Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 396f

Künstliche Bewässerung bezweckt den Boden in dem für die Vegetation erforderlichen Maße anzufeuchten und ihm düngende Stoffe zuzuführen. Meist überwiegt der erste Zweck, namentlich in den warmen Ländern der Tropen und Subtropen mit nur geringen oder auf einen Teil des Jahres zusammengedrängten Niederschlägen. Am einfachsten und billigsten ist das Wasser für Bewässerungszwecke durch Ableitung aus Wasserläufen zu gewinnen. Wo solche nicht zur Verfügung stehen oder ihre Wassermengen nicht ausreichen, muß die benötigte Wassermenge mit Hilfe von Staudämmen (s. d.) in der niederschlagsreicheren Zeit aufgespeichert oder mit geeigneten Vorrichtungen aus dem Untergrund gewonnen werden (s. Wassererschließung). - Von unseren Schutzgebieten sind Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika diejenigen, für welche k. B. von besonderer Bedeutung ist. In Südwestafrika, wo die jährliche Regenmenge nur etwa 120-450 mm beträgt und lang andauernde Trockenzeiten herrschen, läßt sich, abgesehen von begrenzten, hinsichtlich der Wasserverhältnisse günstiger gelegenen Stellen eine Bodenbewirtschaftung ohne künstliche Bewässerung überhaupt nicht durchführen. In Deutsch-Ostafrika, wo die Regenmenge in den niederschlagarmen Teilen schon etwa 500-750 mm beträgt, ist für die Bodenbewirtschaftung eine Unterstützung durch künstliche Bewässerung in der Trockenzeit erwünscht, damit befriedigende Erträge erzielt werden. Da Deutsch-Südwestafrika keine fließenden Gewässer hat, ist man hier darauf angewiesen, das bei Regenfällen in den Trockenbetten - den sog. Rivieren (s. d.) - oft in wenigen Stunden abfließende Wasser durch Staudämme aufzuspeichern oder aus dem Untergrund Wasser zu erschließen. Auf Staudämmen beruhende B.anlagen gibt es im Schutzgebiet erst in sehr geringer Zahl (s. Staudämme). Mit aus dem Untergrunde gewonnenem Wasser haben die Eingeborenen bereits - wenn auch in sehr bescheidenem Umfange - künstliche Bewässerung getrieben, indem sie in den Flußbetten Löcher gruben und daraus das für ihre spärlichen in den Flußrivieren angelegten Felder benötigte Wasser schöpften. Die Ansiedler stellten an den Rändern der Flußriviere Brunnen her, aus denen das Wasser mit Pumpen oder Becherwerken gefördert wird. Von einem Brunnen aus kann in der Regel eine Fläche von 1-3 ha versorgt werden. Diese Art von B.anlagen hat im Schutzgebiet Verbreitung erlangt; sie bleibt aber auf die Schwemmlandstreifen der Flußriviere beschränkt. Abseits der Flußriviere, wo Wasser erst in größeren Tiefen gewonnen werden kann, würden die Kosten der Wasserförderung zu hoch werden. Außerdem sind dort die Grundwassermengen spärlicher und deshalb für die Bewässerung nennenswerter Bodenflächen nicht ausreichend. Zum Studium der B.möglichkeiten in Südwestafrika sind bereits mehrere von Sachverständigen (Rehbock, Kuhn, Schmick) geleitete Expeditionen hinausgegangen. Nach ihren Untersuchungen finden sich an verschiedenen Stellen des Schutzgebiets die technischen und wirtschaftlichen Vorbedingungen für die Anlage größerer Sammelbecken zur Bewässerung umfangreicher Ländereien, die ganzen Siedlungskolonion Raum bieten können. In neuerer Zeit wird besonders der Plan zur Einrichtung