Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 229

Kapitalanlagen. Es ist zu unterscheiden zwischen fiskalischen und privaten K. in den Kolonien. Die ersteren können genau nur festgestellt werden auf Grund der Rechnungsabschlüsse über die gesamten Ausgaben. Solche Erhebungen sind zum letztenmal im Jahre 1906 gemacht worden (vgl. Die deutschen Kapitalinteressen in den deutschen Schutzgebieten, Reichstagsdenkschrift Nr. 564) und führten damals zu dem Ergebnis, daß die fiskalischen K. in sämtlichen deutschen Schutzgebieten wie folgt zu bewerten sind: Summe: 60782340 M Inzwischen haben einige dieser K. eine sehr erhebliche Vermehrung erfahren. Dies gilt besonders für Eisenbahnen, deren Ausbau in den letzten fünf Jahren große Förderung durch die Vollendung der ostafrikanischen Zentralbahn, der südwestafrikanischen Nord- Südbahn sowie die Inangriffnahme der Kameruner Mittellandbahn erfahren hat. Die Mittel hierzu sind den Schutzgebieten in der früher nicht angewendeten Form von Schutzgebietsanleihen gegeben worden. Nicht in demselben Maße sind die Anlagekosten für werbende Anlagen anderer Art gestiegen. Für Schiffahrt und Hilfseinrichtungen sind an bedeutenden Anlagen die Hafenanlagen in Tanga, die Landungsbrücke in Togo sowie der weitere Ausbau der Anlagen in Swakopmund neugeschaffen worden. Versuchsgärten sind in größerem Umfange in den Schutzgebieten nicht mehr angelegt worden. Dagegen sind die Anlagen im Wege- und Brunnenbau erheblich gestiegen. Wegebauten haben in größerem Maßstabe in Kamerun und den Südseegebieten stattgefunden. An Brunnenbauten sind in Deutsch- Südwestafrika zahlreiche Neuanlagen geschaffen. Schätzungsweise läßt sich sagen, daß heute die fiskalischen Anlagen in Eisenbahnen auf rund 400 Mill. M, die in Schifffahrtseinrichtungen einschließlich Häfen, Versuchsgärten, Wege-, Wasser- und Brunnenanlagen auf weitere 30 Mill. M bewertet werden können, so daß sich für die fiskalischen K. eine Investitionssumme von etwa 430 Mill.M ergibt. Dazu kommen noch 10 bzw. zunächst 7 1/2 Mill. M der Landwirtschaftsbank für Südwestafrika! Die gewaltige Steigerung gegenüber dem Jahre 1906 springt dabei sofort in die Augen. -Nach der zitierten Denkschrift wurden im Jahre 1906 die privaten K. auf 229131559 M geschätzt. Ferner wurde darin auch das in der Landwirtschaft arbeitende Kapital der Eingeborenen zu erlassen gesucht und mit 616800000 M bewertet. Nach den neuesten Schätzungen sind an privatem Kapital in den deutschen Schutzgebieten etwa 500 Mill. M investiert. Dieses Kapital stellt die Summe dar, die seitens der Gesellschaften in den Kolonien untergebracht ist, nicht aber diejenigen Mittel, welche von Privatpersonen unter der Bezeichnung "Privatunternehmen" oder "Offene Handelsgesellschaft" und von dem größten Teil der Missionen in den Kolonien aufgewendet worden sind. Von diesen 500 Mill. entfallen auf DeutschOstafrika 106, Kamerun 95, Togo 4, Deutsch-Südwestafrika 141, Deutsch-Neuguinea 50, Samoa 51 und gleichzeitig auf mehrere Schutzgebiete 55 Mill. Unterschieden nach der Art der Unternehmungen sind an diesen 500 Mill. M Banken mit 11, Schiffahrtsunternehmungen mit 41, private Eisenbahnen und sonstige Verkehrs- und Telegraphengesellschaften mit 60, der Bergbau mit 111, Pflanzungen und Viehfarmen mit 117, gemischte Betriebe (Handel, Industrie, Gewerbe und Pflanzungen) mit 133 und Diamantenförderer mit 30 Mill. beteiligt. In Deutsch-Ostafrika haben von den 106 Mill. investiert: Banken 5, Schiffahrtsunternehmen 10, Eisenbahnen usw. 21, Bergbauunternehmen 6, Pflanzungs- und Farmbetriebe 48 und gemischte Betriebe (Handel und Industrie) 16 Mill. M. In Kamerun von den 95 Mill.: Schiffahrt 23, Verkehrsgesellschaften 17, Pflanzungs- und Viehzuchtbetriebe 18, gemischte Betriebe (Handel und Industrie) 37. In Togo von 4 Mill.: Pflanzungs- und gemischte (Handel und Industrie) Betriebe je 2. In Deutsch-Südwestafrika von 141 Mill.: Banken 1, Bergbauunternehmen 86, Farmen 15, gemischte Betriebe (Handel und Industrie) 9 und Diamantenförderer 30. In Deutsch-Neuguinea von 50 Mill.: Schiffahrt 0,5, Bergbau 19,5, Pflanzungen 22 und gemischte (Handels- und Pflanzungs-) Betriebe 8. In Samoa von 51 Mill.: Pflanzungen 11 und gemischte (Handels- und Pflanzungs-) Betriebe, 40 Mill. Von den gleichzeitig in mehreren Schutzgebieten investierten 55 Mill. entfallen auf Banken ca. 5, Schiffahrtsunternehmungen 7, Eisenbahnen und andere Verkehrsunternehmungen 22, Pflanzungen 1 und gemischte (Pflanzungs- und Handels- usw.) Betriebe 20 Mill. Über die Rentabilität dieses Kapitals ist das weitere bei Erwerbsgesellschaften (s.d.) gesagt. Rechnet man die fiskalische und private Kapitalinvestition, soweit die letztere in Gesellschaftsform erfolgt, zusammen, so kommt man auf eine Summe von ca. 940 Mill. M. Rechnet man hierzu noch das private in Gesellschaften nicht assoziierte Kapital, so wird man heute ohne die immerhin anfechtbare Kapitalisierung der Eingeborenenkulturen schon zu einer Gesamtkapitalinvestition von annähernd 1 Milliarde M gelangen.

Literatur: Denkschrift der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts "Die Deutschen Kapitalinteressen in den Deutschen Schutzgebieten (ohne Kiautschou)", R.T.-Drucksache Nr. 564/1906. - Dernburg, Koloniale Finanzprobleme, Berlin 1907. - Zoepfl, Kolonien und Kolonialpolitik, im Handwörterbuch der Staatswisssenschaften, Bd. 5. -Jöhlinger, Kolonialschulden und Kolonialanleihen, in Schanz, Finanzarchiv, Jahrg. 31, Bd. 1.

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