Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 381 ff.

Kronland. Mit K. pflegt dasjenige innerhalb eines Schutzgebiets gelegene herrenlose Land bezeichnet zu werden, an dem sich der Staat das ausschließliche Aneignungsrecht beigelegt hat. In ähnlichem Sinne wird auch die Bezeichnung "Regierungsland" gebraucht (z.B. in Deutsch-Südwestafrika). Hierunter wird indes in erster Linie das vom Fiskus schon in Besitz genommene Land verstanden, während man von herrenlosem Land in den meisten Schutzgebieten einfach als solchem spricht. (Das herrenlose Land fällt nicht schon mit der völkerrechtlichen Okkupation (s.d.) in das Eigentum des kolonisierenden Staats. Es bedarf vielmehr einer besonderen Besitzergreifung.) Inwieweit ein bestimmtes Stück Land wirklich herrenlos ist, ist freilich häufig nur schwer zu bestimmen, da den Eingeborenen ausgeprägte Rechtsbegriffe, die unserem privaten Grundeigentum entsprechen, vielfach fehlen. An dessen Stelle treten Rechte des Stammes und der Sippe, während der einzelne nur eine Art Nutzungsrecht an dem von ihm besessenen Grund und Boden hat. Selbst der tatsächliche Besitzstand ist oft zweifelhaft und wechselnd. Deshalb ist überall in den in Betracht kommenden Schutzgebieten für die Feststellung des herrenlosen Landes ein bestimmtes Verfahren vorgeschrieben, das u.a. auch eine genügende Berücksichtigung der Rechte und der Landbedürfnisse der eingeborenen Bevölkerung gewährleisten soll. - Die Vorschriften über das K. sind für Deutsch-Ostafrika, und für Kamerun in den gleichlautenden Ksl. sog. Kronlandsverordnungen vom 26. Nov. 1895 (KolBl. 1895 Beil. zu Nr. 23, KolGG. 2, 200) und vom 15. Juni 1896 (KolBl. S. 435, KolGG. 2, 232) mit den ebenfalls gleichlautenden Ausführungs-V. des RK. vom 27. Nov. 1895 (KolBl. Beil. zu Nr. 23, KolGG. 2, 202) und vom 17. Okt. 1896 (KolBl. S. 667, KolGG. 2, 291) enthalten. Wie dort (in den §§ 1) bestimmt ist, ist alles Land vorbehaltlich der Eigentums- oder sonstigen dinglichen Ansprüche, welche Private oder Juristische Personen, Häuptlinge oder Eingeborenengemeinschaften nachweisen können, sowie vorbehaltlich der durch Verträge mit der Regierung begründeten Okkupationsrechte Dritter als herrenlos K. Damit sind alle Dritten, denen keine besonderen Rechtstitel zur Seite stehen, von der Besitzergreifung an herrenlosem Land ausgeschlossen. Wie der Wortlaut der Verordnungen bestimmt, soll an K. dem Reich, d. h. nach § 25 der Ksl. V. vom 21. Nov. 1902 dem Fiskus des betreffenden Gebiets, das "Eigentum" zustehen. Unter "Eigentum" ist indes hier nur ein Aneignungsrecht zu verstehen. Eigentümer wird der Fiskus erst durch die tatsächliche Besitznahme des Landes. Zwecks Erforschung und Feststellung der Landverhältnisse werden vom Gouverneur "Landkommissionen" ernannt. Bei der Besitzergreifung von K. in der Nähe von Eingeborenenniederlassungen sind Flächen vorzubehalten, die den Unterhalt der Eingeborenen auch mit Rücksicht auf künftige Bevölkerungszunahme sichern (§ 3 der Ksl. Verordnungen. Hierauf beruht in Deutsch-Ostafrika und Kamerun die Bildung sog. Reservate für die Eingeborenen (s. Reservationen; für Deutsch-Südwestafrika vgl. deswegen die Ksl. V. vom 10. April 1898 [KolBl. S. 199]). In Bezirken, für die ein Grundbuch besteht, geschieht die Eintragung der als K. in Besitz genommenen Grundstücke