Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 332

Kolonialpolitik Bismarcks. Bismarck verdankt das deutsche Volk, daß theoretische Anschauungen und unbestimmte Wünsche zu einer Kolonialpolitik der Tat wurden. Gegenüber den ersten Anregungen, die schon während des französischen Krieges laut wurden, Kolonien für das Deutsche Reich zu erwerben, verhielt er sich ablehnend, nicht nur der Ausgaben wegen. In der ersten Zeit nach der Reichsgründung bestimmten ihn vor allem Gründe der auswärtigen Politik, die Rücksicht auf die Empfindlichkeit Englands und Frankreichs. Gegenüber wilden und halbwilden Staatswesen schien ihm wichtiger, auf die gemeinsame Wahrnehmung der gleichen Interessen der Kulturvölker hinzuwirken, wie sich das zuerst in Ostasien entwickelt hatte und noch 1884 in der Kongoakte (s.d.) zum Ausdruck kam. Vor allem schien ihm eine Kolonialpolitik des Reiches unmöglich zu sein, wenn sie nicht von einer starken Strömung im Volke getragen sei. Als nun 1880 eine lebhaftere Kolonialbewegung in Deutschland einsetzte, die auf die Gefährdung deutscher Interessen durch die koloniale Expansion andrer Völker hinweisen konnte, und hamburgische und Bremer Kaufleute für ihre Unternehmungen in Westafrika und in der Südsee um Schutz baten, änderte sich Bismarcks Stellung. In einer Zeit politischer Verdrossenheit sah er hier neue Ideale für das Nationalgefühl aufgestellt, die er nicht unbeachtet lassen konnte. Es war die Zeit, in welcher Bismarck nach Übernahme des preußischen Handelsministeriums (1880) sich lebhafter für die Hebung der Ausfuhr und die Förderung überseeischer wirtschaftlicher Interessen einzusetzen begann. Während die vom Reichstage abgelehnte Vorlage, der Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee (s.d.) für ihre Unternehmungen auf Samoa eine Dividende zu garantieren (1880), noch über den Rahmen des persönlichen Schutzes deutscher Kaufleute grundsätzlich nicht hinausging, folgte aus jener neuen Situation der Entschluß, den Schutz der Kaufleute auf deren territoriale Erwerbungen und Niederlassungen auszudehnen, "überall wo auf bisher nicht okkupiertem Gebiete deutsche Niederlassungen begründet werden" (Erklärung an die britische Regierung 19. Aug. 1884). Nach diesem Grundsatz wurde zuerst der Schutz des Reiches für die Erwerbungen von Lüderitz in Südwestafrika ausgesprochen, folgten die Flaggenhissungen an der westafrikanischen Küste und in der Südsee. Den nun neu zum Erwerb kolonialer Besitzungen gegründeten Gesellschaften wurden für Ostafrika und Neuguinea Schutzbriefe erteilt. Die Abgrenzung der erworbenen Gebiete gegen englische und französische Interessensphären wurde in mühseligen Verhandlungen durchgeführt (s. Erwerbung der deutschen Kolonien und Grenzfestsetzungen). Die Grundgedanken Bismarcks sind in der Reichstagsrede vom 26. Juni 1884 enthalten. Seine frühere Abneigung gegen Kolonien nach dem "französischen" System, das als Unterlage ein Stück Land schaffe und dann Auswanderer herbeizuziehen suche, Beamte anstelle, Garnisonen errichte, habe er nicht aufgegeben. Aber er bejahe, nicht unbedingt die Zweckmäßigkeit, sicher aber die staatliche Pflicht, "denjenigen seiner Untertanen, die solchen Unternehmungen im Vertrauen auf des Reiches Schutz sich hingeben, diesen Reichsschutz zu gewähren und ihnen gewisse Beihilfen in ihren Kolonialbestrebungen zu leisten, um denjenigen Gebilden, die aus den überschüssigen Säften des gesamten deutschen Körpers naturgemäß herauswachsen, in fremden Landen Pflege und Schutz angedeihen zu lassen". Diesen zu versagen, sei "eine Bankrotterklärung der deutschen Nation auf überseeische Unternehmungen". Die Absicht sei nicht auf eine exklusive Kolonialpolitik gerichtet, noch auf Verwendung großer Reichsmittel. Die Entwicklung solle der Tätigkeit und dem Unternehmungsgeiste der Kaufleute überlassen bleiben. Nicht in der Form der Annektierung von überseeischen Provinzen, als in der der Gewährung von Freibriefen nach Art der englischen Royal Charters solle vorgegangen werden, "den Interessenten der Kolonie zugleich das Regieren derselben im