Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 142 f.

Kagera, Fluß in Deutsch- Ostafrika, der den größten Teil des Zwischenseengebietes (s.d.) zum Victoriasee (s.d.) entwässert. Die Wasserführung an der Mündung beträgt im Minimum unter 150, im Maximum über 1500 cbm in der Sekunde. Nach dieser Wassermenge - sie dürfte die aller anderen Zuflüsse zusammen übertreffen - und auch nach seiner Länge ist der K. der Hauptzufluß des Victoriasees. Nur 19 km südöstlich vom Kiwu, etwa 2700 m. ü. M., entspringt der Rukarara, die Hauptquelle des mit ihr etwa 225 km langen Njawarongo, der wiederum nach Wassermenge und Länge Hauptquellfluß des K. ist; der zweite Quellfluß des K. ist der etwa 165 km lange Akanjaru. Von der Stelle, wo sie sich zum K. vereinigen, sind es etwa 175 km bis dahin, wo am Südknie des K., oft kurz "Kageraknie" genannt, der etwa 350 km lange Luwironsa-Ruwuwu einmündet, der weit von Südwesten herkommt. Eine neuere Messung ergab für die Regenzeit (März) als Wasserführung des Ruwuwu 177 cbm in der Sekunde, während der K., ebenfalls gleich oberhalb der Vereinigung, nur 84 cbm hatte. Wie dies Verhältnis sich im Jahresdurchschnitt stellt, ist noch unbekannt. Das große SN- Stück des K. vom Süd- zum Nordknie ist etwa 180 km lang. Der K. fließt hier in einem durchschnittlich 300 m tiefen Tal von etwa 2-15 km Breite. Letzteres ist mit Papyrussümpfen und Seen ausgefüllt, vielleicht in seinem ganzen Verlauf ein Graben (s. Schollenland), der ebenso wie die vielen scharfen Richtungsänderungen des ganzen K.systems aus der geologischen Geschichte des Zwischenseengebiets (s.d.) zu verstehen ist. Allerdings hat der Graben auffällig schmale Teile, die auch eine andere Erklärung dieser Strecken möglich erscheinen lassen. 300 m unterhalb der Vereinigung liegen die etwa 15 m hohen Russumofälle. - Vom Nordknie bis zum See hat der K. noch etwa 270 km Lauf, so daß die Gesamtlänge des Rukarara-Njawarongo-K. 850 km beträgt. Bis Kwa Kitobe, 70 km unterhalb des Nordknies, hat der K. zahlreiche Schnellen zu überwinden. Dann beginnt der stark mäandrierende Unterlauf im Alluvium. Von der nur durch eine Schwemmlandbarre leicht gesperrten Mündung bis Kwa Kitobe ist der K. schiffbar, ebenso zwischen Süd- und Nordknie. Oberhalb seiner Mündung ist der Ruwuwu auf 30, vielleicht sogar auf 75 km schiffbar, der K. selbst ist es aufwärts bis zur Vereinigung des Akanjaru mit dem Njawarongo (s.o.) und auf letzterem bis nach Kigali (s. Ruanda), ja noch 40 km weiter, damit auf insgesamt 250 km vom Südknie, allerdings nur für recht flach gehende Schiffe. Das gleiche gilt für den Akanjaru auf 80 km stromaufwärts. Es erscheint recht fraglich, ob alle diese Wasserwege die Hoffnungen erfüllen werden, die die jetzt geplante Ruandabahn (s.d.) von Tabora zum Kageraknie an sie knüpft. Der K. trug zeitweise den Namen AlexandraNil, ist häufig als Quellfluß des großen Stromes, die Rukararaquelle als die Nilquelle bezeichnet worden. Vom entdeckungsgeschichtlichen Standpunkt läßt sich das vielleicht vertreten, kaum vom geographischen. Das Einzugsgebiet des K. ist knapp 62000 qkm groß, d.h. etwas kleiner als der Victoriasee (s.d.), wahrscheinlich übertrifft die Verdunstung auf der Seefläche die Wasserzufuhr des K. um mehr als das Doppelte. Das Seebecken steht nicht in irgendwelchem genetischen Zusammenhang mit der Tätigkeit des K.

Literatur: R. Fitzner, Der Kagera-Nil. BIn. 1899. - R. Kandt, Caput Nili. II. Aufl. Bln. 1905. - H. O. Lyons, The Physiography of the river Nile and its Basin. Cairo 1906. W. Pietsch, Das Abflußgebiet des Nil. Diss. Bln. 1910. - Denkschrift über den Bau einer Bahn nach Ruanda, im Etat für das oa. Schutzgebiet 1914. - Hans Meyer, Der Kagerafluß in O.-A. und die Ruandabahn, ZKolPol. 1914. - ferner s. Zwischenseengebiet.

Uhlig.