Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 91 ff.

Inder. Unter diesem Sammelnamen versteht man in Deutsch-Ostafrika die aus Britisch-Vorderindien und Ceylon nach Deutsch-Ostafrika eingewanderten Eingeborenen, die englische Untertanen sind. (Über die aus der portugiesischen Kolonie Goa in Vorderindien eingewanderte christliche Mischrasse zwischen Portugiesen und Indern s. Goanesen.) Nach dem Jahresbericht 1912/13 waren in Deutsch-Ostafrika 8784 I. vorhanden (von denen etwa 4700 erwachsene männliche Individuen); sie machen also nur 1/1000 = 0,1 % der eingeborenen Bevölkerung aus. - Schon seit historischen Zeiten haben indische Kaufleute die Ostküste Afrikas auf ihren Handelszügen berührt und sich in den Küstenstädten niedergelassen; der Mittelpunkt ihrer Unternehmungen war die Insel Sansibar, wo einzelne indische Firmen ihr Bestehen seit 300 Jahren nachweisen können. Die Haupteinwanderung fand jedoch erst statt, nachdem in Sansibar 1842 ein englisches Konsulat eingerichtet wurde, das sich den Schutz des angloindischen Handels angelegen sein ließ. Von Sansibar aus setzten sich indische Kaufleute in sämtlichen größeren und kleineren Küstenstädten von Deutsch-Ostafrika fest, ins Innere gingen sie jedoch der bestehenden Unsicherheit wegen nicht. Bei der Gründung von Deutsch-Ostafrika waren bereits mehrere Tausend I. anwesend, teils Agenten und Filialen der Sansibar-Großfirmen, teils selbständige Großkaufleute (z. B. der bekannte Millionär Sewa Hadji in Bagamojo), teils kleine Händler für den Verkauf von Negerartikeln und Ankauf von Produkten. Die Großfirmen beschäftigten sich hauptsächlich in mit Bevorschussung der Araberkarawanen, die seit etwa 100 Jahren schon tief ins Innere vordrangen und von dort Elfenbein und Sklaven mitbrachten (s. Karawanenverkehr u. Sklavenhandel); mit Ankauf von Elfenbein und Vieh, das die Eingeborenen des Innern mit eigenen Karawanen zur Küste sandten; und mit Produktenaufkauf im Großen, wie z. B. Kopra, Kopal und Getreide. Andere Produkte wie Felle, Häute, Wachs usw. wurden früher nur wenig exportiert. Die I. waren mit Ausnahme weniger Handwerker ausschließlich Händler und Krämer, niemals Ackerbauer und Viehzüchter. Mit der zunehmenden Befriedung des Landes unter der deutschen Regierung sind die I. auch ins Innere gegangen und sitzen jetzt in allen Verkehrszentren des Schutzgebiets. Die indischen Kaufleute in Deutsch-Ostafrika haben sich allmählich von den indischen Großfirmen in Sansibar emanzipiert; soweit sie nicht mit den deutschen Großfirmen arbeiten, importieren und exportieren sie jetzt selbständig, wozu viel beigetragen hat, daß die Deutsche Ostafrika-Linie die ganze Ostküste Afrikas beherrscht und eine besondere Zweiglinie nach Bombay und sonstigen indischen Häfen laufen läßt. Die I. kaufen jetzt im Innern Produkte jeglicher Art auf, Kautschuk, Wachs, Felle, Häute, Baumwolle, Getreide und sonstige Nahrungsmittel, Elfenbein und wie früher Kopra und Kopal; daneben versorgen sie die Eingeborenen mit den üblichen Negerartikeln: Baumwollstoffen, Perlen, Draht, Steingut- und Glaswaren und sonstigem einfachen Hausrat. Daneben sind jetzt zahlreiche Handwerker (ca. die Hälfte aller I.) vertreten, die teils auf europäischen Bauten als Maurer, ferner als Tischler und Zimmerleute, bei der Eisenbahn, der Flottille und vielen sonstigen europäischen Betrieben beschäftigt sind, teils sich als selbständige Handwerker etabliert haben. Außerdem werden sowohl bei der Regierung als auch bei europäischen Privatfirmen I. als Bureauangestellte verwendet. Indische Ackerbauer und Viehzüchter gibt es in Deutsch-Südwestafrika gar nicht, ebensowenig indische Kulis, im Gegensatz zu Südafrika. - Die I. sind vermöge ihres Erwerbssinns, ihres Fleißes, ihrer Handelsschlauheit und ihrer geringen Bedürfnisse die geborenen Geschäftsleute, gegen die vorläufig noch keine Kategorie der in Deutsch- Ostafrika ansässigen Farbigen konkurrieren kann. Die Araber (s.d.) sind zu sehr Grandseigneurs und die Wasuaheli (s. Suaheli) der Küste zu leichtlebig, um sich nur dem Geldzusammenkratzen zu widmen. Vielleicht werden später einzelne