Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 118 ff.

Jagd und Jagdrecht. Unter J. wird in den Schutzgebieten das Erlegen mit Feuer- oder anderen Waffen (Speer, Pfeil und Bogen), sowie das Töten oder Fangen mittels Netzen, Schlingen, Fallgruben oder anderer Hilfsmittel (auch Gift) aller nach Ländesgebrauch jagdbaren Tiere verstanden, soweit diese Tiere nach den gesetzlichen Bestimmungen als herrenlos zu betrachten sind. Die Art der J.ausübung richtet sich einmal danach, ob diese von Weißen oder von Eingeborenen betrieben wird, ferner nach dem Zweck der J., der Art des Wildes und - bei den Eingeborenen - nach Gewohnheit, Überlieferung und den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln. Als Zweck der J. kommen sportliches Vergnügen, Erholung, Versorgung mit Fleischnahrung, Verhinderung von Wildschaden und Erwerb (z.B. Gewinnung von Elfenbein [s.d.] und Schmuckvogelfedern) vornehmlich in Betracht. - Die Gliederung der Tierwelt der Schutzgebiete und damit die Verteilung der Arten des jagdbaren Wildes auf die einzelnen Landesteile entsprechen im wesentlichen den jeweils herrschenden Vegetationsverhältnissen. So gliedert sich die Tierwelt in Steppenfauna, Waldfauna usw. Für den Wildbestand der einzelnen Landesteile sind außerdem maßgebend: orographische und hydrographische Verhältnisse, Art und Dichte der Besiedlung, Ausdehnung und Verteilung landwirtschaftlicher Betriebe, Intensität und Art der Bejagung einzelner Wildarten u. a. m. Einige Kolonien erfreuen sich noch eines überaus reichen Wildstandes, so Deutsch-Ostafrika - das zu den wildreichsten Ländern der Erde gehört - und gewisse Teile von Kamerun und Deutsch- Südwestafrika. Samoa, andere Gruppen von Südseeinseln und überwiegend auch Togo, hingegen sind wildarm; Deutsch-Neuguinea, speziell Kaiser-Wilhelmsland ist durch den Reichtum an Paradiesvögeln (s.d.) und anderen Schmuckvögeln ausgezeichnet. - Die jagdlich wichtigsten Tiere (ausführliche Listen für alle Kolonien ausgenommen Kiautschou - in "Veröff. des RKA." Nr. 5) sind in den afrikanischen Kolonien die in zahlreichen und verschieden verteilten Arten vorkommenden Antilopen. In Deutsch-Ostafrika ferner: Gnu, Büffel, Giraffen, Zebra, Nashorn, Flußpferd, Elefant, von Raubwild Löwe, Leopard, Gepard, Krokodil, von Vogelwild Hühnervögel, Marabu, Edelreiher. In Kamerun dieselben, mit Ausnahme von Gnu und Zebra, die nicht vorkommen. In Deutsch- Südwestafrika fehlen von den genannten nur der Marabu, in Togo Nashorn, Zebra und Giraffen. Dagegen sind für Deutsch-Südwestafrika zu nennen Wale und Robben. Von den Südseebesitzungen kommt als J.gebiet eigentlich nur Deutsch-Neuguinea in Betracht, und zwar insbesondere Kaiser-Wilhelmsland, wo die Paradiesvögel und andere Schmuckvogelarten das a m meisten bejagte Wild darstellen. Andere jagdbare Tiere daselbst und im Bismarckarchipel sind u. a.: Känguruh, Kasuar, Taubenarten, Krokodil und Schildkröten. Auf verschiedenen Südseeinseln, so auf Samoa, wurden auch verwilderte Haustiere, namentlich Rinder und Schweine gejagt. In Kiautschou kommen von jagdbaren Tieren u.a. Rotwild, Damwild, Rehwild, Hasen, Wölfe, Füchse, Dachse, Edelmarder, Wachteln, Fasanen, Tauben, Schnepfen, wilde Schwäne, Gänse und Enten vor. Wirtschaftliche Werte repräsentieren in den tropisch-afrikanischen Kolonien vor allen anderen