Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 248

Katarrhalfieber bei Tieren. Es gibt ein K. des Rindes und des Schafes.

1. Das Katarrhalfieber des Rindes, auch Bösartiges Katarrhalfieber genannt, ist eine ansteckende Krankheit, deren Erreger und Art der Übertragung noch nicht bekannt sind. Die Krankheit tritt in Europa, ferner in Süd- und Ostafrika und in Niederländisch-Indien vereinzelt und seuchenhaft auf. Die Krankheit beginnt mit hohem Fieber, auffälliger Mattigkeit und Teilnahmlosigkeit; manche kranke Tiere knirschen zeitweilig mit den Zähnen und brüllen laut. Schon am ersten, spätestens aber am zweiten Tage beobachtet man Rötung und Schwellung der Lidbindehäute sowie der Nasen- und Maulschleimhaut. Die Augen werden fortwährend geschlossen gehalten; sie tränen. Werden die Augen geöffnet, so bemerkt man, daß die durchsichtige Hornhaut getrübt ist. Aus der Nase macht sich ein zuerst schleimiger, später eitriger übelriechender, zuweilen auch mit Blut untermischter Ausfluß bemerkbar. Das Atmen wird infolge Schwellung der Schleimhaut der Nasenhöhle angestrengt und laut, die Tiere speicheln, und von der Schleimhaut des Maules können Fetzen abgestoßen werden. Weiter stellt sich Durchfall ein, wobei der entleerte dünnflüssige Kot mit Blut oder Gewebsfetzen vermischt sein kann. 50-90% der erkrankten Tiere sterben, und zwar in der Regel zwischen dem 4. bis 12. Tage. Ein Teil der Tiere geht unter fortschreitender Abmagerung nach zwei bis drei Wochen ein. Durch Behandlung kann der Verlauf der Krankheit nur wenig beeinflußt werden. Wegen der ähnlichen klinischen Erscheinungen kann das K. mit Rinderpest (s.d.) verwechselt werden. Es unterscheidet sich von der Rinderpest dadurch, daß bei dieser eine Erkrankung der Augen mit Trübung der durchsichtigen Hornhaut gewöhnlich nicht vorkommt und daß die Krankheit durch das Blut kranker Tiere übertragen werden kann, was beim K. nicht der Fall ist.

2. Katarrhalfieber des Schafes (Blauzunge) ist eine ansteckende Krankheit, die in Südafrika und in Südwestafrika bei Schafen und Ziegen gehäuft auftritt und in einzelnen Jahren in Schafherden größere Verluste verursachen kann. Die ersten sinnfälligen Erscheinungen der Krankheit bestehen in der Abnahme der Freßlust, in Mattigkeit, Fieber, in einer blutigen Entzündung der Maulschleimhaut, wobei größere Gewebsfetzen abgestoßen werden, in einer teigigen Schwellung der Haut und Unterhaut am Vorkopf sowie in der Umgebung des Kehlkopfes. Als besonders auffälliges Merkmal tritt eine blaurote Verfärbung der Zunge hervor (daher der Name Blauzunge). Später werden die geschwollenen Teile hart, und es bilden sich Schrunden; mitunter kann auch eine Entzündung der Augen und Durchfall eintreten. Die Verluste können 40% betragen. Bei Tieren, die genesen, tritt die Genesung nach etwa drei Wochen ein. Die Krankheit läßt sich, im Gegensatz zum K. der Rinder, durch Blut übertragen. Unter natürlichen Umständen wird die Übertragung wahrscheinlich durch Insekten hervorgerufen. Durch das Überstehen der Krankheit wird Immunität herbeigeführt. Theiler hat nachgewiesen, daß man Schafe und Ziegen gegen die Krankheit durch Impfung mit abgeschwächtem Virus schützen kann. Im Theilerschen Institut in Onderstepoort bei Pretoria wird ebenso wie im Veterinärbakteriologischen Institute in Gamams (s.d.) Impfstoff gegen das bösartige K. des Schafes hergestellt und in Tausenden von Dosen abgegeben. - Erwähnt sei, daß die Schafpockenseuche, die in den Jahren 1909 und 1910 in Deutsch-Südwestafrika geherrscht hat, fälschlicherweise für K. gehalten wurde. Die Schafpocken (s.d.) unterscheiden sich vom K. dadurch, daß bei ihnen Knötchen und Knoten auf der Haut auftreten, die beim K. fehlen, ferner daß die blaurote Verfärbung der Zunge fehlt, weiter, daß die Schafpocken von Tier zu Tier verschleppt werden, was beim K. nicht der Fall ist, und endlich dadurch, daß die Mortalität bei den afrikanischen Schafen bei Schafpocken eine viel höhere ist als bei dem K.

v. Ostertag.