Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 376ff.

Kreditwesen. Die Eigenart der in kolonialen Ländern bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse bedingt eine von den heimischen Verhältnissen in manchen Punkten abweichende Organisation des K. Es kommt dabei nicht nur das höhere Risiko für den Gläubiger in Frage, sondern es treten auch teilweise ganz neue Ansprüche unter Preisgabe der in der Heimat festgelegten Gebräuche an den Kreditgeber heran. Bei dem Fehlen stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse wie in den alten industrie- und ackerbautreibenden Ländern hängt das noch vielfach im Versuchsstadium befindliche ökonomische Leben in den Ländern von kolonialem Typus viel mehr von den natürlichen Faktoren, dem Klima und dem Boden, ab. Auch die politischen Zustände des betreffenden Landes spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Deshalb ist es erklärlich, daß von dem Kreditgeber bei dem weit größeren Risiko auch eine höhere Risikoprämie, die sich in dem höheren Zinsfuße ausdrückt, verlangt wird. Infolge des geringen Wertes von Grund und Boden und des sehr bald durch Mißwirtschaft oder sonstige Ereignisse verminderten Wertes tropischer Kulturanlagen ist die Persönlichkeit des Kreditnehmers von besonderer Bedeutung. Daraus ergibt sich, daß in allen kolonialen Ländern der Kredit zunächst in der Form des Personalkredits eine Ausbildung erfahren hat. Erst später, wenn Werte geschaffen sind, die in dem Grund und Boden begründet sind, wird der Realkredit einsetzen können. - In Berücksichtigung dieser besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse haben die in Kolonien tätigen Banken die Fälligkeitstermine der von ihnen gegebenen Darlehen den Bedürfnissen ihrer Schuldner entsprechend erheblich verlängert. Es hängt dies auch mit dem Verkaufe der Ernte zusammen. Während für Lombarddarlehen die Frist unter heimischen Verhältnissen drei Monate beträgt, sind die Kolonialbanken im allgemeinen dieser Vorschrift nicht unterworfen, sie diskontieren Wechsel oder geben Darlehen auf längere Zeit, teilweise wie in den holländischen Kolonien, bis auf 8 Monate. Eine besondere Eigenart im kolonialen Kreditverkehr bildet die in manchen überseeischen Ländern übliche Bevorschussung der Ernte auf dem Halm. Die in dieser Weise gegebenen Vorschüsse sind ohne festen Verfalltag, weil der Gläubiger für die Rückzahlung des Darlehens die Beendigung der Ernte abwarten muß. In den deutschen Kolonien steht dem entgegen das deutsche Pfandrecht, das sich nur auf bewegliche Pfänder erstreckt. Die Trennung der Kolonialbanken nach ihren Geschäften ist im allgemeinen nicht so durchgeführt wie in der Heimat. Sie betreiben oft alle Arten des Kreditverkehrs und fungieren als Pfandleiher gegen Übernahme von Waren und Produkten jeder Art, als Diskontierer und als Vermittler für Börsengeschäfte. Sie übernehmen den An- und Verkauf von Wechseln, besorgen das Inkasso von Handelspapieren, übernehmen den An- und Verkauf von Gold und Silber für eigene Rechnung und für Rechnung anderer, übernehmen Depots und regulieren den Geldumlauf. Vielfach sind ihnen weitgehende Rechte der Papiergeldausgabe erteilt, um zur Zeit der Ernte den häufig sehr gesteigerten Geldbedarf zu befriedigen. - Städtischer Hypothekarkredit wird von diesen Banken nur in Ausnahmefällen gegeben. Zur Befriedigung dieses Kredits bedarf es wegen der langfristigen, nicht kündbaren Darlehen besonderer Institute, die sich durch die Ausgabe von Inhaberschuldverschreibungen auf Grund der erworbenen Hypotheken (Hypothekenpfandbriefe) die erforderlichen Mittel verschaffen. In einigen Fällen leihen auch Sparkassen die ihnen mit längerer Kündigungsfrist übergebenen Depositen hypothekarisch aus. -Was die Ausgabe von Banknoten anbelangt, so hat man den damit betrauten Banken häufig dieselben oder ähnliche Verpflichtungen auferlegt wie den einheimischen Notenbanken, Verpflichtungen, die sich in erster Linie auf die Beschränkung des Bankgeschäfts beziehen. Dagegen ist eine neue Art der Sicherstellung der in Umlauf befindlichen kolonialen Banknoten in letzter Zeit zu verzeichnen, indem der Gegenwert der in Zirkulation befindlichen Banknoten durch Bürgschaften heimischer Großbanken sichergestellt ist. Dieses Verfahren hat den Vorteil, daß die Bank in ihren sonstigen Geschäften so gut wie keine Beschränkung erleidet. - Von besonderer Wichtigkeit ist das landwirtschaftliche K. in den Kolonien. Die Organisation dieses K. wird von allen Staaten mit Recht als eine der bedeutsamsten Aufgaben der Kolonialverwaltung