i n dieses auf Grund einer obrigkeitlichen Bescheinigung, daß die Besitznahme unter Beobachtung der für den Erwerb maßgebenden Bestimmungen gehörig erfolgt ist. Die Gouverneure sind im übrigen auch befugt, Personen und Gesellschaften, die größere wirtschaftliche Unternehmungen beabsichtigen, die Ermächtigung zu erteilen, in Gebieten, wo die Landkommissionen noch nicht in Tätigkeit getreten sind, K. ihrerseits aufzusuchen und auf Grund demnächst festzustellender Bedingungen in Besitz zu nehmen sowie auch von Eingeborenen durch Überlassungsverträge, welche der Genehmigung bedürfen, Land zu erwerben. Die in Deutsch-Ostafrika und Kamerun verliehenen (jetzt meist erloschenen) Landkonzessionen [s. d.] stellen sich zum Teil als Ermächtigungen der hier erwähnten Art dar. In ähnlicher Weise wie für Deutsch-Ostafrika und Kamerun durch die K.verordnungen ist in Togo der Erwerb von herrenlosem Land durch die GouvV. vom 2. Febr. 1910 (KolBl. S. 218) geregelt. Die Feststellung, daß ein Grundstück herrenlos ist - die Bezeichnung als K. ist vermieden -erfolgt dort durch den Bezirksleiter, dessen Entscheidung der Bestätigung des Gouverneurs bedarf. In Deutsch- Südwestafrika fehlt es zwar an einer Bestimmung, wonach das herrenlose Land dem ausschließlichen Aneignungsrecht des Fiskus unterliegt. Indes ist die Besitzergreifung oder Erwerbung von Rechten an herrenlosem Land durch Private an die Genehmigung des Gouverneurs gebunden (§ 2 AusfBest. zur Ksl. V. vom 21. Nov. 1902, vom 23. Mai 1903 [KolBl. S. 357, KolGG. S. 114]), und tatsächlich nimmt die Regierung das herrenlose Land meist ihrerseits in Besitz, um es als Regierungsland zu verwerten. Einen erheblichen Zuwachs hat übrigens das Regierungsland in jenem Schutzgebiet durch die Einziehung des Vermögens der in den Jahren 1904-1907 in den Aufstand getretenen Eingeborenenstämme erfahren (Ksl. V. vom 26. Dez. 1905 [KolBl. 1906 S. 1; KolGG. S. 284]). - In Deutsch-Neuguinea und dem angeschlossenen Inselgebiete hat der Staat das ausschließliche Aneignungsrecht an herrenlosem Lande (GouvV. vom 22. Juli 1904 [KolBl. S. 631] bzw. V. des RK. vom 2. Juli 1901 [KolGG. 6, 358]). Es pflegen dort Eingeborenenreserven von mindestens 1 ha pro Kopf der Bevölkerung ausgeschieden zu werden. In Samoa und Kiautschou ist Herrenloses Land nicht vorhanden. - Was die Verwertung des in Besitz genommenen K. und sonstigen Regierungslandes betrifft, so erfolgt die Überlassung in allen Schutzgebieten durch den Gouverneur. Die Grundsätze, nach denen dies geschieht, sind zum Teil im Verordnungswege festgelegt, zum Teil hat sich eine stehende Praxis herausgebildet. Die Überlassung erfolgt durch Übertragung zu Eigentum oder durch Verpachtung, meist freihändig, nach Ermessen des Gouverneurs auch durch Versteigerung. Für Deutsch-Ostafrika und Kamerun sind durch die Ksl. V. (§§ 6-9) und die V. des RK. (§§ 6-10) die Gouverneure befugt, Bedingungen für die Überlassung von K. nach näherer Anordnung des RK. festzusetzen. Dabei sind genügende Flächen für öffentliche Zwecke, insbesondere auch Waldbestände, deren Erhaltung im öffentlichen Interesse liegt, von der Veräußerung auszuschließen. Auch ist das Recht vorzubehalten, das zu Wegen, Eisenbahnen, Kanälen, Telegraphenanlagen und anderen öffentlichen Einrichtungen erforderliche Land gegen Ersatz des dem Berechtigten