Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 451

Lepra (Aussatz) ist keine eigentliche Tropenkrankheit, doch in den Tropen vielfach noch weit verbreitet, während sie in Europa bis auf wenige Herde durch geeignete Maßnahmen verschwunden ist. Es handelt sich um eine sehr chronisch verlaufende Infektionskrankheit, die durch einen von Armauer Hansen entdeckten, dem Tuberkelbazillus verwandten Bazillus verursacht wird (s. farbige Tafel Erreger der Tropenkrankheiten II Abb. 12.) Je nachdem sich die Erreger im Nervensystem oder in der Haut ansiedeln, kann das klinische Bild wechseln. Die Haut-L. verursacht zuerst Flecke, dann Knoten und Verdickungen, die schließlich zu geschwürigem Zerfall gelangen und charakteristische Entstellungen, besonders im Gesicht und an den Extremitäten, verursachen. Die Geschwüre enthalten massenhaft die Erreger. Bei der Nerven-L., die etwas langsamer verläuft, entstehen zunächst Flecken, die gefühllos oder überempfindlich gegen Berührung sind, dann durch die Störung der Nervenversorgung Muskelschwund und Lähmungen und schließlich weitgehende Verstümmelungen, an den Gliedern besonders kenntlich. Bei beiden Formen werden oft ganz frühzeitig schon die Erreger in dem Nasenschleim nachgewiesen (s. farbige Tafel Tropenkrankheiten 11 Abb. 12), und es wird fast allgemein angenommen, daß die Nase die Eingangspforte für die Bazillen darstellt. Ansteckung scheint nur bei inniger Berührung zu erfolgen. Die Krankheit kann ca. 10-20 Jahre dauern bis zum tödlichen Ende; Besserungen und Scheinheilungen kommen vor. Ein eigentliches Heilmittel gibt es noch nicht, doch sind mit einigen (besonders Chaulmoograöl) schon gute Erfolge erreicht worden. Auch die Wirkung des in letzter Zeit viel genannten Nastin, eines aus einem Fadenpilz gewonnenen Fettes, ist noch sehr umstritten. Am besten hat sich zur Eindämmung der Seuche seit Jahrhunderten die Isolierung der Kranken bewährt, die, sinngemäß gehandhabt, nicht stets eine gefängnisgemäße zu sein braucht. Jeder verdächtige Fall ist dem Arzte zuzuführen.

Literatur: Meine, Handb. der Tropenkrankheiten.

Martin Mayer.