Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 90 f.

Impfung, in weiterem Sinne die Übertragung eines Krankheitsstoffes auf ein gesundes Individuum, so z.B. auch im Tierexperiment, oder beim Menschen, die Übertragung von lebenden abgeschwächten oder abgetöteten Bakterien (s.d.) zur Erzeugung von Schutzstoffen (s. Immunität und Schutzimpfung), im engeren Sinne für gewöhnlich die Pockenschutzimpfung. Die Entdeckung der Kuhpocken- oder Schutzpocken-I. (Vakzination, lat. vaccinatio) durch den Engländer Edward Jenner im Jahre 1796 ist eine der bedeutendsten der medizinischen Wissenschaft. Schon vorher wußte man, daß das Überstehen der sog. "Kuhpocken" (Vaccine) auch gegen eine Infektion mit den Menschenpocken (Variola) Schutz gewährt. Jenner hat aber erst die systematische I. mit Bläscheninhalt (Lymphe) von Kuhpocken eingeführt und dadurch die Geimpften vor den Blattern (Variola) geschützt. Schon Jenner konnte ferner nachweisen, daß die Kuhpocken auch von einem Menschen auf den andern immer mit demselben Erfolg künstlich übertragbar sind. Dieser sog. "humanisierte" Impfstoff hat dieselbe Schutzwirkung wie der vom Tiere stammende. Weiterhin wissen wir heute auch, daß Material von Menschenpocken (Variola) bei Kälbern die typischen Kuhpocken (Vaccine) hervorruft, deren Rückimpfung beim Menschen Schutz gegen Variola gewährt. Zweckmäßig schwächt man aber den auf Kälber von Menschenpocken übertragenen Krankheitsstoff vor der allgemeinen Benutzung zu I. durch mehrmalige Tierpassagen ab. Dann behält der Impfstoff seine verminderte Virulenz sicher bei. - Die animale Lymphe, die also von Tierpassagen gewonnen wird, schützt auch vor der Übertragung von Infektionskrankheiten (Syphilis od. dgl.), wie sie früher bei Verwendung von humaner Lymphe vorgekommen ist. So wird denn heutzutage allgemein nur noch animale Lymphe verwendet. - Die Lymphegewinnung geschieht in staatlichen Impfinstituten, in den Lymphegewinnungsanstalten, in denen gesunde Kälber an der rasierten Bauchhaut geimpft werden. Nachdem die Kuhpocken zu guter Entwicklung gelangt sind, wird der Impfstoff sorgfältig abgenommen und (in der Regel) zu einer dünnflüssigen Emulsion mit Glyzerinwasser verrieben. Ein Kalb liefert bis zu 5000 Portionen Lymphe, die nach der Präparation in Glasröhrchen eingeschmolzen wird. Sie ist bei Aufbewahrung in kühlem Raume (6-8°) monatelang haltbar. Da aber in den Tropen diese Temperaturbedingungen nicht immer gewahrt werden können, so wird die aus Deutschland bezogene Lymphe daselbst häufig bald unwirksam. Daher ist man mit Erfolg dazu übergegangen, die Lymphe von geimpften Kälbern in unseren Kolonien selbst zu gewinnen. - Die Erfolge der Schutzpocken-I. sind so eklatant und so allgemein bekannt, daß es sich erübrigen dürfte, hier statistisches Material aufzuzählen. - Die Bedeutung der Pockenkrankheit für unsere Kolonien und der Wert der I. ist wiederholt, namentlich in den Medizinalberichten über die deutschen Schutzgebiete hervorgehoben worden. - So sagt z. B. Külz bezüglich Westafrikas im Jahre 1911: "Von allen unter den Eingeborenen auftretenden akuten Infektionskrankheiten verursachen die Pocken die schwersten Verluste." In dieser Erkenntnis sind denn auch durch Regierungsverordnungen Durchimpfungen der Schutzgebiete angeordnet, die alle 5 Jahre wiederholt werden sollen, da der Impfschutz in den Tropen nicht so lange anhält wie bei uns. Eine von Dr. Paschen (Hamburg) im Jahre 1912 im Auftrage des Reichskolonialamts ausgeführte Reise zur Erforschung und Bekämpfung der Pocken in Togo zeitigte reiche Erfahrungen, denen zweckmäßige Vorschläge für die Lymphgewinnung in den Tropen entsprachen. - In Deutschland ist der Impfzwang gesetzlich seit dem 1. April 1875 durch das Reichsimpfgesetz eingeführt: Jedes Kind muß vor Ablauf des 1. Lebensjahres geimpft werden; bei Schulkindern hat im 12. Lebensjahre eine Wieder-I. zu erfolgen, ebenso bei den Militärpflichtigen. -Zweckmäßig läßt man sich vor der Ausreise in die Tropen auch wieder impfen, wenn in den beiden voraufgegangenen Jahren keine erfolgreiche I. stattgefunden hat.

Literatur: Medizinalberichte über die deutschen Schutzgebiete. - Dieudonne, Immunität, Schutzimpfung u. Serumtherapie. J. A. Barth, Leipzig. - Eulenburgs Realenzyklopädie. - Külz, Arch. f. Schiffs- u. Trop.-Hyg. Okt. 1911. Paschen, 8. Beiheft z. Arch. f. Schiffs- u. Trop. Hyg. 1912.

Mühlens.