Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 388

Kultursystem. Unter K. (Cultuurstelsel) versteht man das System der Zwangsarbeit und Zwangslieferung gewisser Produkte, welches für die Eingeborenen in Java bestand. Es ist in Deutschland so oft als Vorbild empfohlen worden, daß es hier besprochen werden muß. Zu beachten ist, daß es in Deutschland gelobt und im Kongostaat nachgeahmt ist zu einer Zeit, als es in den Niederlanden längst verurteilt war. Das K. war eine Wiederbelebung des Monopolsystems der Niederländisch-ostindischen Kompagnie. Dies hatte darauf beruht, daß die einheimischen Regenten verpflichtet waren zur Lieferung der wichtigsten Produkte, unter Umständen der ganzen Ernte. Die Regenten zwangen ihre Untertanen zum Anbau nach den erhaltenen Anweisungen. Nach der Aufhebung der Kompagnie war seit 1803 das System vielfach gemildert und durchbrochen, die Lieferungen zum Teil durch eine Grundsteuer ersetzt. Unter dem Druck der Finanznot kehrte der Generalgouverneur van den Bosch Anfang der dreißiger Jahre zu dem alten System zurück, nicht um ein Erziehungsmittel für die Eingeborenen, sondern um Einnahmen zu schaffen. Die Bauern müssen einen Teil ihres Landes und ihrer Arbeitskraft hergeben, auf jenem Produkte für den Staat anbauen, mit dieser im Walde Kaffeepflanzungen anlegen und bewirtschaften. Für ihre Arbeit erhielten die Bauern eine kleine Vergütung, 8-15 cents den Tag. Mit dem Anbau der Produkte sind vielerlei Versuche gemacht. Von Bedeutung ist außer dem Kaffee nur Zucker und Indigo gewesen. Die Produkte wurden durch die Ned.-Ind. Handelsmaatschappij in den Niederlanden verkauft, die, dadurch rentabel wurde. Die Einnahmen aus dem K. worden verschieden angegeben. Nach Pierson hat es von 1840/74 durchschnittlich jährlich 22 Mill. Gulden a abgeworfen; seit 1836 konnten indische Einnahmen für die Niederlande verwendet werden. Das K. war gewinnbringend unter der Voraussetzung, daß die Kosten für die Regierung ganz niedrig gehalten wurden. Deshalb mußte 1. der freie Handel und die private Unternehmertätigkeit, insbesondere die von Pflanzern, ferngehalten werden, 2. die Vergütung an die Bauern ganz niedrig sein, denn die Zwangskulturen gaben nur ein Viertel bis die Hälfte des freien Anbaus. Dabei waren zur Durchführung weitgehende Zwangsmaßregeln erforderlich. Die Bevölkerung mußte durch die Paßpflicht festgehalten werden, wanderte aber in überlasteten Bezirken trotzdem ab. In solchen verschlechterte sich die Ernährung, da die Arbeitszeit für die Zwangskulturen in Anspruch genommen war (vielfach 90-225 Tage im Jahre). Da das K. der lokalen Verwaltung kein bares Geld lieferte, wurden die sonstigen Fronden möglichst vermehrt. Die Macht der Regenten und eingeborenen Beamten mußte gehoben werden, Strafen, auch körperliche, waren in großem Umfange nötig, was alles zu Mißbräuchen führte, deren Druck sich nach unten steigerte. Auch abgesehen von Mißbräuchen schuf das K. kein Motiv zur Arbeit, außer dem Zwang und hat als wirtschaftliches Erziehungssystem Fiasko gemacht. Auch im besten Falle erzog es Produzenten, nicht Konsumenten. Die Zunahme der Einfuhr blieb weit hinter der der Ausfuhr zurück. In den fünfziger Jahren begann in den Niederlanden die Kritik an dem K., namentlich durch Hoëvell. (Die Behauptung, daß Multatuli [Dekker] durch seinen Roman Max Havelaar, 1860, darauf großen Einfluß geübt habe, ist irrig.) Anfang der sechziger Jahre begann, namentlich unter dem Kolonialminister van de Putte (1862 bis 1865) die Abwendung vom K. Die minderbedeutenden Kulturen und die des Indigo wurden bis 1865 aufgegeben, das Arbeitsrecht gemildert, mehr Schutz gegen Willkür eingeführt usw. Die Zuckerkultur wurde seit 1878 eingeschränkt, 1891 abgeschafft. Gleichzeitig begann mit der Freigebung die große Entwicklung der privaten Plantagenkultur, während man die Eingeborenen vor kapitalistischer Ausbeutung weitgehend schützte. Für Java und Madeira war die Zunahme in Mill. Gulden Nach 1891 blieb noch, aus finanziellen Gründen, die Kaffeekultur bestehen. Durch Verminderung der Neupflanzungen ist ihre Ausdehnung immer weiter zurückgegangen. Im Budget für 1901 war der Erlös aus den Kaffeeverkäufen noch mit 11822000 fl., 1912 nur noch mit 1187000 fl. angesetzt. Die gänzliche Aufhebung ist wiederholt vorgeschlagen. - Eine Nachahmung des K. wurde seit dem Anfang der neunziger Jahre im Kongo-Staat durchgeführt. Die Produkte des wilden Waldes, namentlich Kautschuk, wurden für domanial erklärt. Die Eingeborenen hatten ihre Steuer in Form von Arbeit zur Sammlung der Waldprodukte zu leisten. Für die Arbeit wurde eine kleine Vergütung gezahlt, aber nicht in Geld, sondern in Waren. Das Kongosystem ist sehr einträglich gewesen. Es hat wie das K., und wohl noch mehr als dieses, zu schwerer Bedrückung der Eingeborenen und Mißbräuchen der unteren Verwaltungsorgane geführt. Wie dort war die Arbeit, zu der kein weiterer Anreiz bestand, nur mit dem schärfsten Zwang durchzuführen. Wie dort entwickelte sich bei dem Eingeborenen, da er nichts erwarb, keine Kaufkraft, so daß bei starker Steigerung der Ausfuhr die Einfuhr stabil blieb. Wie dort wurde der freie Handel ferngehalten. Das Kongosystem war noch bedenklicher als das K., weil es die Arbeit der Eingeborenen zum großen Teil Privatunternehmern überließ. Es war minderwertiger, weil die Zwangsarbeit, die im K. landwirtschaftlicher Produktion diente, am Kongo nur zum Sammeln von Waldprodukten diente.

Literatur: Die einzige zutreffende, wenn auch kurze Darstellung des K. in deutscher Sprache ist die von G. K. Anton, Neuere Agrarpolitik der Holländer auf Java. Jahrb. f. Gesetzgbg., Verwaltg. u. Volksw. 1899, 1337 ff. - Eine gute Orientierung gibt Clive Day, The policy and administration of the Dutch in Java. 1904. Aus der großen holländischen Literatur: Encyclopaedie van Nederlandsch- Indie. Bd. I, 407 ff. im Art. "Cultuurstelsel" und Bd. II, 266 ff. im Art. Koffie, Koffiecultuur. - van Soest, Geschiedenis van het Cultuurstelsel, 3 Bde. 1869/71. - N. J. Pierson, Koloniale Politiek. 1877.

Rathgen.