Deutsches Kolonial-Lexikon (1920), Band II, S. 47 ff.

Hausbau der Europäer. Für die Bauweise in den Tropen sind im Gegensatze zur heimischen Bauweise in bezug auf die allgemeine bauliche Anordnung folgende Gesichtspunkte zu beachten: 1. Weitgehender Schutz der Gebäude gegen die Wirkungen des tropischen Regens und gegen die Sonnenbestrahlung. Dieser Forderung wird entsprochen durch eine 2-3 m breite gedeckte Veranda von 3 - 3 1/2 m Lichthöhe an der Frontseite des Hauses, der an der entgegengesetzten Seite ein gedeckter Umgang entspricht. Ein weit überhängendes Vordach mit niedriger Traufe - 2 1/3 -3 m über dem Fußboden - wird auch der Veranda oder den das Haus umziehenden Loggien ausgiebigen Schatten verleihen. - 2. Reichliche Lichthöhe für die Wohnräume, etwa 3,5-4 m wegen der Schwüle der Luft. - 3. Richtige Stellung des Bauwerkes nach der Himmelsrichtung, damit die in der heißen Zeit herrschende Brise den an der Hauptfront liegenden wichtigsten Bäumen des Hauses ständig und ungeschwächt zugeführt wird. Dabei muß man für den Luftzug möglichst nach allen Seiten Durchgang schaffen, um den Aufenthalt in den Zimmern in der meist mit Feuchtigkeit gesättigten Luft erträglich zu machen. Die Anordnung mehrerer Wohnräume hintereinander im Gebäude der Tiefe nach ist möglichst zu vermeiden, zumal schon die vorgelegten Veranden den Außenräumen an der Front Licht entziehen. In bezug auf die Auswahl der Baustelle ist die Nähe kleiner Tümpel und Wasserflächen, Gruben, in denen Abfallstoffe, leere Konservenbüchsen u. dgl. abgelagert werden, oder Wasser sich ansammeln kann, zu vermeiden; solche Brutstätten für Stechmücken und anderes Ungeziefer sind durch Zuschütten zu beseitigen. Auch niederes Buschwerk und dichtes Gehölz ist in dieser Hinsicht höchst schädlich und die nähere Umgebung des Gebäudes hiervon freizumachen. Da alle Stellen, in denen sich stehendes Wasser sammeln kann, vom Übel sind, so wird man auch Dachrinnen, die hierzu gleichfalls leicht Veranlassung geben, lieber weglassen, wenn nicht auf ihre sorgfältige Anlage und Reinhaltung mit Sicherheit zu rechnen ist. Auch für eine sorgfältige Entwässerung der Baustelle ist Sorge zu tragen. - 4. Weitgehende Rücksicht auf die Möglichkeit der Durchlüftung durch Anordnung großer Fensteröffnungen, unter Umständen auch Durchbrechungen in den oberen Teilen der Wände unterhalb der Decke, die man mit gekreuztem Lattenwerk, stellbaren Holzläden oder mit Drahtnetz verkleidet. - 5. Erhöhte Anordnung des Erdgeschosses, etwa 1-2 m über dem Erdboden, zur Verhütung ungünstiger Einwirkungen der Erdfeuchtigkeit, und zum Schutz gegen weiße Ameisen. In Gegenden, die vom Fieber heimgesucht werden, ist eine noch höhere Lage der Wohnräume über dem Erdboden notwendig, und es wird daher dort das unterste Geschoß von Wohnräumen freizuhalten oder höher über der Erde anzuordnen sein. - Nach der Bauart und den Baustoffen ist zu unterscheiden zwischen tropischen und subtropisehen Kolonien, zwischen der Lage an der Küste und im Innern des Landes, zwischen vorübergehenden oder dauernden Bauten. In den ersten Zeiten nach der Besitzergreifung baute man für vorübergehende Zwecke Schutzbauten mit den einfachsten Mitteln aus Holz, Schilf, Gras, Palmrippen, Bananenblättern usw.; in Südwest z.B. die sog. Hartebeesthäuser, wie sie die Buren oder Bastards noch heute benutzen und auch unsere Ansiedler als Erstlingsbauten errichten: viereckige Hütten aus eingegrabenen Pfählen und Flechtwerk, mit Lehm beworfen und mit Grasdach versehen. In