wesentlichen zu überlassen und ihnen nur die Möglichkeit europäischer Jurisdiktion für Europäer und denjenigen Schutz zu gewähren, den wir ohne stehende Garnison dort leisten können". Wiederholt hat sich dann Bismarck darüber ausgesprochen, wie er sich danach die Verwaltung der Kolonien denke, so besonders in der Reichstagsrede vom 28. Nov. 1885. "Mein Ziel ist nicht der regierende Bureaukrat in jenen Gegenden ... unsere Geheimen Räte und versorgungsberechtigten Unteroffiziere sind ganz vortrefflich bei uns, aber dort in den kolonialen Gebieten erwarte ich von den Hanseaten, die draußen gewesen sind, mehr. Mein Ziel ist die Regierung kaufmännischer Gesellschaften, über denen nur die Aufsicht und der Schutz des Reiches und des Kaisers zu schweben hat." - Es ist anzunehmen, daß Bismarck dieses Programm nicht bloß zur Beruhigung eines wenig bewilligungsfreudigen Reichstages vorgeführt hat. Diese Ausführungen entsprechen in ihrer Unterschätzung des Berufsbeamtentums ganz anderweit ausgesprochenen Ansichten Bismarcks. Sie sind durch die spätere Entwicklung der Schutzgebiete nicht gerechtfertigt, und das Ziel der Verwaltung durch die Interessenten war nicht erreichbar. Zur Zeit dieser Rede zeigte sich das schon im tropischen Westafrika, und Bismarck klagte über die Schwierigkeit, "diesen Unternehmern die Regierung zuzuschieben". Er sprach schon davon, daß man vielleicht "Gesellschaften, die stark genug dazu sind, erst heranpflegen müsse", was dann auch in Südwestafrika, in Ostafrika, in Neuguinea versucht worden ist. Daß Bismarck sich bemüht hat, große Kapitalisten für diese Gesellschaften zu interessieren, ist bekannt. Wenn auch die Regierung durch Gesellschaften schließlich mißglückt ist, so ist es nur billig, daran zu erinnern, daß Bismarck selbst (z.B. in der Rede vom 2. März 1885) betonte, daß man nicht nach einem fertigen System die Kolonialpolitik zur Durchführung bringen könne, sondern sie sich organisch entwickeln lassen müsse. Aber noch in der Begründung der Vorlage, mit welcher Anfang 1889 große Mittel zur Niederwerfung des ostafrikanischen Aufstandes (s. Araberaufstand) gefordert wurden, wird betont, daß das nicht für die materielle Kolonialpolitik, sondern zur Erfüllung der kulturellen Verpflichtungen zur Bekämpfung des Sklavenhandels geschehe. Dabei betonte Bismarck aber in der Rede vom 26. Jan. 1889 doch auch den Wert der zu besetzenden Küste. Welche Bedeutung Bismarck den tatsächlich erworbenen Kolonien beilegte, hat er wiederholt ausgesprochen. Es sei verkehrt, dort sofort große Gewinne zu erwarten. Die Besitzergreifungen bedeuteten zunächst, daß wir uns diese Gebiete für die Zukunft sicherten, etwa wie bei der Mutung eines Bergwerkes. Für die Zukunft aber erwartete er von der Gewinnung von Baumwolle, Kaffee, Kopra und anderen tropischen Produkten eine Vermehrung des deutschen Nationalreichtums. Er wies auf die Erwerbsgelegenheit für gebildete junge Männer hin, und daß diese Kolonien keinen Anreiz zur Auswanderung böten, war in Bismarcks Augen ein Vorzug. Den damals beliebten Spöttereien über die Wertlosigkeit der neuen Besitzungen trat er stets scharf entgegen, und noch in die letzte Zeit seiner amtlichen Tätigkeit fällt es, daß er dem Verkauf des Hauptteils der Besitzungen der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika (s. d.) an ein auswärtiges Konsortium seine Genehmigung versagte. Den Rücksichten der großen auswärtigen Politik hat sich freilich auch die damalige Kolonialpolitik unterordnen müssen. Verschiedene Flaggenhissungen sind nicht aufrecht erhalten, und der von Spanien bestrittene Besitz der Karolinen ist nach dem Schiedsspruch des von Bismarck angerufenen Papstes Leo XIII. (22. Okt. 1885) wieder aufgegeben. In einem gewissen Zusammenhang mit der Kolonialpolitik standen auch die 1884 zuerst beantragten Postdampfersubventionen (s. Postverbindungen). Die eigentlich kolonialpolitisch wichtige Linie, die ostafrikanische, ist freilich erst 1889 bewilligt worden.

Literatur: H. v. Poschinger, Bismarck als Volkswirt, 1889/91. - Die Weißbücher von 1884 bis 1889.

Rathgen.