Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S.393ff

Kunst der Eingeborenen (s.a. Farbige Tafel Kunst und Schmuck in Deutsch-Melanesien). Als eine der Wurzeln, aus denen die K. erwuchs, ist der Spieltrieb erkannt; unter seinem Einfluß schafft der Mensch Werke als Äußerungen seines inneren Lebens. Eine lange, in ihren Stufen noch wenig erforschte Entwicklungsreihe führt von der primitiven K. der Naturvölker zu der der Kulturvölker, aber schon zu Beginn erscheint die K. in zwei Formen; von den Zeitkünsten (Tanz, Musik, Dichtung, Mimik) sind die Raumkünste (Plastik, Malerei) zu unterscheiden. Den Werken aller K. gemeinsam ist die Wiederholung als ordnendes Prinzip, die als Harmonie, Symmetrie, Ähnlichkeit, Gleichheit usw. auftritt und vor allem in den Zeitkünsten und von den Raumkünsten bei der Ornamentik deutlich erkennbar ist. Rhythmisch ist der Tanz (s.d.), mag er als feierlicher Reigen bei den religiösen Maskentänzen (s. Masken) oder als bewegter und selbst anscheinend zügelloser Tanz einem Gefühl Ausdruck geben oder mimisch Bewegungen von Tieren, Jagd- oder Kriegsszenen usw. nachahmen; Harmonie und Melodie kennzeichnen auch die primitive Musik (s.d.); Metrik, Reim und Parallelismus sind der Dichtkunst der Naturvölker eigen, die als Lyrik und Epos auftritt. - Den Zeitkünsten stellt die Völkerkunde die Raumkunst als K. im engeren Sinne gegenüber. Unter Malerei werden gewöhnlich alle Kunstarten zusammengefaßt, bei denen die Wirklichkeit auf einer glatten Fläche durch Einritzen oder durch Auftragung von Farben nachgebildet wird. Die Ritztechnik begnügt sich meist mit der Darstellung der Umrisse, die durch Einreiben einer Farbe noch betont werden können oder schon dadurch stärker hervortreten, daß in den Ritzen die unter der glatten Rinde liegende rauhere und anders (heller) gefärbte Unterschicht sichtbar wird (Kürbisse u.a. Früchte, Leder). Eine eigentümliche Flächenkunst besitzen die Buschmänner (s.d.), die zur Darstellung von Tieren usw. die von dem Umriß eingeschlossene Fläche mit einer flachen und leinen Körnung ausfüllen, so daß auf dem glatten Stein eine Art Silhouette mit rauher Oberfläche entsteht. Die Auftragung von Färben nimmt ihren Ursprung vielleicht von der weitverbreiteten Bemalung des Körpers oder von der Herstellung von Abdrücken der Hand oder des Fußes, deren Flächen zufällig eine Farbe trugen (Australien). Als Farben dienen Kalk, Kreide, Ocker, toniger Roteisenstein, Mangan usw., ferner Kohle, verschiedene Pflanzensäfte, Blut usw.; soweit die Farbe nicht von selbst haftet, ist die Verwendung von Fetten und Ölen, auch Pflanzensäften als Bindemittel bekannt. Eine Verbindung beider Techniken stellt die Brandmalerei dar; hier werden mit einer glühenden Holz- oder Metallspitze auf hellen Flächen (Bambus, Kürbis u.a.) vertiefte Zeichnungen hergestellt, die gleichzeitig eine braune Färbung erhalten und überdies nachträglich noch mit weiteren Farben versehen werden können. - Die Plastik, d.h. die körperliche Wiedergabe natürlicher oder phantastischer Vorbilder ist technisch ein Beschnitzen oder Behauen fester Massen (Mark, Holz, Horn, Knochen, Elfenbein, Stein usw.) oder ein Formen weicher, später erhärtender Stoffe (Lehm, Metalle, Harz u.a. Pflanzensäfte). - Dem Zwecke nach kann die K. frei, d. h. um ihrer selbst willen da sein oder als unfreie mit einem Nebenzweck verbunden werden und vor allem als Ornamentik der Verzierung eines Gegenstandes dienen. An Umfang und Bedeutung tritt bei den Naturvölkern die freie K. weit hinter die