Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 104

Inzucht, die Paarung von Blutsverwandten. Findet I. zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern statt, so spricht man von Inzestzucht. Die Beurteilung des Nutzens oder Schadens der I. kann zunächst von einer Prüfung der Erfahrungen ausgehen. Wichtig sind die Ergebnisse der Tierzucht, da sie eine Nachkommenschaft von höchster Vollendung und Nützlichkeit anstrebt. Hier zeigt sich zunächst, daß die Fixierung und Übertragung einer Eigenschaft, die bei einem oder wenigen Individuen auftrat, durch I. erfolgt. Überhaupt führt I. zur Kräftigung der "Rasse", während Inzestzucht schließlich eine Schwächung mit sich bringen kann, die mit Überfeinerung einhergeht. Wird die I. längere Zeit fortgesetzt, so hat man verminderte Fruchtbarkeit beobachtet, die aber durch Zufuhr frischen Blutes verschwindet. Nur die in allernächster Verwandtschaft und längere Zeit betriebene I. kann daher zur Schädigung der Nachkommenschaft führen. Für den Menschen liegen keine schlüssigen Beobachtungen, vor. Daß I. auch hier vorkommen muß, ergibt folgende Überlegung: Nimmt man eine Bevölkerung von 1000 nicht verwandten Individuen an, die eine unbewohnte Insel besiedeln und untereinander heiraten, schließt man ferner Zuzug Fremder aus und läßt die neue Bevölkerung stets 1000 Individuen betragen, so sind nach spätestens 10 Generationen alle miteinander blutsverwandt, da dann jedes Individuum in seiner Ahnentafel (s.d.) 1024 Individuen der ersten Bewohner führt. Die Blutsverwandtschaft tritt noch Rascher ein, wenn ein Teil der Ehen kinderlos, ein anderer kinderreich oder die Zahl der ersten Siedler geringer ist. Obgleich solche Fälle in kleinen abgeschlossenen Gemeinwesen (Bergvölker, kleine Inseln usw.) öfter eingetreten sein müssen, ist über ihre Schädlichkeit ebensowenig bekannt wie über die I. bei Persern, Ariern, Peruanern oder die Inzestehen der Ptolomäer oder der Inkas; auch die statistisch bekannten Verwandtenehen aus Europa oder bei den Bastards in Deutsch-Südwestafrika lassen keine Schädigung der Nachkommen erkennen, die auf I. bezogen werden müßte. Ist auch eine Beurteilung der I. beim Menschen auf Grund unmittelbarer Beobachtung schwierig, so kann man doch aus allgemeinen Gründen ein Bild ihrer Bedeutung gewinnen, da Inzuchtfolgen auf den bekannten Regeln der Vererbung beruhen. Bei der Befruchtung findet eine Vermischung der elterlichen Eigenschaften statt, daher kommt augenscheinlich letzteren entscheidende Bedeutung für die Bewertung der I. zu. Blutsverwandte besitzen bestimmte Eigenschaften gemeinsam, paart man sie, so treten sie in der Nachkommenschaft verstärkt auf, die Nachkommen selbst werden zwar immer einheitlicher, aber auch einseitiger gestaltet sein. Gerade diese Einseitigkeit kann nun nützlich oder schädlich werden, z.B. je nach der Umwelt (s.d.). Bleibt sie durch Generationen unverändert, so wird die Bevölkerung meistens Nutzen von der I. haben, sobald aber unbekannte Krankheiten eingeführt, neuartige Anforderungen gestellt werden, kurz, die Umwelt erheblich verändert wird, werden Schädigungen hervortreten, da die erworbene Einseitigkeit die Anpassung (s.d.) erschwert oder hindert. Neben der größeren oder geringeren Zahl der bei I. übertragenen gleichartigen Eigenschaften sind diese selbst von Wichtigkeit. Der Regel nach werden alle Eigenschaften der Vorfahren vererbt; dabei ist nicht nur mit der Vererbung guter und nützlicher Eigenschaften zu rechnen, sondern auch mit der von schlechten und schädlichen. Hinzu kommt, daß theoretisch Eigenschaften, die für die Elterngeneration etwa indifferent waren, für die unter stark veränderten äußeren Verhältnissen lebenden Kinder schädlich werden können. Hält man diese Ergebnisse mit den züchterischen zusammen, so ist I. nützlich zur Konsolidierung der Rasse nnd zur Erreichung ihrer Höchstleistung unter gegebenen Verhältnissen. Umgekehrt wird die I. an sich höchstens bei sehr langer Dauer schädlich, und zwar durch Verminderung der Fruchtbarkeit, bringt aber Gefahren für die Nachkommenschaft bei raschen und erheblichen Änderungen der Umwelt und sobald schädliche Eigenschaften der Eltern wie etwa die Disposition zu Krankheiten übertragen werden. Geringe Fruchtbarkeit, fehlende Widerstandskraft, schlechte Gesundheitsverhältnisse einer Bevölkerung sind aber an sich noch keine Beweise für das Bestehen der I., obgleich sie als deren Folgen auftreten. Man wird solche Erscheinungen erst dann auf I. beziehen dürfen, wenn sie in den allgemeinen hygienischen Verhältnissen usw. nicht begründet sind.

Literatur: Reibmayr, Inzucht und Vermischung. Lpz. 1897. - Rohleder, Die Folgen der Bluts- verwandtschaftsehe, Sexualprobleme. 7. Jahrg. 1911.

Thilenius.