten, insbesondere auch zu Huf- und Beinleiden. Harte, enge Hufe und eine durchschnittlich lange Lebensdauer werden auch zu seinen Vorzügen gerechnet. Gegenüber dem Pferde hat es den Nachteil, daß es sich schwieriger anlernen läßt und im schnellen Gang geringeres leistet. Für die Zucht ist es nachteilig, daß es ein unfruchtbarer Bastard ist und zu seiner Produktion daher stets auf die Paarung von Pferd und Esel zurückgegriffen werden muß. Für die Benutzung kommt vor allem ein möglichst großes Maultier in Betracht, zu seiner Erzeugung sind daher schwere Stuten und kräftige Eselhengste erforderlich. In Deutsch-Südwestafrika wurden im Jahre 1913 5055 Maultiere und Maulesel gezählt, die zum größten Teil importiert waren. Beim Gouvernement sowohl als auch bei Privaten besteht jetzt lebhaftes Interesse für Maultiere. Das Gouvernement hat 1911 einen andalusischen Eselhengst für das Gestüt Nauchas (s. d.) eingeführt. Es ist die Einfuhr weiterer Zuchteselhengste in Aussicht genommen, die auf Deckstationen im Lande aufgestellt werden sollen. Auch von privater Seite wurden bereits eine Anzahl wertvoller Eselhengste eingeführt. Der jährliche Bedarf an Maultieren für Gouvernement, Polizei und Truppe beträgt rund 200 Stück im Werte von etwa 120000 M. Besondere Bedeutung hat das Maultier in Deutsch- Südwestafrika wegen seiner Anspruchslosigkeit und geringen Empfänglichkeit für Pferdesterbe (s.d.), weshalb im Norden Landespolizei und Schutztruppe in der Regenzeit, solange ihre Pferde auf Sterbeposten stehen, auf Maultieren beritten sind. Die Gebirgsbatterien der Schutztruppe verwenden zum Tragen und Ziehen der Geschütze nur Maultiere. In Britisch-Südafrika wird das große Maultier jetzt schon höher bezahlt als das Pferd, was seine Überlegenheit in diesem Gebiete zum Ausdruck bringt. In Deutsch- Südwestafrika schwanken die Preise zwischen 300 und 600 M für Tiere mittlerer Größe. Die erste größere Einfuhr von Maultieren aus der Kapkolonie erfolgte im Jahre 1896, als durch die großen Verluste, die die Rinderpest (s.d.) unter den Rindviehbeständen verursachte, ein empfindlicher Mangel an Zugochsen eintrat. Diese, sowie später auch aus Argentinien eingeführte Maultiere akklimatisierten und bewährten sich gut. Der Ausdehnung der M. steht einstweilen noch die geringe Zahl von geeigneten Pferdestuten und auch der Umstand entgegen, daß die Preise für Pferde in Deutsch-Südwestafrika noch höher sind, so daß es lohnender ist, in sterbefreien Gebieten Pferde zu züchten. In Deutsch-Ostafrika konnte an M. in größerem Maße trotz der Bedeutung, die das Maultier wegen seiner größeren Widerstandsfähigkeit gegen Pferdesterbe und Tsetse (s.d.) dem Pferde gegenüber hat, nicht gedacht werden, was in der großen Schwierigkeit, die zur Zucht notwendigen Stuten zu halten, begründet ist. In Gebieten, wo Ochsen wegen des Texasfiebers (s. d.). als Zugtiere nicht mehr verwendet werden können, haben Maultiere schon wertvolle Dienste geleistet. Die ersten vom Gouvernement eingeführten Maultiere waren aus Algier stammende Tiere der französischen Madagaskarexpedition und Massaua-Maultiere. Weitere Einfuhren aus Aden, Abessinien, Sansibar, Britisch- Südafrika und anderen Ländern folgten. Die bisherigen Versuche ergaben verhältnismäßig geringe Verluste durch Pferdesterbe, größere Verluste durch Tsetse, aber immer noch geringere als bei Pferden. - In Kamerun und Togo wurden bis heute vereinzelt Maultiere gezüchtet. Wenn auch in den Küstengebieten und der Urwaldzone eine M. nicht durchführbar ist, so weisen die in den Hochländern beider Kolonien vorhandenen reichen Pferdebestände doch auf die Möglichkeit der Entwicklung einer M. hin, sobald ein Bedürfnis hierfür sich zeigen sollte. - In den Schutzgebieten der Südsee wurden Versuche mit der Zucht von Maultieren durch die Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft auf Samoa angestellt. Auch hier werden ihre Widerstandskraft, Ausdauer und Anspruchslosigkeit gerühmt. Die Tiere dienen in den Pflanzungen zum Zusammentragen der Kokosnüsse. - In Kiautschou findet eine M. nur vereinzelt statt. Die zur Bespannung der Artilleriegeschütze erforderlichen Maultiere werden nach dort eingeführt.

Neumann.