unfreie zurück. Als freie K. sind wahrscheinlich die Malereien der Buschmänner aufzufassen, die mit überraschender Naturtreue Menschen, Wild und ganze Szenen aus Krieg und Jagd darstellen, bei denen auch die Bewegungen der Figuren mit großer Sicherheit und sehr guter Beobachtung ausgedrückt werden. Auf gleicher Höhe stehen die in südeuropäischen Höhlen überlieferten Bilder des diluvialen Menschen, der in ihnen auch ausgestorbene Tiere, wie Mammut, Bison, Renntier, Wildpferd verkörperte. Ob hier indessen stets zauberische Zwecke oder die Absicht der Überlieferung eines Vorganges ausgeschlossen werden müssen, mag ebenso dahingestellt bleiben, wie bei Plastiken der Arktier aus Knochen und Zahn, die Menschen und Tiere darstellen. Als unfreie K. sind die Malereien anzusehen, die z.B. von Eskimos als Ritzzeichnungen auf Knochen und Elfenbein, von Westafrikanern auf Kürbissen, von nordamerikanischen Indianern als Farbzeichnungen und Brandmalerei auf Leder oder Fell, von Ozeaniern als reine Brandmalerei auf Bambusstücken als Bilder-Schriften angebracht werden und dazu bestimmt sind, die Erinnerung an eine Begebenheit festzuhalten. Verwandte Bedeutung haben die Reliefs der Westafrikaner, die in Togo z.B. Sprichworte und Märchen darstellen oder illustrieren, zum Teil auch wohl die zu kleinen Szenen zusammengestellten Rundfiguren aus Messing; Nebenzwecke können auch bei den sog. Bronzen aus Benin (Rundfiguren und Reliefs) nicht ganz ausgeschlossen werden. Weitaus die wichtigste Beziehung hat die unfreie K. zur Magie und Religion (s. Religionen der Eingeborenen). Zum Zweck zauberischer Beeinflussung werden Menschen und Tiere gemalt oder plastisch hergestellt, geformte Amulette, manistische und animistische Idole gefertigt; die Sonne, vor allem der Mond und das Siebengestirn (Kamerun) werden aus religiösen Gründen verwertet, und selbst die Farben können, z.B. in China, magische Beziehungen haben, insofern sie Glück oder Unglück bringen. Kunstwerke, die sich selbst rechtfertigen, sind demnach bei den Naturvölkern selten, meist ist die K. unfrei und berechtigt zu der Frage nach der Bedeutung des Dargestellten. - Das gilt zumal von der Ornamentik, der geläufigsten Form der unfreien K. Hier tritt die Nachahmung der Natur völlig zurück; die Ornamentik ist im wesentlichen eine Neuschöpfung. Außer seinem eigenen Körper versieht der Eingeborene jedes Erzeugnis seiner Hand, mag es sich um Teile der Tracht, Gerät, Waffen, Haus oder Boot handeln, mit Ornamenten und verfährt dabei meist so, daß er nicht den fertig verzierten Gegenstand in Gebrauch nimmt, sondern ihn während der Benutzung in gelegentlich jahrelanger, oft unterbrochener Tätigkeit verziert; ausgenommen sind hiervon nur vielfach Teile der Tracht und wohl regelmäßig die religiösen Geräte. Die bedeutungslosen Ornamente beschränken sich im wesentlichen auf die geometrischen Verzierungen, die den Linien und Formen des Gegenstandes folgen; hierher gehört etwa die Verzierung von Beilgriffen durch eingelegtes Metall (Westafrika), der Besatz von Lederstreifen mit Muscheln (Ostafrika) oder mit Eisenperlen (Herero), der Rand von bunten Federn an den Schurzen aus Muschelgeld (Admiralitätsinseln), die Verzierung der Keramik durch eingedrückte Schnüre oder aus Strichen und Punkten zusammengesetzte Rand- und Flächenmuster. Zur Vorsicht in der genetischen Auffassung solcher Ornamente mahnt indessen die Tatsache, daß z.B. anscheinend bedeutungslose Gefäßformen erst durch Vergleichung in ihrer wahren Bedeutung erkannt werden; so