wirklich entstandenen Schadens zurückzunehmen. Bei der Überlassung von K. ist der Regel nach als Bedingung zu stellen, daß das erworbene Land binnen einer nach den Umständen des Falles zu bemessenden Frist in einem bestimmten Umfang urbar gemacht, bepflanzt, mit Wohneinrichtungen versehen oder sonst benutzt werde. Für den Fall der Nichtinnehaltung der Bedingungen kann der Rückfall des Landes ohne Entschädigung oder eine Konventionalstrafe ausbedungen werden. Größere Landflächen überläßt der Fiskus nach den Veräußerungsbedingungen in der Regel nur pachtweise und nicht über 25 Jahre. Dem Pächter wird in Kamerun das Recht eingeräumt, die von ihm in Kultur gebrachte Fläche und, wenn er die Hälfte des Pachtlandes in Kultur gebracht hat, die ganze gepachtete Fläche käuflich zu erwerben. In Ostafrika steht es dem Pächter jederzeit frei, das Doppelte des unter Kultur gebrachten Landes käuflich zu erwerben. Zur Verhütung von Latifundienbildungen und Bodenspekulationen ist für Deutsch-Südwestafrika durch die V. des RKA. vom 28. Mai 1907 (KolBl. S. 605) bestimmt, daß in der Regel niemand mehr als 20000 ha fiskalischen Farmlands kaufen oder pachten, und daß der Verkauf oder die Verpachtung nur an Personen erfolgen darf, die ihren Wohnsitz im Schutzgebiet haben oder nehmen und sich verpflichten, das Grundstück selbst oder durch einen weißen Verwalter zu bewirtschaften. Der Käufer einer Farm muß mit der Bewirtschaftung mindestens 6 Monate nach Genehmigung des Kaufvertrags beginnen. Andernfalls kann die Regierung Rückübereignung verlangen. Vor Ablauf von 10 Jahren und vor Bezahlung des vollen Kaufpreises darf er die Farm ohne Genehmigung des Gouverneurs nicht weiterveräußern. In Togo bestand bisher kein Bedürfnis, allgemeine Grundsätze für die Abgabe von K. an Privatpersonen aufzustellen. -Nach eigenartigen Grundsätzen erfolgt der Verkauf von Regierungsland in Kiautschou (GouvV. vom 2. Sept. 1898, 30. März, 31. Dez. 1903 und 5. Mai 1904, KolGG. 5, 198; 7, 299, 312; 8, 280). Das Gouvernement kauft dort nach und nach alle Grundstücke innerhalb des Schutzgebiets von den chinesischen Eigentümern auf. (Näheres s. Grundeigentum.) Das so erworbene Land wird je nach Bedarf im Wege der Versteigerung veräußert, der Bodenspekulation durch eine jährliche Grundsteuer in Höhe von 67, des Grundstückswerts entgegengewirkt. Hat der Ersteher nicht binnen einer ihm gesetzten Frist den von der Regierung genehmigten Benutzungsplan ausgeführt, so erhöht sich die Grundsteuer bis auf 24 %. Wird das Versäumte nachgeholt, so sinkt die Steuer wieder auf 6 %. Bei der Weiterveräußerung des Grundstücks muß der Verkäufer eine Wertzuwachssteuer entrichten. Sie beträgt 33 1/2% des Reingewinns, d.h. des Unterschieds, der sich zwischen dem Erwerbsund dem Verkaufspreise nach Abzug der vom Käufer gemachten Aufwendungen nebst 6 % Zinsen ergibt. Damit der Verkaufspreis nicht zu niedrig angegeben wird, behält sich die Regierung ein Vorkaufsrecht zu dem angegebenen Preise vor. Hat ein Grundstück 25 Jahre hindurch seinen Eigentümer nicht durch freiwilligen Verkauf gewechselt, so kann eine einmalige Abgabe von 331/2 % des Wertzuwachses erhoben werden, der in gleicher Weise wie im Falle des Verkaufs der Reingewinn berechnet wird. S.a. Landgesetzgebung und Landpolitik.

Literatur s. Grundeigentum.

Gerstmeyer.