von Bewässerungsanlagen im Fischflußgebiet erörtert. In Deutsch-Ostafrika liegen die Verhältnisse für die k. B. insofern günstiger, als dauernd fließende Wasserläufe vorhanden sind, aus denen Wasser mit Hilfe verhältnismäßig kleiner Wehrbauten abgeleitet werden kann. Darauf ist es zurückzuführen, daß sich schon unter den Eingeborenen eine Bewässerungstechnik entwickelt hat. In verschiedenen Teilen des Schutzgebietes, im Paregebirge in Usambara, am Kilimandscharo, auf den Hochländern zwischen Victoria- und Tanganjikasee sowie am Njassa hat diese Technik der Eingeborenen sogar bedeutende Leistungen aufzuweisen. Es gibt dort Bewässerungskanäle, die sich meilenweit ausdehnen. Auf von Europäern geleiteten Pflanzungen sind in Deutsch-Ostafrika Bewässerungseinrichtungen von bemerkenswertem Umfange erst in letzter Zeit angelegt worden. Den Anlaß dazu gab insbesondere der Anbau von Baumwolle, für den in Deutsch-Ostafrika günstige Bedingungen gegeben sind, wenn für regelmäßige ausreichende Anfeuchtung des Bodens gesorgt ist. Größere Anlagen von Baumwollkulturen mit künstlicher B. bestehen bei Kilossa, Sadani und Kilwa; das Wasser dazu wird aus Flüssen entnommen. In Erwägung gezogen ist die B. der östlich von Kilossa sich ausdehnenden Mkataebene. Nach den aufgestellten Entwürfen sollen hier 3000 ha mit aus den Flußläufen des Mukondokwa, Wami, Kissagata und Tame gewonnenem Wasser unter künstliche B. genommen werden. Im Stadium der Voruntersuchung befindet sich das Projekt der Bewässerung der Wembäre-Steppe mit aus dem Victoriasee übergeleiteten Wasser. Über die für die künstliche Bewässerung erforderlichen Wassermengen, die nach dem Klima, den örtlichen Verhältnissen, der Bodenbeschaffenheit und der Art der zu kultvierenden Pflanzen sehr verschieden sein können, liegen abgeschlossene Erfahrungen in den Schutzgebieten noch nicht vor. In Deutsch-Südwestafrika kann der Bedarf für 1 ha Gartenland, das allerdings besonders viel Wasser verlangt, zu 50-80 cbm für den Tag angenommen werden, was bei einer ununterbrochen fortgesetzten B. einer jährlichen Wasserhöhe von rund 1,80-3 m entsprechen würde. Für Getreide und Luzerne genügen im allgemeinen geringere Mengen. Bei dem Nauteprojekt ist mit einer durchschnittlichen jährlichen Überstauung von 0,92 m gerechnet worden. Dem Entwurf für die B. von Baumwolländereien in Deutsch-Ostafrika liegt die Annahme zugrunde, daß dem Boden jeden 10. Tag eine Wassermenge von 4,1 Liter f. d. Sek. u. d. Hektar zugeführt wird, die einer Höhe der Wasserschicht von rund 3,5 cm entspricht. Desgleichen können die Erfahrungen über die Art der Bewässerung (Überstauung in Becken, Überrieselung oder Zuleitung des Wassers in Furchen) noch nicht als abgeschlossen angesehen werden. Bei Gartenland wird meist die Furchenbewässerung angewendet, bei Luzerne meist die Berieselung.

Literatur: Rehbock, Deutsch- Südwestafrika. Berl. 1908. - Alexander Kuhn, Bericht über die im Jahre 1901 nach Deutsch-Südwestafrika entsandte technische Studienexpedition für Bewässerungsanlagen in DeutschSüdwestafrika. Berl. 1904. - Alexander Kuhn, Die Fischflußexpedition, Reisen und Arbeiten in DeutschSüdwestafrika im Jahre 1903. Berl. 1904. Veröffentlichungen des Kolonialwirtschaftlichem Komitees. Fischer.