gehen die langhalsigen und weitbäuchigen Holzflaschen aus Kamerun auf ebenso geformte Kürbisse zurück. Systematisch unterscheidet man seit langem die geometrischen von den figürlichen Ornamenten. So klar diese Gegenüberstellung erscheint, so wenig entspricht sie der Entwicklung, die wiederum durch die Bedeutung beeinflußt wird. Aus der Technik des Flechtens oder aus der verwandten Weberei ergibt sich ohne weiteres ein Muster des Werkstücks; durch Verwendung bunter Streifen und Fäden, durch Komplikationen der Technik kann es erheblich weiter entwickelt werden. Erregt es die Aufmerksamkeit hinreichend, so wird leicht die Phantasie dazu angeregt, in das Muster eine Figur hineinzusehen, und der Arbeiter wird sich nun von selbst bemühen, das Muster der gedachten Figur möglichst anzunähern. Damit entwickelt sich ein zunächst bedeutungsloses technisches Muster zu einem bedeutungsvollen Ornament, dessen Sinn schließlich auch der Fremde erkennt. Dieser Entwicklung steht die umgekehrte gegenüber. Die Absicht, eine Figur wiederzugeben, findet rasch an technischen Schwierigkeiten ihre Grenze. Sie können in der Person des Arbeiters oder in seinen unvollkommenen Werkzeugen liegen, die unzweifelhaft einen Grund für das Übergewicht der Ornamentik gegenüber der freien K. darstellen, viel häufiger sind sie aber in dem Material zu finden. Die Spaltungsrichtung von Stein oder Holz kommt hier in Frage, Flechterei und Weberei zwingen ohne weiteres zur Auflösung der Figur in regelmäßige Viel- oder Vierecke. Damit erliegt die Figur dem Zwange des Stoffs und wird schließlich zum geometrischen Ornament, dessen Herkunft nur noch der Eingeweihte zu erkennen vermag. Indessen verlaufen die Reihen, die ein geometrisches und ein figurales Ornament verbinden, nebeneinander und durchkreuzen sich auch; schließlich ist gerade bei der Deutung von Zwischenstufen mit subjektiven Momenten zu rechnen; ein und dasselbe Ornament kann von den verschiedenen Individuen desselben Dorfes verschieden aufgefaßt werden, so daß als zuverlässige Quelle für die Bedeutung meist nur der Verfertiger übrigbleibt, der oft seine K. gewerbsmäßig treibt, wie z.B. die Bootmaler der Tamiinsel. - Den Motiven nach zerfallen die Ornamente in zwei große Gruppen. Zu den skeuomorphen gehören die Übertragungen technisch gegebener Knoten, Bindungen, Wickelungen usw. auf Gegenstände aus anderem Material, an denen sie technisch nicht berechtigt sind. Dahin sind die aus Schnurmustern hervorgegangenen geschnitzten Ornamente an ozeanischen Holzkeulen zu rechnen, die gemalten, auf geflochtene Matten zurückgehenden Ornamente samoanischer Tapa (s.d.) oder die auf dem Muster geflochtener Körbe usw. beruhenden Ritzornamente an Töpfen usw. Die weit größere zweite Gruppe umfaßt die natürlichen Ornamente. Unter ihnen sind die physikomorphen (Wolken, Blitz usw.) zumal in Amerika verbreitet (in Ozeanien finden sich als Seltenheit Landschaften), während die biomorphen zwar überall vorkommen, aber in sehr ungleicher Verbreitung: das Pflanzenornament tritt weit hinter das Tierornament zurück, und auch die Verwendung menschlicher Figuren ist beschränkt. Die annähernd naturalistische Wiedergabe der Motive ist jedoch außerordentlich selten. Meist zeigen die Ornamente nur einzelne eindeutige Teile der Figuren, und oft genug kann die Bedeutung des Ornaments nur aus einer größeren Reihe sicher erkannt werden (s. Abb. Ornamente von Speeren der Salomoninseln, das sog. "tanzende Männchen" in verschiedenen Formen darstellend, nach v. Luschan).