Ostafrika werden die sog. Grashäuser für unsere Beamten zu vorübergehenden Zwecken auf die Dauer von mehreren Monaten mit Vorteil verwendet. Es sind einfache Hütten aus Pfählen erbaut, an die wagerechte Ruten befestigt werden. Die Wände werden von Gras hergestellt, auf Lehmfüllung wird dabei verzichtet, Segeltuch dient als Decke zur Verkleidung des Gras- oder Schilfdaches. Derartige Bauten sind sehr billig und schnell herzustellen, natürlich aber von kurzer Dauer. Immerhin halten sie jedenfalls so lange, wie der Wegebauer oder Bahningenieur an Ort und Stelle zu tun, oder bis der Ansiedler sich sein festes Haus erbaut hat, also etwa 4-5 Monate, bei sorgfältiger Ausführung sogar 2-3 Jahre. Bei den Bomabauten, das sind die befestigten Stationsanlagen, wurden vielfach Luft und Feldbrandziegel mit Lehmmörtel, Dächer aus Matten, Gras, Schilf u. dgl. verwendet. Auch wurden anfangs fertige abgebundene Fachwerkhäuser leichtester Bauart, Zelte, sog. Döckersche Baracken (s. Baracken), Wellblechhäuser u. dgl. hinausgesandt, um für die Weißen die erste Unterkunft zu bieten. Diese Bauten haben sich ebenso wie die Monierbauweise und die Verwendung der Gipsdielen, in den Tropen wenig bewährt, besonders wegen der geringen Widerstandsfähigkeit gegen die Einwirkungen der Sonnenstrahlen. Die Wände sind zu dünn, auf den Gipsdielen haftet der Putz nicht gut, und die unvermeidlichen Hohlräume bilden Brutstätten und Schlupfwinkel für allerhand Ungeziefer. Außerdem sind diese Bauten ziemlich teuer, die Eisenteile rosten schnell, während das Holzwerk von den weißen Ameisen (s. Termiten), angegriffen wird. Man wandte sich daher, sobald man die eingeborenen Handwerker einiger- maßen angelernt hatte, den Steinbauten zu und errichtete die ersten Steinhäuser z.B. in dem Küstengebiet von Ostafrika in arabischer Bauart unter Verwendung des Korallensteins, der allerdings den Nachteil hat, daß er die Feuchtigkeit lange festhält. Hierbei werden die Decken aus dem sog. Boriti, das sind rohe Rundhölzer aus Mangroven oder anderen Hölzern hergestellt. Die Zwischenräume werden durch Platten aus Korallenstein überdeckt, darüber folgt eine Betonabdeckung, oder man legt die Rundholzstangen dicht an dicht, so daß sie den aufgebrachten Lehmschlag ohne weiteres aufnehmen können. Bei den weiteren Bau- ausführungen wandte man sich für die Form des Einzelwohnhauses dem indischen Bungalow zu, das auch in unseren, Kolonien als Vorbild für das bessere Wohnhaus diente. Für die einfacheren Beamtenwohnhäuser und Dienstgebäude erwies sich indes das Bungalow bald als zu kostspielig. – In den ersten Zeiten der Bautätigkeit in Ostafrika hat sich dort ein eigenartiger Tropenstil in massiver Bauweise mit arabischen Architekturmotiven entwickelt (s.a. Baukunst). Dieser Stil hat eine Anzahl ansehnlicher Wohn- und Dienst- gebäude, Kasernen, Zollbauten, Krankenhäuser u. dgl. in Daressalam, Tanga, Kilwa-Kissiwani, Pangani, Bagamojo und Lindi hervorgebracht. Hierbei sind die eingangs aufgestellten Grundsätze im allgemeinen berücksichtigt und Arbeiten und Baustoffe, wie sie das Land selbst bietet, in möglichst weitem Umfange verwendet. Es sind Steinbauten in Putz mit weit ausladenden massiven Dächern, die Umfassungswände aufgelöst in Bogenstellungen oder Loggien, oftmals noch mit unteren pultartigen Zwischendächern versehen. Man baut vielfach breite Wohnveranden, auf denen man Möbel aufstellen kann und den Tag, in der heißesten Jahreszeit selbst die Nacht verbringt. Für Wohndielen und Hallen wie bei