Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 424

Landkarten. Das deutsche koloniale L.wesen hat sich aus bescheidenen Anfängen entwickelt. Bei Beginn der deutschen Kolonialära war das Innere der Schutzgebiete geographisch vielfach noch völlig unbekannt und stellte auf der Karte Afrikas mehr oder weniger weiße Flecke dar. Hier setzten nun zunächst die Aufnahmen der Forschungsreisenden, Offiziere der Schutztruppe und der Kolonialbeamten mit den einfachsten Hilfsmitteln, dem Kompaß und der Taschenuhr ein, und so entstanden mittels dieser Routenaufnahmen (s.d.) die ersten einfachen Routenkarten, die zunächst wenig mehr als die eigenen einfachen Wegeaufnahmen der betr. Reisenden enthielten. Diese Karten gewannen an Zuverlässigkeit, sobald die betr. Reisenden verstanden, auch geographische Ortsbestimmungen, wenigstens astronomische Breitenbestimmungen mit einem Reisetheodolit oder Sextanten anzustellen. An sie schlossen sich dann die schon erheblich zuverlässigeren Karten, die auf mehr oder weniger exakter Triangulation des durchzogenen Gebietes beruhten. Diese Methode kam hauptsächlich bei den zahlreichen Grenzexpeditionen (s.d.) zur Anwendung, die das Reich zur Festlegung der vertragsmäßigen Binnenlandgrenzen im Laufe der kolonialen Entwicklung auszusenden genötigt war. Schließlich hat der große Aufstand in Deutsch-Südwestafrika den Anlaß gegeben, zunächst in diesem Schutzgebiet die Kartenherstellung und kartographische Aufnahmetätigkeit in die Hände des Generalstabs zu legen. Dieser hat zunächst durch Triangulation (s. d.) ein ausgedehntes Netz von Fixpunkten in großen Teilen des Landes geschaffen, das die feste Unterlage bietet, um nach den heimischen, allerdings durch die besonderen Verhältnisse der Kolonie etwas modifizierten Methoden genauere Karten des Schutzgebietes herzustellen. Die Ausdehnung dieser Vermessungsweise auf die übrigen Kolonien ist nur eine Frage der Zeit und der Mittel, die für diesen Zweck bereitgestellt werden können. In Deutsch-Ostafrika ist nach dieser Richtung schon vorgearbeitet durch die vom Landesfiskus veranlaßte Triangulation und Kartierung von Usambara als des zunächst für Plantagen- und Siedelungszwecke wichtigsten Teiles der Kolonie. Diese ihrem Abschluß nahe Arbeit ist, soweit es sich um die Triangulation und geometrische Vermessung an Ort und Stelle handelte, durch Landmesser ausgeführt, die Berechnung und zeichnerische Auswertung des Aufnahmematerials ist durch das Landmesserbureau des Kolonialamtes erfolgt. Die Karte von Usambara und Küstengebiet in 1 : 100000 ist in 4 Blättern à 6 M bei D. Reimer, Berlin erschienen. Die Verwertung des durch Routenaufnahmen, Ortsbestimmungen und flüchtige Triangulationen zusammengekommenen reichen kartographischen Materials ist von Anfang an dem kartographischen Institut der Firma D. Reimer in Berlin anvertraut worden, das zunächst unter Leitung von Dr. Richard Kiepert (s. d.) und sodann unter der der beiden Kolonialkartographen P. Sprigade (s. d.) und M. Moisel (s. d.) stand. Außer den zahlreichen in den "Mitteilungen aus den deutschen Schutzgebieten" veröffentlichten Spezialkarten sind aus diesem Institut hervorgegangen die Karten von Deutsch-Ostafrika und Kamerun in 1 : 300000, von Togo in 1 : 200000 und der "Große deutsche Kolonialatlas" mit Übersichtskarten aller Schutzgebiete (mit vorläufiger Ausnahme von Südwestafrika) in 1 : 1000000 (Togo 1 : 500000, Südsee verschiedene Maßstäbe), z. T. bereits in verbesserter zweiter Auflage. Von Deutsch-Südwestafrika bearbeitet die kgl. Landesaufnahme eine Karte in 1 : 400000 in 30 Blättern, wovon Ende 1913 21 vorläufige Blätter erschienen waren. Als Vorbereitung zur eigentlichen Landeskarte (Maßstab ca. 1 : 200000, noch nicht entschieden) läßt die Landesaufnahme ca. 700 sog. Krokierblätter in 1 : 100000 bearbeiten, die auch zur öffentlichen Benutzung herausgegeben werden. Mitte 1913 waren 14 Krokierblätter erschienen, 22 in Vorbereitung. Neuerdings werden bei D. Reimer im Auftrag oder mit Unterstützung des RKA. Übersichtskarten in 1 : 2 Mill. bearbeitet, die jedes Schutzgebiet übersichtlich auf einem Blatt darstellen; Ende 1913 waren erschienen: Karte von Deutsch-Südwestafrika, bearb. von Paul Sprigade und M. Moisel, 1912 (zweite Auflage); Karte von Kamerun mit Togo, bearb. von M. Moisel 1913. (Diese auch als Höhenschichtenkarte in den Mitt. a. d. d. Schutzgeb. 1913).

Danckelman.