Der Grund liegt nicht in dem besonderen Reichtum der Motive, deren Zahl vielmehr bei jedem Volke eine auffallend kleine ist, sondern in der eigentümlichen Behandlung, die die Figur erfährt. Zum Wesen des Ornaments gehört die regelmäßige Wiederholung der Figur in linearer oder flächenhafter Ausdehnung. Die einzelnen Figuren werden hierbei verbunden, die Linien, aus denen sie bestehen, vereinfacht und abgeschliffen. Sehr leicht überwuchert dann die Form den Inhalt, ursprünglich einfache Linien werden vervielfacht, die Einzelteile der nebeneinander stehenden Figuren gegen einander verschoben usw.; man ändert die Proportionen der Einzelteile, kleine werden noch mehr verkleinert und schließlich fortgelassen; große werden vergrößert, so daß einerseits Kümmer-, anderseits Wucherformen entstehen; nicht selten zeigt sich das Bestreben nach einer künstlerischen Symmetrie (wie beim Doppeladler) oder man erreicht groteske Formen, indem man eine Figur halbiert und die beiden Stücke umgekehrt wieder aneinandersetzt (Kämme von Neuguinea). Durch Kombination dieser Verfahren ergeben sich dann oft sehr eigenartige Ornamente. Eine Raute (Leib), z.B. mit einem Punkt in der Mitte (Auge) und je zwei gleichgestalteten Hakenfortsätzen an zwei einander gegenüberliegenden Ecken (Arme und Beine) ist ursprünglich eine menschliche Figur (Ledertaschen der Haussa [s.d.), die durch Verlagerung, Verkümmerung, künstliche Symmetrie. verändert wurde. Neben Stoff und Technik, die vorwiegend objektiv die Wandlung der Figur bestimmen, bietet die Übertragung des Ornaments auf den Gegenstand einen besonderen Anreiz für die Erfindungs- und Gestaltungsgabe des Künstlers. Zunächst pflegt er das Ornament nicht auf der ganzen Fläche zu disponieren und dann erst auszuführen, sondern beginnt an einem Ende das Ornament fertigzustellen und arbeitet nach dem Augenmaß über die Fläche weiter, wobei er dann die unvermeidlichen Fehler der Anordnung durch entsprechende Abänderung des Ornamentes verbessern muß. Besondere Aufgaben stellt ihm auch die Form des Gegenstandes. Das Ornament soll die ganze, oft unregelmäßig begrenzte Fläche decken, und daher werden die Figuren hier verrenkt, dort zusammengezogen oder gedehnt. Soll ein (etwa aus religiösen, totemistischen u.a. Gründen) wichtiges Ornament auf einem gewölbten Gegenstande von jeder Seite her gesehen werden, so hilft sich der Künstler etwa wie der Afrikaner, der eine Eidechse auf einem Kürbisboden derart anbringt, daß Kopf und Schwanz verbreitert werden, der Leib aber zu einem Ringe gestaltet wird, in dessen Mitte der auf der Unterlage aufliegende (also unsichtbare) Teil des Bodens oder die Kürbisspitze steht. Den vielfachen Umgestaltungen der Figuren zu Ornamenten gemeinsam ist die Zerstörung des Sinnes durch die Form, d.h. die Stilisierung, und jedes Volk bevorzugt der Regel nach ganz bestimmte Arten, so daß das Ornament ein Mittel zur Bestimmung der Herkunft eines Gegenstandes ist, da Sitte und Tradition den einmal angenommenen Stil für längere Zeit festhalten. Indessen finden auch auf diesem Gebiete Wanderungen, Entlehnungen und selbst plötzliche Veränderungen (in kleinen Gebieten z.B. schon aus Anlaß des Aussterbens einer Künstlerfamilie) statt, auch die Ornamentik ist daher nicht unabänderlich und spiegelt geschichtliche Ereignisse wieder.

Literatur: A. C. Haddon, Evolution in Art. Lond. 1895. - H. Schurtz, Urgeschichte der Kultur. Lpz. 1900.

Thilenius.