uns scheint weniger ein Bedürfnis zu bestehen. Hier würde die ausreichende Licht- und Luftzufuhr Schwierigkeiten machen; wo diese aber fehlt, nisten sich leicht Mücken und allerhand Ungeziefer ein. Die Küche legt man meist außerhalb des Hauses in einen besonderen kleinen Anbau, um das schwarze Personal dem Hause möglichst fernzuhalten. Dieser Zweck wird noch besser erreicht, wenn man den Anbau vom Hause abrückt und mit diesem durch einen schmalen gedeckten Gang verbindet. Unterkellerungen werden in den Tropen nicht angelegt, meist weil das Bedürfnis dazu fehlt. Sie sind nicht zu empfehlen, weil Vorräte, Speisen, und Getränke in solchen Kellerräumen auch wegen der höheren Temperatur des Erdbodens rasch verderben, überdies, da der Aufsicht der Hausfrau entzogen, dem Diebstahl sehr ausgesetzt sind. Besondere Vorratsräume werden in der Regel im Erdgeschoß vorgesehen. Das Holzwerk ist der Termiten wegen besonders gefährdet. Es gibt aber einige Hölzer in den Tropen, die sich als ameisenfest erwiesen haben, so besonders das Mninga- und das Mwuleholz und das sog. rote Eisenholz, Kamballa. Diese werden jetzt für Fenster, Türen, Treppen u. dgl. vielfach verwendet. Um die Dächer der Wohnhäuser möglichst gegen die Sonnenstrahlen zu schützen, hat man mit Erfolg die Anordnung so getroffen, daß über der wagerechten Decke, die aus Wellblech auf Trägern mit darüber aufgebrachtem Lehmschlag. gebildet ist, noch ein niedriger Luftraum folgt, der nach oben durch das flach geneigte Dach abgeschlossen wird. Statt der Formeisen werden im Innern des Landes die dicht an dicht verlegten Rundholzstangen verwendet, auf denen man Lehmschlag oder Beton aufbringt. Die Räume der so hergestellten Häuser halten sich vermöge ihrer doppelten Decke außerordentlich kühl. Besondere Schwierigkeiten im Wohnungsbau sind im Innern des Landes zu überwinden, wo Eisenbahnen oder fahrbare Straßen noch nicht hingedrungen sind und wo es an guten Handwerkern meist völlig fehlt. Die Beförderung der Baustoffe, der Eisenträger, des Zements usw. auf den Köpfen der Träger steigert hier bei weiten Entfernungen die Kosten ins Ungemessene. Man sucht daher den Transport auf die notwendigsten und kostbarsten Baustoffe zu beschränken, also etwa auf Zementsäcke und Wellblechtafeln; denn die kostspieligen Baustoffe können am leichtesten einen gewissen Frachtzuschlag vertragen. Die Bauweise aus rohen Feldsteinen oder Luftziegeln mit Wellblechdächern, die Decke in Boritibauart aus Rundholzstangen bietet hier immer noch den besten Ausweg. Ein gutes Aussehen und bessere Ausführung läßt sich aber selbst bei diesen Bauten erzielen, wenn besondere Sorgfalt angewandt wird und bessere afrikanische Handwerker, die sog. Fundis, zur Verfügung stehen. In sumpfigen Gegenden, wo Fiebergefahr besteht, werden zur Sicherung der Schlafräume die Fenster vielfach mit Mückendrahtnetz bekleidet. Man bringt dann an den Schlaf- und Wohnräumen besondere Vortüren an, durch die ein Eindringen der Stechmücke in die Innenräume verhindert werden soll. Bei Krankenhäusern ist diese Bauart gebräuchlich. In Mückengegenden werden Drahtgewebe (aus dünnem Bronze- oder Aluminiumdraht) bisweilen auch zur Verkleidung der Veranden verwendet, damit man sich abends bei Lampenlicht auf der Veranda ungestört aufhalten kann, wenn man nicht vorzieht, besondere mückensichere Verschläge auf den Veranden aufzustellen, etwa 2 : 2 1/2 m groß und 2 1/2 m hoch mit besonderer Tür, das ganze Rahmwerk ringsum und oben mit Drahtgewebe bezogen. -

Baltzer.