Tieren der Elefant (Elfenbein), das Flußpferd (Zähne), das Nashorn (Hörner), Büffel, Elen-, Kudu- und Rappantilope (Gehörne) und endlich Marabu, Edelreiher und Strauß (Federn). Lebendes Wild wird aus Deutsch-Ostafrika zeitweilig in erheblichem Wert ausgeführt. Unter den tierischen Exportprodukten von Deutsch-Südwestafrika spielen Wildhäute und Robbenfelle eine beträchtliche Rolle, unter denen Deutsch-Neuguineas die Bälge von Paradiesvögeln. S.a. die einzelnen Wildarten. - Wildschaden. Als Schädiger land- und forstwirtschaftlicher Betriebe treten in den tropischen Kolonien in erster Linie die Wildschweine hervor. In Deutsch-Ostafrika kommen hinzu Elefanten, Flußpferde, Affen, gewisse Antilopenarten, Gnus, Zebras und bisweilen das Nashorn; in Kamerun richten Elefanten, Flußpferde, Büffel und Affen große Flurschäden an. In Deutsch - Südwestafrika machen sich u.a. Springböcke, Springhasen, Wildschweine, Stachelschweine und Erdferkel bemerkbar. Telegraphenleitungen werden in Deutsch-Ostafrika häufig durch Giraffen, bisweilen auch durch Elefanten zerstört; letztere richten in Kamerun auch an anderen Verkehrsanlagen Schaden an. - Für den Menschen werden in den afrikanischen Kolonien Löwe, Leopard, Krokodil und Giftschlangen gefährlich. Auf die Erlegung dieser und anderer schädlicher Tiere sind in einigen Schutzgebieten Schußprämien ausgesetzt. - Von Krankheiten des Wi1des hat sich in weitgehendem Maße die Rinderpest (s.d.) fühlbar gemacht, die zeitweilig in Deutsch - Ostafrika und Deutsch - Südwestafrika große Verheerungen unter den Büffeln, Gnus und Antilopen angerichtet hat. - Jagdrecht und Jagdgesetzgebung. In den Schutzgebieten haben im Rahmen des § 20 KonsG. nach § 3 SchGG, § 19 KonsGG., Art. 69 EGBGB. mit wenigen Ausnahmen die privatrechtlichen Vorschriften des Preuß. Jagdrechts Geltung; die dem öffentlichen Recht angehörigen Bestimmungen der Reichsgesetze und der daneben innerhalb Preußens in Kraft stehenden allgemeinen Gesetze haben mangels einer gesetzlichen Bestimmung in den Schutzgebieten keine Geltung. Öffentlichrechtliche Beschränkungen der J. sind durch Rechtsnormen geschaffen, und zwar in Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun und Kiautschou durch umfassende J.Verordnungen, in den übrigen Kolonien durch einzelne, in das Jagdrecht fallende jagdpolizeiliche Verordnungen der Gouverneure oder von diesen ermächtigte Dienststellen. Als Jagdstrafrecht kommen für die Schutzgebiete zunächst die Bestimmungen des RStGB.s in Anwendung des weiteren die Strafvorschriften der J.verordnungen der Schutzgebiete. (Ausführliche Bearbeitung des J.rechts aller Schutzgebiete bei Lüders.) - Die geltenden Jagdverordnungen der Kolonien beziehen siech auf die jagdbaren Tiere, die J.scheine und Erlaubnisscheine, Versagung und Entziehung des J.scheins, Befreiungen vom J.scheinzwang, Arten der J.ausübung, Beschränkungen der J. in bezug auf den Gegenstand, örtliche Beschränkungen des J.rechts, Beschränkungen der J.arten, J.beschränkungen für die Eingeborenen und Strafbestimmungen. (Wörtlicher Abdruck aller am 1. Sept. 1913 geltenden Verordnungen und Bekanntmachungen und Aufzählung der früher gültigen - mit Ausnahme von Kiautschou - in "Veröff. des RKA." Nr. 5 (vom 1. Sept. 1913 ab erlassene Bestimmungen s. D. Kol.