betrachtet. Der enge Zusammenhang mit anderen volkswirtschaftlichen Aufgaben, wie besonders die Versorgung der heimischen Industrie mit kolonialen Rohstoffen fordert die besondere Pflege dieses Zweiges des K. und kann vielfach ohne weitgehende Staatshilfe nicht gelöst werden. Der landwirtschaftliche Kredit gliedert sich in Personal-, Meliorations- und freien Bodenkredit. Nur in wenigen Fällen wird es den in Kolonien tätigen Bankinstituten möglich sein, diese Arten des Kredits neben ihrer sonstigen Tätigkeit auszuüben. Allenfalls dürfte es bei dem landwirtschaftlichen Personalkredit möglich sein, da es sich hier um einen kurzfristigen Kredit für Pflanzer und Farmer handelt, welche den Kredit zunächst zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse in der Landwirtschaft zur Beschaffung von Saat, Schlachtvieh u. dgl. benötigen und bei der Rückerstattung der Darlehen auf den jährlichen Ertrag der Ernte usw. angewiesen sind. - Im Gegensatz zu dem kurzfristigen Personal oder Betriebskredit handelt es sich bei dem landwirtschaftlichen Meliorationskredit in den meisten Fällen um langfristigen und vielfach auch seitens des Gläubigers unkündbaren Kredit. Das Hauptfeld der landwirtschaftlichen Meliorationstätigkeit liegt auf dem Gebiete der Bewässerung. Der Meliorationskredit wird meist auf Grund hypothekarischer Sicherheit für einen bestimmten Verwendungszweck und unter Kontrolle der Verwendung des Geldes für diesen Zweck gewährt. Der Kredit kann sowohl einzelnen Personen als auch Genossenschaften oder sonstigen Korporationen gegeben werden. - Falls der Staat die Ausführung wasserwirtschaftlicher Unternehmungen oder von Bewässerungswerken selbst und auf seine eigene Rechnung vornimmt, wird sich die Kreditgewährung an einzelne Personen usw. dementsprechend in engeren Grenzen halten können. Eigens für den Meliorationskredit bestimmte Kreditinstitute, wie in Deutschland die Landeskulturrentenbanken, gibt es in den Kolonien noch nicht. Die in fremden kolonialen Ländern schon bestehenden staatlichen Agrikulturbanken pflegen zumeist neben dem Meliorationskredit auch den landwirtschaftlichen Personalkredit und freien Bodenkredit. In manchen Fällen wird auch der ohne Verwendungszweck, also auch ohne Verwendungskontrolle gegebene reine Bodenkredit das Bedürfnis nach besonderem Meliorationskredit ersetzen können. Das wesentlichste Moment des landwirtschaftlichen Bodenkredits ist seine Unkündbarkeit. In der Regel ist der Bodenkredit, wie auch der Meliorationskredit im Laufe einer bestimmten, meistens ziemlich lang bemessenen Frist zurückzuzahlen. In manchen Fällen bleibt jedoch nach erfolgter Rückzahlung eines Teiles des Darlehns der Rest dauernd auf dem Grundstück stehen. Die Sicherung des Darlehns erfolgt durch hypothekarische Eintragung. Im allgemeinen wird der reine Bodenkredit nur bis zur Hälfte des Wertes des Grundstücks gegeben. Das lebende Inventar (Vieh) bleibt für die Festsetzung des Wertes des Grundstückes außer Betracht; allerdings bestehen auch hierin in einigen Kolonialländern Ausnahmen, indem in Australien z. B. eine Bewertung eines Teiles des Viehbestandes unter Eingehung einer Viehversicherung zulässig ist. Die Beschaffung der recht erheblichen Mittel zur Befriedigung des Bodenkredits geschieht auch durch Ausgabe von Obligationen oder Pfandbriefen. - Die Genossenschaften sind im K. von erheblicher Bedeutung. Nach ihrem ganzen Aufbau sind sie zur Befriedigung des kurzfristigen Personal- oder Betriebskredits berufen. Als Kreditgenossenschaften betreiben sie zumeist fast alle Arten des regulären Bankgeschäftes. Auch für die Vermittlung des Meliorationskredits und die Kontrolle seiner ordnungsmäßigen Verwendung sind sie unter Umständen geeignet. Die Gewährung von Hypothekarkredit gehört in der Regel nicht zu den eigentlichen Aufgaben des Genossenschaftswesens. Wird ein solcher gewährt, so muß seine Befristung vorsichtig bemessen sein, auch wird er oft noch besonderer Sicherung (Bürgschaften usw.) bedürfen. - Auch die Sparkassen sind für das K., im besonderen für das örtliche, von Bedeutung. Sie sollen in erster Linie den Sparsinn der Eingeborenen fördern. Deshalb ist ihre Tätigkeit mehr auf die Gewährung höherer Zinssätze als auf die Erzielung erheblicher Überschüsse gerichtet. Langfristige Depositengelder werden von ihnen auch hypothekarisch ausgeliehen (s. Banken, Bodenkreditbanken, Genossenschaften, Notenbanken, Sparkassen).

Literatur: Zoepfl, Referat über die Kreditorganisation in den deutschen Schutzgebieten. Kolonialblatt v. 1. Febr. 1912.

Zoepfl.