Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 301 f.

Kindersterblichkeit. Die K. der Eingeborenen der Tropen ist in hohem Maße verschieden von der der Europäer in den Tropen. Die K. der Europäer ist am stärksten im ersten Lebensjahre (Säuglingssterblichkeit), und zwar zeigt sie innerhalb dieses Jahres eine Abnahme von Monat zu Monat. Im allgemeinen ist die Säuglingssterblichkeit der Europäer in den Tropen beträchtlich höher als in der gemäßigten Zone; doch ist es bemerkenswert, daß die Hygiene auch auf diesem Gebiete große Erfolge aufzuweisen hat, daß beispielsweise nach den Berichten der letzten Jahre die Sterblichkeit der Europäersäuglinge in Manila nicht wesentlich höher war als in den Vereinigten Staaten. Entscheidend für die Säuglingssterblichkeit der Europäerkinder ist die Ernährungsart, und es ist nicht genug zu betonen, daß die natürliche Ernährung der Kinder an der Mutterbrust den Säugling auch in den Tropen gut und sicher gedeihen und ihn die gefährdeten ersten Monate ohne Gefahr überstehen läßt. Die junge Mutter soll sich durch anfängliche Mißerfolge im Stillgeschäft nicht abschrecken lassen; in bei weitem den meisten Fällen gelingt das Stillen der Europäermutter in den Tropen ebensogut wie in der gemäßigten Zone, es maß nur der ernste Wille dazu vorhanden sein. Es ist dabei zu bedenken, daß wenn das Stillen durch die Mütterbrust unterbleibt, das neugeborene Kind in sehr viel höherem Maße als in der gemäßigten Zone der Gefahr, durch Ernährungsschaden (Brechdurchfall) zugrunde zu gehen, ausgesetzt ist. Hinderungsgründe für das Stillen - abgesehen von der mechanischen Unfähigkeit und Versagen der Milchproduktion, die in praxi von Laien viel häufiger fälschlich angenommen werden als wirklich vorliegen -gibt es keine, es müßte denn sein, daß die Mutter an einer schweren, konsumierenden Krankheit leidet, wie Tuberkulose, schwere Malariablutarmut u.a. In der großen Mehrzahl der Fälle aber wird die Europäermutter auch in den Tropen imstande sein, ihr Kind selbst zu stillen, wenn sie nur selbst den ernsten Willen hat, ihre natürliche Pflicht in diesem überaus wichtigen Punkte gewissenhaft zu erfüllen. Wenn Stillunfähigkeit oder Hinderungsgründe, wie oben beschrieben, vorliegen, so ist der beste Ersatz der Muttermilch Kuhmilch, die in derselben Weise wie in der gemäßigten Zone vor dem Gebrauch gekocht (am besten im Soxhletapparat) werden muß. Gute Kuhmilch steht leider in den Tropen sehr häufig nicht zur Verfügung, und man ist nicht selten gezwungen, zu Esels- oder Ziegenmilch, die auch verwendbar sind, seine Zuflucht zu nehmen. Wenn auch keine frische Tiermilch vorhanden ist, kommen importierte Milchkonserven in Frage. Diese Milchkonserven kommen teils in natürlicher Beschaffenheit der Milch (nicht eingedickt), teils eingedickt (kondensierte Milch) in den Tropen zur Einfuhr. Die ersteren Präparate sind den kondensierten vorzuziehen, da die letzteren gewöhnlich einen zu starken Zusatz von Zucker aufweisen. Erst in letzter Linie, wenn auch keine brauchbaren Milchkonserven zur Verfügung stehen, kommen Kindermehle (Kufeke, Knorr, Mellin u.a.) in Betracht. Natürlich kommen neben der Gefahr des Nährschadens auch Infektionskrankheiten (s. d.) für die K. in den Tropen - und zwar sowohl der Europäer wie der Farbigen - in Betracht. In erster Linie ist zu nennen die Malaria (s.d.), der ein großer Teil der Europäer- und Eingeborenenkinder der Tropen zum Opfer Fallen. Ferner ist als kaum weniger gefährlicher Feind der Kinder in den Tropen - der Weißen wie der Farbigen - die Anchylostomiasis (s. Ankylostomum) zu nennen, welche durch Blutarmut zu schwerer Schädigung des kindlichen Organismus, zum Zurückbleiben in geistiger und körperlicher Hinsicht und zum Tode führen kann. Im ganzen kann man sagen, daß die das kindliche Leben in den Tropen bedrohenden Gefahren durch Aufmerksamkeit und Gewissenhaftigkeit der Eltern sich in hohem Maße einschränken und abwehren lassen; der Nährschaden der Säuglinge durch Brusternährung, Malaria und Anchylistomiasis durch prophylaktische und therapeutische Maßnahmen, deren Durchführung am besten unter ärztlicher Anleitung erfolgen kann. Über die K. bei Eingeborenen (s.a. Kindesmorde) ist statistisches Material bisher wenig vorhanden. Peiper (Arch. f. Schiffs- und Tropenhygiene 1910, 252) gibt eine Zusammenstellung der Todesursachen bei Eingeborenenkindern aus Ostafrika. Nach ihm bildet auch bei den Eingeborenenkindern der durch künstliche Ernährung entstehende Darmkatarrh die häufigste Todesursache. Im allgemeinen bleibt das Kind der Eingeborenen Ostafrikas an der Brust, bis es imstande ist zu laufen. Jedoch leiden nach Angaben, die Peiper von Dorfältesten im Bezirk Kilwa in Deutsch-Ostafrika erhielt, von 50 Frauen etwa 20 an Milchmangel und müssen Beinahrung geben. Als Beinahrung kommt außer Kuh- und Ziegenmilch besonders ein Brei aus Mehl (Reis, Mais, Negerhirse) in Betracht, der im Hinblick auf die Erkrankung der Kinder an gefährlichen Darmkatarrhen von unheilvoller Wirkung ist. Auf der Untersuchung Peipers basierend wurden vom Gouvernement von Deutsch-Ostafrika Erhebungen in der ganzen Kolonie angestellt, und zwar durch Umfrage bei den Ärzten des Schutzgebietes, über welche im Sanitätsbericht des Jahres 1912 berichtet wird. Aus diesem Berichte geht hervor, daß Muttermilch bei den Eingeborenen Deutsch-Ostafrikas gewöhnlich bis in das 2. bis 3. Lebensjahr gereicht wird. Als Ersatz kommt Kuhmilch und daneben Ziegenmilch in Betracht. Beinahrung neben der Muttermilch wird gewöhnlich bereits in den ersten Monaten nach der Geburt gegeben in Gestalt der oben erwähnten Breie, auf deren die Gesundheit des Kindes gefährdende Wirkung in einem für die Eingeborenenbevölkerung bestimmten, in Suahelisprache abgefaßten und in einer Auflage von 10000 Exemplaren verbreiteten Merkblatte amtlich hingewiesen worden ist. S.a. Gesundheitspflege.

Werner.