Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 136

Jute, alte indische Kulturpflanze, neben der Baumwolle (s.d.) heute die wichtigste Faserpflanze. Ihr Anbau ist noch fast ausschließlich auf Indien und den Osten Asiens beschränkt. Sie liefert das unentbehrliche Verpackungsmaterial für die Massengüter des Welthandels. Die echte J. gehört zu den Lindengewächsen und ist eine einjährige Pflanze. Für die Fasergewinnung kommt neben der mehr als Gemüse genutzten Corchorus olitorius in erster Linie C. capsu1aris in Frage. Ihr Hauptkulturgebiet liegt in Indien, vor allem in Bengalen und erstreckt sich von dort bis nach China und in die Mandschurei. Anbauversuche in anderen Gebieten, in Ägypten, den Vereinigten Staaten und auch in den deutschen Kolonien liegen in großer Zahl vor, haben es aber bis jetzt zu einer nennenswerten Produktion nicht bringen können. Gerade in der letzten Zeit fehlte es nicht an Anregungen, die indische Monopolstellung durch Aufnahme der J.kultur in anderen, geeigneten Gebieten zu brechen. Es sind aber nicht nur die Kulturbedingungen, sondern auch Arbeiterfragen, die die Entwicklung der J.kultur erschweren. Die J. gedeiht am besten in heißen, feuchten Gegenden mit regelmäßigem Wechsel von Regen und Sonnenschein. Sie braucht einen fruchtbaren, feuchten, aber durchlässigen Boden. In Bengalen geben die durch die Wanderung der Flußbetten gebildeten Schwemmländereien das geeignetste Kulturland für die J. Die Aussaat erfolgt etwa im März, breitwürfig oder, wenn Maschinen zur Verfügung stehen, als Drillsaat. Wird mit der Hand gesäet, so müssen die jungen Pflanzen auf einen Abstand von 15 bis 20 cm ausgedünnt werden. Nach etwa 4-5 Monaten sind die Pflanzen schnittreif. Vielfach wird die J. im Wechsel mit Reis gebaut. Gut gerotteter Stalldünger sagt den jungen Pflanzen besonders zu. Er ist allen anderen Düngemitteln vorzuziehen. Kurz nach der Blüte und kurz vor dem Fruchtansatz werden die Stengel geschnitten und dann zunächst 1-2 Tage mit dem unteren Ende etwa 30-60 cm aufrecht in Wasser gestellt, nachher ganz hineingelegt und darauf ähnlich wie der Flachs bei uns behandelt. Durch die Vorröste der unteren Teile soll eine möglichst gleichmäßige Aufbereitung der Faser erreicht werden. Sind die Rindenschichten genügend erweicht, so werden die Stengel geschlagen und die Fasern abgezogen. Durch geschicktes Durchziehen durch Wasser und Absuchen der letzten Holzreste wird die Faser weiter aufbereitet und schließlich ausgerungen und zum Trocknen aufgehängt. Die Erntezeit in Indien fällt je nach der Aussaat in die Monate Juni bis Oktober, hauptsächlich aber in den August und September. Der indische Export von J. betrug im Jahre 1911/12 rund 4 Millionen Ballen zu 400 Pfund englisch und an J.abfällen, die zum größten Teil in die Papierfabrikation wandern, 460000 Ballen. Davon geht etwa die Hälfte nach England und 1/5 nach Deutschland. Hamburg importierte 1913 annähernd 1660000 dz fast ausschließlich aus Indien im Werte von etwa 80 Mill. M. Die erste J.spinnerei in Deutschland wurde im Jahre 1861 mit etwa 1000 Spindeln in Vechelde im Braunschweigischen und rund 100 Arbeitern eröffnet. Heute bestehen über 70 Betriebe mit 160000 Spindeln.

Literatur: R. Wolff, Die Jute, ihre Industrie und volkswirtschaftliche Bedeutung. Berlin 1913, Siemenroth.

Voigt.