Handelssinn zeigende Stämme, z.B. die Wanjamwesi (s.d.) geeignet sein, die I., wenigstens die Händler und Krämer, zu ersetzen. Vorläufig sind die I. als Zwischenglied zwischen den europäischen Großfirmen und den produzierenden und konsumierenden Eingeborenen nicht zu entbehren. Vor der Aufteilung Ostafrikas zwischen den europäischen Großmächten waren die I. unkontrolliert und konnten vermöge ihrer Schlauheit die Eingeborenen ungestraft betrügen. Jetzt werden unlautere Geschäftspraktiken streng bestraft und die Preise kontrolliert, so daß eine Übervorteilung der Eingeborenen beim Produktenverkauf nicht mehr in dem früheren Umfange möglich ist. Ferner findet in Deutsch-Ostafrika eine Kontrolle der einwandernden I. statt, so daß Kranke, Unbemittelte oder schlechte Elemente zurückgewiesen werden können; auch müssen sie beim Betreten des Schutzgebiets eine Kaution hinterlegen. Ferner werden sie hygienisch scharf überwacht; da sie meist den niederen Ständen und Kasten entstammen, so zeigen sie große Unsauberkeit; hygienischen Maßregeln gegenüber zeigen sie, wie auch in ihrer Heimat, wenig Verständnis. Die größeren indischen Kaufleute, meist Mohammedaner, sind im Schutzgebiet bodenständig geworden; sie besitzen Häuser und Palmen und beabsichtigen gar nicht mehr, nach Indien zurückzukehren. Einige Familien sind schon seit Generationen in Deutsch-Ostafrika, und mancher erwachsene, in Deutsch-Ostafrika geborene I. hat noch nie Indien besucht. Bei diesen I. mehren sich auch die Fälle, daß sie die deutsch- ostafrikanische Landesangehörigkeit erwerben und aus dem englischen Untertanenverband austreten. Die indischen Handwerker, meist Hindus, dagegen sind wenig bodenständig; sie bleiben meist nur eine Reihe von Jahren in Deutsch-Ostafrika, wo höhere Löhne gezahlt werden als in Indien, um dann mit ihren Ersparnissen in ihre Heimat zurückzukehren. Die sog. "I.-Frage" ist vielfach Gegenstand lebhafter Polemik, besonders in der deutschen und englischen Presse gewesen; jedoch hat sie eigentlich nur in Südafrika Bedeutung, wo zwischen den nach Hunderttausenden zählenden, indischen Kulis, Händlern, Arbeitern und Kaufleuten und den Europäern, welche des gemäßigten Klimas wegen dort selber körperlich arbeiten können, ein unüberbrückbarer Gegensatz besteht, zumal die I. dort auch nach politischen Rechten verlangen. Für Deutsch-Ostafrika, wo die wenigen Tausend I. einer Bevölkerung von 7,5 Mill. Eingeborenen gegenüber politisch keine Rolle spielen und auch niemals sich in die Politik des Landes gemischt haben, kann man daher von einer I.-Frage kaum reden. Auch ihre Gegner kommen allmählich zu der Überzeugung, daß sie für den Handel vorläufig noch unentbehrlich sind. - Die I. in Deutsch-Ostafrika teilen sich ihrer Religion nach in folgende Klassen:
1. Mohammedaner (s. Islam und Schiiten) sind fast nur Kaufleute. a) Schiiten: Ismaili, Thenascheri (beide Koja [s.d.]), Bohora (Bahora); näheres s. Schiiten. b) Hanefitische Sunniten: Maiman (Meman). Vereinzelt auch noch andere Sekten.
2. Hindu. Diese sind unter dem Sammelnamen "Banjanen" (s.d.) bekannt und gehören nur den untersten Kasten an. Von den höheren Kastengruppen der Brahmanen und Kschatria sind keine Individuen vorhanden. Die Banjanen sind meist Handwerker (Zimmerleute, Tischler, Schmiede, Klempner, Wäscher, Barbiere), weniger Kaufleute und kaufmännische Angestellte.
3. Buddhisten. Von diesen sind nur wenige vorhanden, meist Schingalesen aus CeyIon als Goldschmiede, Elfenbeinschnitzer, Edelsteinhändler usw.
4. Sikhs sind nur in einzelnen Individuen vorübergehend vorhanden.
5. Zoroastrier, Parsi (s.d.) genannt, sind vereinzelt als Angestellte höherer Art vorhanden (in Sansibar auch als Ärzte, Ingenieure und Rechtsanwälte).
6. Juden, ca. 35, gehören zu den Banu Israel aus Bombay und sind geschickte Handwerker für die Betriebe der Flottille und Werft.

Literatur: Die I. in Deutsch-Ostafrika und Sansibar werden in fast allen einschlägigen Reisewerken und sonstigen Beschreibungen erwähnt und beschrieben. Außerdem beschäftigt sich die deutsche und englische Tagespresse fortgesetzt mit der Inderfrage.

Herrmann.