-Bl.); Aufzählung der bis zum 15. März 1913 für Kiautschou erlassenen Verordnungen und Bekanntmachungen bei Lüders S. 3 mit Quellenangabe.) - Wildschutz. Der Schutz einzelner bzw. aller jagdbaren Tierarten wird erreicht durch: 1. Generelle oder auf Geschlecht oder Altersstufen oder auch örtlich beschränkte Abschußverbote für gewisse Gruppen, Gattungen oder Arten von Tieren; 2. Beschränkung der Abschußzahl für den J.berechtigten und die Dauer des J.scheins; 3. erhöhte J.schein- oder Erlaubnisscheingebühren für die J. auf gewisse Arten; 4. Ausfuhrzölle auf lebende Tiere oder deren Produkte (s. Zölle und Zolltarife); 5. Ausfuhrverbote oder ihnen gleichkommende Bestimmungen; 6. Verbote gewisser Arten der J.ausübung für jedermann oder für Eingeborene; 7. Schonzeiten; 8. Wildreservate (Wildschongebiete, Sperrbezirke), in denen jede Art von J. oder Tierfang verboten ist. Beispiele:
– zu 1. In Deutsch-Ostafrika ist der Abschuß oder Fang verboten von Straußen, Aasgeier, Schlangengeier (Sekretär), Kronenkranich, Eulen, Gorilla, Schimpanse, Seekuh, Schuppentier; Jungtieren und Muttertieren, die ein Junges bei sich haben: von Elefant, Nashorn, Zebra, Giraffe, Flußpferd, Antilopen, Gazellen, Büffel und Gnu, weiblichen Stücken (auch ohne Jungtierbegleitung) von großer Schraubenantilope, kleiner Schraubenantilope, Wasserbock, Hirschantilope, Gras- und Moorantilope, Sumpfbock und Giraffengazelle. Ferner ist die Jagd auf Nashörner bezw. Flußpferden in gewissen Landschaften verboten. In Kamerun besteht ein generelles Abschuß- und Fangverbot für Gorillas, Seekühe, Reiher und Marabus, ferner für nicht ausgewachsene und für weibliche Tiere von Elefant, Flußpferd, Nashorn, Giraffe, Büffel, Antilopen und Gazellen. Im Bezirk Edea ist die Jagd auf Flußpferde überhaupt verboten. In Deutsch-Südwestafrika dürfen nicht gejagt werden: Elefant, Flußpferd, Nashorn, Giraffe, Zebra, Büffel, weibliche Tiere von Eland und Kudu, ferner (weibliche) Strauße und gewisse andere Vögel, sowie Jungtiere aller größeren Antilopen- und Gazellen arten und der Robben. Auf den Marianen ist die Jagd auf verwildertes Rindvieh und auf Hirschwild beschränkt, das Ausheben von Schildkröteneiern ist verboten. Auf Samoa besteht ein allgemeines Verbot der Jagd und des Fangs jeglicher Art von Vögeln, sowie des Wegnehmens von Eiern und der Zerstörung von Nestern (7 Vogelarten sind von dem Verbot ausgenommen). In Kiautschou gilt ein vollständiges Fangverbot für Rotwild, Damwild, Rehwild, Bambushühner und Rebhühner. Ferner sind diejenigen Vögel, die nicht durch die Wildschonverordnung als jagdbar bezeichnet sind, gegen das Zerstören der Nester, Ausnehmen der Eier und Ausnehmen und Töten von Jungen geschützt.
– Zu 2. In Deutsch-Ostafrika ist die Abschußzahl beschränkt für: Nashorn, sämtliche Giraffen, Flußpferd (mit Ausnahme gewisser Bezirke, in denen der Abschuß von Flußpferden entweder unbeschränkt bleibt oder ganz verboten ist), gewisse Antilopen-, Gazellen- und Affenarten, Büffel, Elenantilope, Marabu, weiße Reiher, Zebra und Gnu. In Kamerun werden für die Jagd auf Elefanten und auf Flußpferde, Nashörner, Giraffen oder Strauße besondere Jagdscheine ausgegeben, die nur für einen Elefanten oder für ein Stück der anderen genannten Gattungen gelten. Die Ausgabe von mehr als drei Jagdscheinen dieser Ausgabe für ein Kalenderjahr und einen Inhaber ist nicht zulässig.
– Zu 3. In Deutsch-Ostafrika ist die Erlaubnis zur Jagd und Fang von Elefanten von der Lösung besonderer Erlaubnisscheine abhängig, für die bestimmte Zuschlagstaxen zur Jagdscheingebühr zu bezahlen sind. In Deutsch- Südwestafrika sind die Jagd auf männliche Strauße zu gewissen Zeiten gegen einen besonderen Jagdschein und die Robbenjagd nur gegen einen Erlaubnisschein gestattet. Letzteres gilt auch für die Paradiesvogeljagd in Deutsch-Neuguinea (Kaiser-Wilhelmsland).
– Zu 4. In Deutsch-Ostafrika besteht auf Strauße ein Ausfuhrzoll von 1000 Rp. für 1 Stück und auf Straußeneier von 75 Rp. für 1 Stück (gleichviel ob letztere unausgeblasen oder ausgeblasen, bearbeitet oder unbearbeitet sind).
– Zu 5. In Deutsch-Ostafrika unterliegen unverarbeitete Elefantenzähne von weniger als 15 kg Gewicht der Einziehung. In Kamerun ist die Ausfuhr von und der Handel mit Elefantenzähnen von einem Gewicht unter 2 kg verboten. In Deutsch-Südwestafrika ist die Ausfuhr von Straußen und Straußeneiern verboten; diese Bestimmung findet auf die Ausfuhr in die britischen Besitzungen Südafrikas keine Anwendung.
- Zu 6. In Deutsch Ostafrika ist die Verwendung von Gift zur Tötung von Tieren (ausgenommen Raubwild und gewisse andere schädliche Tiere) verboten; die Jagdausübung mittels Netzen, Schlingen und Fallgruben bedarf besonderer behördlicher Genehmigung. Ähnliche Bestimmungen bestehen in Kamerun und Deutsch- Südwestafrika. Im letztgenannten Schutzgebiet ist den Eingeborenen außerhalb ihrer Stammesgebiete die selbständige Jagdausübung verboten. Ferner unterliegt das JagdRecht der Eingeborenen noch indirekt dadurch einer Beschränkung, daß für sie in allen Schutzgebieten das Führen von Feuerwaffen durch besondere Bestimmungen geregelt ist.
- Zu 7. Schonzeiten bestehen in Deutsch- Südwestafrika für Elefant, Flußpferd, Nashorn, Giraffe, Zebra, Büffel und alle größeren Antilopen- und Gazellenarten und für Robben, in Deutsch-Neuguinea für Paradiesvögel, auf den Marianen für Schildkröten, in Kiautschou für die meisten jagdbaren Tiere.
- Zu 8. Wildreservate bestehen in Deutsch-Ostafrika (15), Kamerun (1), Deutsch-Südwestafrika (3), Togo (2) und Deutsch- Neuguinea (3). Lage und Grenzen der Reservate s. Veröff. RKA. Nr. 5. - Anm. Näheres zu den vorstehend mitgeteilten Bestimmungen sowie Ausnahmen sind aus dem Text der Verordnungen und Bekanntmachungen zu ersehen. S. a. Jagd der Eingeborenen und Jagdtrophäen.

Literatur Jagdhandbuch für Deutsch-Ostafrika. Daressalam, 1912. - E. Lüders, Das Jagdrecht der deutschen Schutzgebiete (Abh. d. Hamb. Kol. Inst., Bd. XV). Hamburg (L. Friederichsen) 1913. - Jagd und Wildschutz in den deutschen Kolonien, herausgeg. vom RKA. (Veröffentl. des RKA. Nr. 5). Jena (O. Fischer) 1913. O. Schillings, Mit Blitzlicht u. Büchse. Leipzig 1907. - Derselbe, Im Zauber des Elelescho. Leipzig 1906. - J. v. Oertzen, In Wildnis und Gefangenschaft. Berl. (Süsserott) 1913. -Außerdem zahlreiche verstreute Mitteilungen in wissenschaftlichen und populären Reisewerken über die deutschen Kolonien.

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